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Der Rausschmiss 16. Dezember 2010

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Es gibt Hilfeplangespräche, die sind gruselig für die Pflegeeltern. Es gibt Sachbearbeiter, die sehen Pflegeeltern nur als Dienstleister. Es gibt Hilfeplangespräche, in denen es nicht um das Kindeswohl geht, sondern nur um die leiblichen Eltern. Dies ist eins von denen.

Entgegen den Wünschen, die man wohl gehegt hat, haben wir eine dreistellige Kilometeranzahl zurück gelegt, um in der Einrichtung, die für Susann zuständig ist, am Hilfeplangespräch teil zu nehmen. Alle sind da: Frau Schwerdtfeger, Frau Gerster, die Therapeutin der Einrichtung, die Bezugserzieherin, Jeannett, die wir gegen den Willen Frau Schwerdtfegers mitgenommen haben, Ruth und ich. Darüber hinaus der für den Kindesvater und für Susann zuständige Sachbearbeiter des Jugendamtes, Herr Sadowczik. Nur einer ist nicht da: Der Kindesvater. Er ist krank.

Eine halbe Stunde warten Ruth, Jeannett und ich draußen im Kalten, während der Rest mit Susann redet. Dann werden wir eingelassen. Jeannett geht mit Susann in ihr Zimmer.

Herr Sadowczik ist ein hoch gewachsener, hagerer Mittdreißiger mit hagerem Gesicht und finsterer Miene.

Frau Schwerdtfeger beginnt in leisem Ton.

“Ich darf Ihnen Herrn Sadowczik vorstellen, den neuen Sachbearbeiter des zuständigen Jugendamtes. Er wird das Gespräch leiten. Entsprechend des KJHG ist die Zuständigkeit für Susann auf das Jugendamt xxx übergegangen.”

Das hat System. Der Überraschungseffekt. Alles, was bisher beschlossen worden ist, hat offensichtlich keine Gültigkeit mehr.

Herr Sadowczik eröffnet das Gespräch.

“Ich möchte klar stellen, dass Sie am nächsten Hilfeplangespräch nicht mehr teilnehmen werden.”

Ruth ist empört.

“Warum sollten wir nicht mehr teilnehmen?” , stößt sie hervor.

Herr Sadowczik sitzt zurückgelehnt auf seinem Stuhl. Sein Kopf ist leicht nach hinten gelehnt. Er signalisiert: Beißt mich doch! Ich fürchte euch nicht. Ich bin das Alphatier.

“Weil ich Sie nicht mehr einladen werde.”

Die durch Arroganz des Sachbearbeiters erfüllte eisige Atmosphäre ist körperlich spürbar.

Ich spüre, wie mein Blut beginnt, zu kochen. Dennoch bemühe ich mich, Ruhe zu bewahren.

“Lassen Sie mich klar stellen. dass die Zusammensetzung der Teilnehmer an diesem Gespräch nicht den Auflagen des Amtsgerichts in seiner Entscheidung über das Sorgerecht entspricht. Dem entsprechend sind zu Hilfeplangesprächen Fachkräfte wie Therapeuten und fachkundige Beistände hinzu zu ziehen. Darüber hinaus wird im letzten Hilfeplan unsere Beteiligung an der weiteren Hilfeplanung als wichtig und notwendig und für Susann als bedeutsam erachtet. Außerdem ist nicht einsichtig, warum Jeannett nicht am Hiilfeplangespräch beteiligt sein sollte, wenn sie doch die leibliche Schwester ist.”

Ich nehme wahr, dass meine Stimme leise, aber scharf klingt. Die Antwort kommt prompt.

“Sie sind nicht mehr Verfahrensbeteiligte und nicht mehr zuständig. Sie sind nicht mehr die Pflegeeltern. Sie waren es doch, die das Kind in Obhut gegeben haben!”

“Moment mal.”, wende ich ein. “Wir haben das Recht auf Besuchskontakte, wie alle leiblichen Eltern auch. Wir wollen Besuchskontakte. Voraussetzung ist allerdings, dass die Einrichtung die Umstände, die zur Inobhutnahme geführt haben, aufarbeitet, damit solche Kontakte gelingen können. Wir erwarten schon, dass Besuchskontakte auch mit Susann gemeinsam vorbereitet werden.”

Ich wende mich an die Therapeutin. “Ist das geschehen? Wir hatten nicht den Eindruck.”

Die Therapeutin antwortet mit einem leisen “Ja, sicher.”

Ich lege nach.

“In wie weit hat das denn statt gefunden und was waren die Ergebnisse? Was wird denn dafür getan, Susanns multiple Traumatisierung und ihr dissoziatives Verhalten aufzuarbeiten? Spätestens nach dem Ereignis bei meiner Schwägerin müsste da ja etwas passiert sein.”

Jetzt wird sie lauter. “Glauben Sie, ich würde Ihnen die Ergebnisse meiner Therapiesitzungen hier bekannt geben? Sie haben nicht das Recht dazu, das zu fordern. Schließlich müsste der Kindesvater ja auch zustimmen!”

Der ist ja zum Glück nicht da…

“Uns würde auch interessieren, ob Susann inzwischen einem Lungenfacharzt vorgestellt worden ist. Susann ist asthmatisch und muss, wie Sie wissen, regelmäßig auf ihre Lungenfunktion hin überprüft werden.”

Das ist wohl recht peinlich. “Das haben wir in jedem Falle vor, wir haben nur noch keinen Termin”, beteuert die Bezugserzieherin.

Jetzt bin ich so richtig schön in Schwung.

“Und was ist mit der Anpassung der Zahnspange? Gibt es da auch keinen Termin?”

“Wir haben das im Blick”, rechtfertigt sie sich erneut. “Wir haben schon einen Termin gemacht.”

“Was ist mit Susanns Dyskalkulie, die vom Schulamt diagnostiziert wurde und für die Frau Schwerdtfeger bereits Maßnahmen genehmigt hat? In wie weit wird das fortgesetzt?”

“Wir haben keine Schwierigkeiten beobachten können, die darauf hin deuten”, ist die einfache, bestechende Antwort.

“Warum bekommt Susann zu Besuchskontakten keine Krankenkassenkarte mit? Wie sollen wir ioder andere nachweisen, dass sie sichberechtigter Weise bei uns aufhält, wenn sie kein Personaldokument bei sich hat? Ist sie eigentlich an unserem Wohnsitz inzwischen ab- und bei Ihnen angemeldet?”

Keine Antwort, nur peinliches Schweigen.

Der coole Herr vom Jugendamt kommt jetzt aus der Reserve. Das ist ihm nun doch zuviel, was wir uns da anmaßen.

“Ich finde das unverschämt, wie sie die Einrichtung hier kritisieren! Dazu haben Sie kein Recht!”, bellt er. “Sie sind nur egoistisch!”

Jetzt reicht es mir.

“Unverschämt ist Ihre Art, mit uns zu reden. Wir haben heraus gefunden, dass Susann mehrfach traumatisiert ist, nicht das Jugendamt. Wir haben eine Therapie eingeleitet und uns um eine spezielle Traumatherapie bemüht. Wir haben Kontakte zu Kliniken aufgenommen. Wir haben Seminare besucht, um unsere Pflegekinder zu verstehen. Wir haben sie in der Schule unterstützt und ihre Gesundheit gefördert. Un Sie nennen uns egositisch?”

Wieder lehnt er sich zurück und zeigt uns seinen Hals.

“Das war gar nicht ihr Job”, schleudert er uns entgegen. “Sie können ja versuchen, gerichtlich Einfluss auf das Hilfeverfahren zu nehmen. Sie werden keinen Erfolg haben. Sie sind nämlich keine Verfahrensbeteiligte. Und was die Besuchskontakte angeht: Susann weigert sich, Sie zu sehen.”

Ich gebe nicht auf.

“Wie stellen Sie sich dann die Kontakte zu ihrer Schwester vor?”

“Da das Geschwisterkind noch bei Ihnen wohnt, haben Sie die Möglichkeit, über diese Besuchskontkte mit zu entscheiden, in Absprache mit dem zuständigen Jugendamt. Ich könnte mir vorstellen, dass sich beide Geschwister in Berlin treffen und zusammen etwas unternehmen. Sie muss Sie als ehemalige Pflegeeltern ja nicht besuchen.”

Was ist mit Weihnachten, will ich wissen.

Die Bezugserzieherin antwortet.

“Weihnachten ist die Einrichtung geschlossen. Susann wird zu ihrem Vater beurlaubt.”

“Ist das nicht mit erheblichen Gefahren verbunden?”, will ich wissen. “Haben Sie in Erwägung gezogen, dass Susann retraumatisiert wird? Schließlich ist der leibliche Vater zugleich die traumatisierende Person.”

“Das lassen Sie mal unsere Sorge sein”, wehrt Sadowczik ab.

Dann werden die Kinder eingelassen.

Jeannett ist völlig überfordert.

“Willst du deine Schwester sehen?”

“Jaaa.”

“Wie wäre es denn wenn ihr euch in Berlin treffen würdet?

“Jaaa”

“Würdest du auch mal hinfahren?”

“Jaaa”

Ende der Veranstaltung. Alle sind peinlich berührt. Unterkühlte Verabschiedung.

Für uns ist es das Fiasko, der Rausschmiss schlechthin. Kindeswohl kam in dieser Veranstaltung nicht vor. Stattdessen Zuständigkeiten, Machtspiele, Aggressionen, Ungereimtheiten. Es ist das Ende unseres Einflusses.

Niemand dieser “Fachleute” scheint sich Gedanken darüber zu machen, was es bedeutet, wenn ein traumatisiertes Kind seinem Peiniger erneut gegenüber tritt. Stattdessen das eigene Wohl, die Einsatzplanung der Einrichtung.

Niemand will sich vorstellen, was passiert, wenn Susann ihren Zug nicht bekommt. Niemand bedenkt, was passiert, wenn Susann in Berlin in Jeannetts Beisein in einem Kaufhaus etwas mitgehen lässt und beide erwischt werden. Sie weigern sich, das Risiko zu erkennen, weil sie es nicht kennen. Jeder kann sich vorstellen, wer einspringen muss, wenn etwas schief geht. Eigentlich sind wir raus aus der Verantwortung. Können wir das durchhalten?

Sind wir Schuld an allem, was schief geht, weil wir nicht durchgehalten haben? Es ging nicht. Aber dass es einmal so kommt, hätten wir uns nicht träumen lassen.

Susanns Besuch 5. September 2010

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Wie fühlt es sich an, wenn man Besuch bekommt von einem geliebten Menschen, den man lange nicht gesehen hat? Jemand, mit dem man sieben Jahre lang unter einem Dach gewohnt hat? Von dem man alles gewusst hat? Und dann ein halbes Jahr nicht mehr kennt?

Wir sind doch wieder angespannt, unsicher. Aber wir haben uns vorbereitet.

Susann kommt um elf Uhr. Sie ist locker, fröhlich, umarmt uns alle. Wie lange hatten wir das nicht mehr!

Es gibt ein schönes Frühstück, so wie früher.

Aber ich will es wissen.

“Oma Lehnchen und Tante Sarah wollten dich nächste Woche mit mir besuchen kommen. Ist das ok?”

Ihr Gesicht strahlt.

“Oh, coool!”

“Was kann man denn so machen bei euch? Was möchtest du unternehmen?”, erkundige ich mich. Natürlich könnte ich das auch übers Internet rausbekommen. Aber ich will wissen, wie sie angekommen ist.

Susann denkt nicht lange.

“Ich will schwimmen gehen.”

“Susann”, sage ich ruhig, “meinst du, das wäre das richtige für Oma und Tante Sarah?

Sie blickt verlegen vor sich hin.

Oma Lenchen kann nur noch mit der Hilfe eines Stocks laufen und Sarah hat wohl Jahrzehnte lang kein Schwimmbad mehr von innen gesehen. So kennen wir sie. Es fällt ihr schwer, sich in andere Menschen hinein zu versetzen. Es ist genug, dass sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen muss.

“Vielleicht Eis essen? Ich kenne mich in der Stadt aus und es ist nicht weit.”

Na, das ist doch was!

“Möchtest du denn auch mal wieder nach Hameln fahren?”

“Klar”, strahlt sie wieder.

Wir besprechen, dass wir der Bezugserzieherin vorschlagen, die zweite Woche nach unserem Urlaub zu nehmen.

Da klingelt das Telefon. Jeannett springt ans Mobilteil. Der Kindesvater ist dran.

Muss das jetzt sein? Jetzt, da er weiß, dass beide Mädchen bei uns sind? Will er sich einmischen? Sehen, wie alles geht?

Er stört. Und das wird er noch öfter tun. Ganz bewusst und mit Absicht. Die Kinder sind aufgedreht, überbieten sich gegenseitig, belanglose Geschichten zu erzählen, schreien durcheinander. So wie früher halt. Die Konkurrenz zwischen beiden wird wieder offensichtlich.

Schließlich fahren wir zum Rummel, essen französisch und fahren Karussell. Zwei Stunden geht das gut. Dann quengelt Susann.

“Kann ich nicht wieder nach Hause?”

Was bedeutet das? Will sie bei uns bleiben? Aber nein…

“Wann fährt denn der Zug?”

Er fährt in einer Stunde. Also setzen wir uns auf eine Bank im nahe liegenden Park und vertilgen unsere Vorräte.

Ein Thema muss ich noch ansprechen.

“Sag mal, du weißt doch, dass dein Papa dein Geld nicht verwalten darf. Das muss jemand anderes machen. Wie wär´s, wenn ich das mache? Würdest du das wollen?”

Vor einem Jahr ist dem Kindesvater die Vermögenssorge entzogen worden. Für beide Kinder hatte ich den Anspruch auf Opferentschädigung durchgesetzt, aber es darf natürlich kein Geld an Täter fließen. Das Gericht hat zunächst die Vermögenssorge an einen Vormund des Jugendamtes übertragen. Aber warum sollte nicht ein ehrenamtlicher Ergänzungspfleger die Opferentschädigungsrente verwalten? Warum nicht ich, der ich beiden Kindern nahe bin und sie gut kenne?

“Kann das nicht Frau Siebert machen?” fragt sie.

“Susann”, versuche ich zu erklären. “Frau Siebert ist deine Bezugserzieherin. Meinst du nicht, dass sie ein bisschen zu viel dafür zu tun hat?”

Susann ist enttäuscht.

Einerseits bin ich zufrieden, dass Susann zu ihrer Bezugserzieherin eine Bindung aufgebaut hat. Andererseits weiß ich: Sie verdient damit ihr Geld, in der Wohngruppe zu arbeiten. Wer würde da eine Vermögenssorge annehmen.

Es ist wie eine kleine Erlösung, als der Zug einfährt. Herzliches Verabschieden, und alle sind zufrieden. Eins ist klar: Eine Übernachtung kommt auf absehbare Zeit nicht in Frage. Schon habe ich beobachtet, wie Susann dissoziiert: Sie guckt dann in die Luft, ist abwesend, nimmt ihre Umwelt nicht wahr. Sie befindet sich dann irgendwo in der Vergangenheit. Wir wissen nicht, ob die Therapeutin der Einrichtung tatsächlich auch die Trennung von uns aufarbeitet. Es sieht nicht danach aus.

Hilfeplanung für Susann 17. Juni 2010

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Heute ist ein wichtiger Tag für Susann und uns alle. Es ist das erste Hilfeplangespräch nach Susanns Umzug. Eine gespannte Atmosphäre herrscht vor. Susann trifft ihren leiblichen Vater das erste Mal seit Jahren wieder. Wir wissen, dass wir Einfluss verloren haben, aber wir möchten uns so gerne einbringen. Wir wissen: Niemand interessiert sich für unseren Abschlussbericht oder unsere Erfahrungen.

Alle sitzen um einen Tisch. Susann zwischen Ruth und mir und ihrer Bezugserzieherin au der einen Seite, Frau Schwerdtfeger, Frau Gerster, die Mitarbeiterin des Jugendamtes, zuständig für den leiblichen Vater und der leibliche Vater von Susann auf der anderen Seite. Frau Schwerdtfeger ist die Leiterin des Gespräches und nach § 35a SGB VII (von seelischer Behinderung bedrohte Kinder) verantwortlich für Susann. Frau Gerster war bisher für Susann zuständig und ist die Sachbearbeiterin für Jeannett.

Mein Vorschlag, Susann doch mindestens für Teile des Gespräches die Teilnahme zu ersparen, wird übergangen. Dabei muss es für Susann eine unkalkulierbare, Angst besetzte, nicht beeinflussbare Situation bedeuten: Sie steht im Fokus des Gespräches, zwischen ihren ehemaligen Pflegeeltern, ihrer Bezugserzieherin und ihrem leiblichen Vater, der zugleich die traumatisierende Person ist. Schlimmer kann es nicht kommen. Aber wir scheinen die einzigen zu sein, die das so sehen.

Susann sitzt mit gesenktem Kopf da, blickt nur Ruth und mir ab und zu verstohlen in die Augen, als wollte sie uns anflehen: “So helft mir doch!” Wenn sie wüsste, wie wenig wir das noch können!

Frau Schwerdtfeger beginnt die Runde. Sie spricht Susann an und schießt Fragen auf Susann ab.

“Wie geht es Dir in der Wohngruppe?”

“Möchtest Du dort bleiben?”

“Wie bist Du in der Schule?”

Susann reagiert einsilbig, noch immer mit gesenktem Kopf. Ja, nein, ganz gut.

Die Bezugserzieherin übernimmt. Susann habe sich gut eingelebt, sie sei gut in der Schule und fühle sich wohl.

Da geschieht es. Ruth und ich sehen uns an. Susann beginnt schneller zu atmen, sie keucht, bekommt keine Luft mehr. Es ist ganz klar ein asthmatischer Anfall. Die Anwesenden sind irritiert, wissen nicht, was los ist.

Frau Schwerdtfeger läuft rot an.

“Schnell, hat nicht jemand ein Notfallspray bei?”

“Wir haben nicht mehr mit einem Asthmaanfall gerechnet, deshalb haben wir kein Notfallspray besorgt und das alte war abgelaufen. Das konnten wir ja nicht wissen.”

Wie naiv. Zum Glück hat Ruth ihr Notfallspray dabei. Wir verabreichen Susann zwei Hübe. Zum Glück bin ich mit Susann oft genug und regelmäßig zum Lungenfunktionstest und zu den Asthmaseminaren gegangen. Automatisch setzt sie sich in den Kutschersitz und atmet ruhig ein und aus. Dann verlässt sie den Raum. Ich folge ihr.

“Geh ruhig wieder rein”, flüstert sie mir draußen zu. “Es ist nur wegen meinem Vater. Ich habe ihn so lange nicht gesehen.”

Als ich den Raum betrete, herrscht stille Betroffenheit.

“Geht es ihr wieder gut?”, erkundigt sich Frau Schwerdtfeger.

“Von gut kann wohl keine Rede sein”, gebe ich zurück, “aber sie ist nicht in Gefahr. Sie braucht jetzt etwas Ruhe.”

Ich wende mich an die Bezugserzieherin.

“Wir haben doch besprochen, dass Susann asthmatisch ist. Haben Sie sie denn einem Lungenfacharzt vorgestellt?”

Sie schaut peinlich berührt, irgendwie ertappt.

“Wir haben das vor, aber es ist so schwer, einen Termin zu bekommen”, erwidert sie.

Ihr gesundheitlicher Zustand sei bisher gut gewesen, es gab keinen Anlass, einen Arzt zu konsultieren. Aber man werde das nachholen.

Im weiteren Gesprächsverlauf stellt sich heraus, dass Susann keinen Förderunterricht mehr an der neuen Schule bekommt. Sie sei durchaus leistungsfähig.

Auf unsere Nachfrage, ob sie denn auf das Hilfeplangespräch angemessen vorbereitet worden sei, wird auf die Verhaltenstherapie durch die innenwohnende Therapeutin verwiesen. Man könne uns keine Details mitteilen, denn das unterliege der ärztliche Schweigepflicht.

Just in diesem Moment geht die Tür auf und Susann erscheint und setzt sich wieder auf ihren Platz, ohne jemanden anzuschauen.

Jetzt will ich es wissen.

“Susann, wie geht es eigentlich mit Deiner Therapie?”, will ich wissen.

Betreten schaut sie vor sich auf den Tisch.

“Einmal war ich schon da, aber ich habe es immer vergessen.”

Einmal in Wochen. So viel für die Vorbereitung der Wiederbegegnung mit ihrem leiblichen Vater. Der sitzt in seinen Stuhl geflezt irgendwie teilnahmslos da.

Ruth ergreift die Initiative.

“Was machst du eigentlich nach der Schule so den ganzen Tag lang?”

“Abhängen, mit Jungs?”

“Und was ist mit der Freiwilligen Feuerwehr? Du warst doch bei uns dabei und hast kein Treffen ausgelassen. Gibt es sowas nicht auch bei euch?”

Die Bezugserzieherin schaltet sich ein.

“Wir haben bisher noch keine Freizeitaktivitäten ins Auge gefasst.”

Frau Schwerdtfeger übernimmt jetzt die Initiative.

“Susann, gibt es irgend etwas, was du dir besonders wünschst?

“Ich würde Jeannett gern zu ihrem Geburtstag besuchen und ich möchte gern, dass ihr mich besucht.”

“Das solltest du aber zuerst mit Jeannett besprechen”, wendet Ruth ein. “Sie hat ihren Geburtstag nämlich schon mit ihren Freundinnen verplant.”

Tatsächlich scheint Jeannett keine Ambitionen zu haben, Susann an ihrem Geburtstag zu empfangen. Zu unterschiedlich sind die Welten, in denen sie jetzt leben.

“Vielleicht könnte man einen späteren Besuchstermin ins Auge fassen, um den Geburtstag nachzufeiern”, wendet Frau Schwerdtfeger ein. Wir würden eine Besuchsfrequenz von vier Wochen befürworten, auch mit Übernachtungen.”

Wir machen deutlich, dass wir so häufige Besuchskontakte nicht befürworten würden. Wie die Lage im Moment ist, würde Jeannett kaum einen Besuch unbeschadet überstehen. An Übernachtungen ist überhaupt nicht zu denken, solange die Trennung von uns mit Susann nicht aufgearbeitet ist. Wir einigen uns auf alle sechs Wochen höchstens.

Zum Schluss bietet Frau Schwerdtfeger dem Kindesvater an, dass Besuche bei Susann in regelmäßigen Abständen stattfinden könnten, ja, sie drängt ihm diese Möglichkeit förmlich auf. Die Reaktion ist unbeteiligt:

“Ja, kann man ja machen.”

Fazit:

Niemand hat auf uns gehört. Unsere Erfahrungen zählen nichts. Man gefällt sich darin, das Rad neu zu erfinden. Zeitweise kommen wir uns wie Störenfriede vor. Aber wir konnten auch die Hilflosigkeit dieser “Helfer” erfahren, wenn es ernst wird. Sie kennen Susann nicht entfernt so gut wie wir. Das ist eigentlich logisch, aber es werden daraus keine Konsequenzen gezogen.

Wozu bin ich mit Susann zum Schulpsychologen gegangen, habe Gutachten erstellen lassen, sie in der Schule fördern lassen, wenn sie nicht weiter gefördert wird? Wozu die regelmäßigen Lungenfunktionstests, die Asthmaseminare, wenn das nicht fortgesetzt wird?

Wir müssen erkennen: Es war ein Trugschluss, anzunehmen, dass Susann besser bei Fachleuten aufgehoben wäre. Wir haben so gut wie keinen Einfluss mehr. Wenn wir noch Einfluss nehmen können, dann indem wir wenigstens Jeannett schützen und ihre Interessen vertreten. Die Möglichkeit, auch die Interessen von Susann zu vertreten, geht inzwischen gegen null. Wir werden uns darauf einzurichten haben.

Termin geplatzt – keine Lösung in Sicht 18. Mai 2010

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Manchmal muss man sich fragen, ob es noch Profis gibt, oder ob wir nur noch Spielball von undurchdachten Entscheidungen sind.

Es war irgend eine Eingebung, die mich dazu bewegt hat, vorsichtshalber in der Kieferorthopädiepraxis anzurufen. Ich hatte für Freitag einen Termin für Susann gemacht, um ihre Zahnspange einzugliedern. Heute ist Mittwoch. Die Einrichtung, in der Susann lebt, weiß Bescheid.

Wir hatten ausgehandelt, dass Susann nicht nach den üblichen Zuzahlungen leisten muss. Das Jugendamt hätte sie nicht übernommen, sondern nur die Kassenleistungen. Der Sinn ist ohnehin zweifelhaft.

Als ich mich erkundige, wann ich mit Susann erscheinen sollte, herrscht zunächst Stille im Telefon. Dann:

“Wir haben keinen Termin für Susann am Freitag.”

“Wir hatten das doch aber so besprochen!”, wende ich ein.

“Mit wem haben Sie das denn besprochen?”

Ob in der Praxis auch die Putzfrau ans Telefon gehen darf?

“Da müssen wir einen neuen Termin machen, und ein Termin wird da auch nicht reichen. Es müssen mindestens zwei Termine sein, im Abstand von einer Woche.”

Offensichtlich haben die Praxismitarbeiter nicht begriffen, dass sich Susann jetzt ein paar hundert Kilometer entfernt wohnt. Großes Unverständnis, als ich einwende, ich müsste das erst mit den zuständigen Erziehern absprechen. Aber auch da gibt es Dienstpläne, die Bezugserzieherin ist nicht erreichbar und die anderen können oder wollen keine Entscheidung treffen.

Termin geplatzt und keine Lösung des Problems in Sicht.

Sicher, es ist nicht einfach, zu verstehen, was da im Moment bei uns passiert. Vor allem für Leute, die keine Vorstellung davon haben, welche Probleme eine solche Übergangssituation mit sich bringt, haben dafür auch kein Verständnis. Für sie sind das wohl alles eben chaotische Familienverhältnisse.

Uns bleibt nur eine Möglichkeit: Weiter kämpfen, alles versuchen zusammen zu führen. Dass Susanns Inobhutnahme erst der Anfang von allem ist, war mir schon immer klar.

Der Umzug 19. April 2010

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
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Heute ist es soweit. Susann verlässt die Krisengruppe und zieht in die heilpädagogische Wohngruppe um. Das hat Frau Schwerdtfeger, Susanns Sachbearbeiterin, so verfügt. Wir sind nach wie vor nicht davon überzeugt, dass es die beste Lösung ist. Aber eine bessere gibt es nicht.

Zwei Stunden dauert die Fahrt in den Osten Deutschlands. Diesmal fahre ich mit meinem eigenen Auto. Die Bezugserzieherin aus der Krisengruppe und das Jugendamt waren der Ansicht, dass es das Beste sei, wenn einer von uns mit fahren würde, um den Übergang fließend zu gestalten.

Susann gibt sich entspannt. Sie richtet sich ihr Zimmer ein, während wir mit dem Dienst habenden Erzieher eine kurze Übergangsbesprechung halten. Es ist offensichtlich, dass es eine Belegung auf Probe ist.

Wie tolerant werden die Erzieher sein? Werden sie mit Susanns aggressiven Ausbrüchen klar kommen? Werden sie Verständnis aufbringen für ihr Verhalten, das die Wurzeln in ihrer Kindheit hat? Werden sie Susanns multiple Persönlichkeit erkennen und sie richtig einschätzen? Werden sie die Dinge in die Wege leiten, die erforderlich sind, um Susanns Gesundheit auf dem Niveau zu erhalten, das wir schließlich in unserer Obhut erreicht haben?

Es bleibt uns nichts übrig als darauf zu vertrauen, dass die jetzt Verantwortlichen professionell entscheiden und handeln.

Mit dem heutigen Tag haben wir ein Stück mehr Einfluss auf Susanns Entwicklung abgegeben. Mich beschleicht ein mulmiges Gefühl. Von nun an wird es nicht mehr so einfach möglich sein, Susann eben mal nach der Arbeit oder am Wochenende zu besuchen. Besuche müssen gut geplant sein. Sie sind kein Alltag mehr. Sie sind ab jetzt etwas Besonderes.

Die neue Heimat? 28. Februar 2010

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Wer umzieht, sieht sich seine neue Heimat ganz genau an. Diese Chance soll auch Susann haben. Deshalb treffe ich mich mit Susann und ihrer Bezugserziehein in der Krisengruppe. Wir fahren morgens 150 km, um uns eine heilpädagogische Einrichtung anzusehen.

Susann sitzt entspannt im Auto. Wir fahren zu dritt. Es wir nicht viel gesprochen.

Nach zwei Stunden Fahrt über Autobahnen und Landstraßen treffen wir endlich ein. Es ist ein kleines Wohnhaus mit steilen Treppen und einer Wohnung für zehn Kinder. Wir sitzen um den Tisch herum und trinken Kaffee. Einige Erzieher sind anwesend und die innenwohnende Therapeutin.

„Wir sind eine offene Wohngruppe.“

Das heißt, nach der Schule haben die Kinder die Möglichkeit, zu tun, was sie möchten. Es gibt kein Programm.

Soll das heißen, die Kinder sind sich selbst überlassen?

Es gibt eine Therapeutin, die immer ansprechbar ist und eine Therapie anbietet. Ihr Fachgebiet ist Verhaltenstherapie. Davon findet man in jeder Stadt an jeder Straßenecke Dutzende. Auf meinen Einwand, dass Susann eine Traumatherapie braucht, erfahren wir, dass es weder andere Kinder- und Jugendtherapeuten noch Traumatherapeuten gibt.

Und noch etwas:

„Wir haben eine Probezeit nach einem Jahr. Innerhalb dieser Zeit haben wir die Möglichkeit, Susann abzulehnen.“

Was soll das heißen? Probeliegen und später eine Rückführung in die Krisengruppe? Das wäre der Super-GAU für Susann.

Susann nimmt alles ohne eine Regung hin. Sie hat schon geäußert, dass sie eigentlich in ihrer jetzigen Einrichtung bleiben will. Das ist klar, wenn man bedenkt, dass der Umzug wieder einen Wechsel des Umfeldes und Abbruch von Beziehungen bedeutet. Aber es ist eben nur eine Zwischenstation für sie.

Wir sind nicht überzeugt. So hatten wir uns die Betreuung durch Fachleute nicht vorgestellt. Andererseits wissen wir, dass heilpädagogische Einrichtungen für traumatisierte Kinder in Deutschland in verschwindend geringer Zahl vorhanden und deshalb meist völlig ausgebucht sind. De Auswahl ist gering. Diejenigen, denen das Leben am schlimmsten mitgespielt hat, können nicht auf viel Unterstützung hoffen.

Der Fehler liegt im System.

Der Geburtstag 26. Oktober 2009

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
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Nach der Supervision fahren Ruth und ich zur Krisengruppe. Es ist ihr Geburtstag, und wir haben ihr versprochen, sie zu besuchen. Jeannett bleibt mit unserer Einzelfallhelferin zu Hause. Sie würde eine Wiederbegegnung mit ihrer Schwester noch nicht durchstehen, wohl, weil sie mit der Situation erst einmal selbst zurecht kommen muss.

Susann freut sich verhalten über die mitgebrachten Geschenke: einige neue Kleidungsstücke und ein tragbarer Radio-CD-Player. Sie hat uns schon erwartet und uns herzlich begrüßt. Wir verbringen etwa zwanzig Minuten in ihrem Zimmer. Mit uns die Gruppe verlassen will sie nicht. Sie scheint hier ihren Schutz gefunden zu haben. Vielleicht ist ihr die ganze Situation auch nur peinlich und die fühlt sich schuldig, obwohl wir ihr uns bemühen, diesen Eindruck nicht aufkommen zu lassen. Das Gespräch verläuft oberflächlich. Wie geht es Dir, hast Du schon Freunde gefunden, wie läuft´s in der Schule. Was können wir wohl auch sonst noch sagen, ohne dass es Wunden aufreißt. Susann zeigt keine Anzeichen von Enttäuschung, dass Jeannett sie heute nicht besucht. Wir erklären ihr nur, dass es Jeannett nicht gut geht.

Susann erzählt uns, dass ihre Zimmermitbewohnerin bis spät in die Nacht Jungenbesuch hat und im Zimmer raucht. Die Erzieherin hat das bemerkt und dem Treiben ein Ende gesetzt.

Bei einem Gespräch mit ihrer Bezugserzieherin stellt sich heraus, dass Susann in der Schule von einem Jungen geschlagen und leicht verletzt worden ist. Sie sei aber unauffällig und ruhig und füge sich gut in die Gruppe ein.

Auf der Heimfahrt versuchen wir, die Situation für uns klar zu kriegen. Das, was wir uns nicht gewünscht haben, ist nun eingetreten. Susann ist in der Gesellschaft von Jugendlichen, die aus unterschiedlichsten Gründen in Obhut genommen wurden, zum Teil nur wenige Tage in der Krisengruppe verbringen. Läuft da in der Schule etwas verkehrt? Geht es ihr gut? Was denkt und fühlt sie? Wir merken zum ersten Mal, dass wir nicht mehr verantwortlich sind, nicht mehr eingreifen können. Bei uns zuhause wäre ich sofort zur Schule gegangen und hätte alles geklärt. Wir sind jetzt machtlos und nicht mehr Teil der Entwicklung. Wir sind nur froh darüber, dass Susanns Bezugserzieherin sehr professionell, aber auch sensibel reagiert, auch uns gegenüber.

Was bleibt, ist ein schales Gefühl und die Gewissheit, nichts mehr tun zu können und zu dürfen.

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