Besuch zum Geburtstag

Pflegeeltern sind meist die jenigen, die ihren Pflegekindern den Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie ermöglichen. Das tun sie trotz erheblicher Bedenken und sie kennen die auswirkungen, besonders bei traumatisierten Kindern. So gesehen arbeiten sie gegen die Interessen der Kinder und gegen das Kindeswohl.

Das dies so ist, erfahren wir heute wieder einmal. Wir fahren mit Jeannett zu der Einrichtung, in der Susann lebt. Es ist eine gute Stunde Fahrt. Spannung liegt in der Luft. Der Kindesvater wird auch zu Besuch kommen.

„Daddy“, platzt es plötzlich aus Jeannett heraus, „Ihr seid doch aber in der Nähe. Vielleicht will ich abgeholt werden.“

„Klar“, bekräftige ich. „Wir sind in der Nähe und du kannst uns jederzeit anrufen.“

Wir kommen an. Der Kindesvater ist noch nicht da, so haben wir noch etwas Zeit, mit Susanns Bezugserzieherin zu reden. Susann freut sich verhalten über ihr Geburtstagsgeschenk.

„Wir möchten schon, dass Susann uns besucht“, beginne ich. „Aber wir würden es begrüßen, wenn mit Susann und uns die Trennung von ihr aufgearbeitet werden kann. Wir würden dafür zur Verfügung stehen.“

„Das ist nicht ganz einfach“, antwortet die Erzieherin, „Susann nimmt nicht regelmäßig an der Therapie teil.“

Wir haben es geahnt. Was soll auch die Verhaltenstherapie. Susann müsste sich jemandem öffnen dürfen, der wirklich ihr Vertrauen hat. Was wir uns vorstellen, sind Besuchskontakte, die unter einem Thema stehen. Ein Theaterbesuch, ein Ausflug zusammen mit Jeannett. Wir haben nicht vor, irgend etwas dem Zufall zu überlassen, wie das Jugendamt es beabsichtigt. Was dabei heraus kommt, ist absolut unberechenbar.

Ein solcher Anlass ist Jeannetts Konfirmation.

„Lassen Sie uns mal über Jeannetts Konfirmation reden“, rege ich an. „Susann sollte morgens anreisen und abends wieder zurück zur Einrichtung fahren. Eine Übernachtung halten wir zum jetzigen Zeitpunkt für nicht angebracht, so lange Susanns Beziehung zu uns und ihrer Schwester noch nicht aufgearbeitet und geklärt ist.“

Die Erzieherin stimmt zu, weniger aus Überzeugung denn aus organisatorischen Gründen. Eine weitere Voraussetzung ist, dass der Kindesvater nicht kommt. Erstens, weil Jeannett erst dann zustimmen würde, wenn er ihre Fragen zu ihrer Herkunft beantwortet hätte. Zweitens: Was würde passieren, wenn er wirklich kommen sollte? Wir sind Jeannetts Familie, wie sollten wir ihn bei unseren Freunden und Verwandten vorstellen? „Das ist der Vater unserer Pflegekinder, der sie jahrelang vernachlässigt hat“? Für uns ziemlich undenkbar.

Mit einem unguten Gefühl lassen wir die Kinder bei Susann in der Einrichtung und entscheiden uns für einen Spaziergang.  Dennoch sind unsere Gedanken immer bei Jeannett. Aber sie ruft uns nicht an, ruft nicht nach Hilfe. Ein gutes Zeichen?

Erst gegen 18 Uhr meldet sie sich. Ob wir sie vom Kino abholen können und zusammen mit ihrem Vater ins Heim fahren können. Natürlich tun wir das. Aber die Stimmung im Auto während der kurzen Fahrt ist eisig.

Auf der Rückfahrt erzählt Jeannett, dass sie sich in der Begleitung ihres Vaters und ihrer Schwester nicht wohl gefühlt hat. Sie hat den Kinoeintritt selbst bezahlen müssen. Zum Glück haben wir sie mit ausreichend Geld versorgt. Vom Rest hat sie sich mit Zustimmung des Kindesvaters Ohlöcher stechen lassen und Ohrringe gekauft. Kein Mensch fragt, ob das in unserem Sinn wäre. Außerdem, berichtet sie, wären Susann und ihr Vater ständig über Ruth her gezogen. Das hat Jeannett natürlich in einen Loyalitätskonflikt gebracht, der nur schwer erträglich ist. Erklärbar ist Susanns Handeln aber schon: Hat sie uns doch als enge Bezugspersonen verloren, so versucht sie jetzt, auch aus Konkurrenz zu Jeannett, sich bei ihrem Vater einzuschmeicheln und Jeannett damit zu zeigen: Hier bin ich die jenige, die die Beziehung bestimmt, hier stehe ich im Vordergrund.

Natürlich schmeichelt es Susanns Ego, dass der Kindesvater Anstrengungen unternimmt, sie näher an Berlin, seinem Wohnort zu verlegen. Dennoch sieht sie dieser Nähe aber doch mit gemischten Gefühlen entgegen. Sie weiß nicht, was sie dort erwartet. Deshalb lehnt sie selbst diese Idee ab. Sie hat alles, was sie braucht, in der Einrichtung. Irgendwie erahnt sie die Katastrophe, die das für sie bedeuten würde.

Für uns ist das alles unbegreiflich. Tatsache ist, dass keinerlei Anstrengungen unternommen werden, um mit Susann gemeinsam ihre Vergangenheit professionell aufzuarbeiten. Dazu gehört ihre Kindheit ebenso wie die Trennung von unserer Familie. Statt dessen lässt man zu, dass sie immer mehr unter den Einfluss des Kindesvaters kommt. Konflikte sind so vorprogrammiert. Aber auch das interessiert niemanden, zu allerletzt das Jugendamt. Professionell handeln und entscheiden geht ganz anders.

Auch begreift niemand, dass sich die Konkurrenz zwischen den Schwestern immer mehr vertieft. Grund dafür ist wieder der Kindesvater. Es schmerzt uns, mit ansehen zu müssen, wie eine Entwicklung stattfindet, die wir nicht im Mindesten beeinflussen können.

Wir wissen, dass Susanns Verlegung in eine andere Einrichtung sich katastrophal auf sie auswirken würde. Die Entscheidungsträger scheinen das Wort erneuter Bindungsabbruch und seine Folgen nicht zu kennen. Es geht nur um das Recht des Kindesvaters, der noch immer völlig unerklärlicherweise das Sorgerecht und damit das Aufenthaltsbestimmungsrecfht besitzt. Man scheint froh darüber zu sein, dass er davon nicht in vollem Umfang Gebrauch macht.

Es war ein Tag, wie wir ihn nicht brauchen. Wir müssen mit ansehen, wie die Kinder in den Mühlen der Ämter zermahlen werden. Wir müssen uns demütigen lassen. Wir finden, das haben wir nicht verdient.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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