Biografie und Lernen

Immer wieder kommen mir Zweifel, ob die öffentliche Regelschule wirklich die beste Form für traumatisierte Kinder ist, zu lernen und fürs Leben fit zu werden. Dies gilt auch und besonders für die Inklusion sozial und psychisch benachteiligter Kinder. Tatsächlich gibt es genug nicht diagnostizierte dieser Kinder, für die keine Inklusion vorgesehen ist. Deshalb habe ich hier einige Leitsätze formuliert und erklärt, die eine Lanze brechen sollen für eine veränderte Schule allgemein. Eine Schule, an der alle Kinder so wie sie sind ernst genommen werden und entsprechend ihrer Voraussetzungen gefördert werden.

Lernen in der Schule steht im Zusammenhang mit der persönlichen Biografie des Schülers.

Wenn Kinder eingeschult werden, haben sie schon eine Menge an Erfahrungen gesammelt, die sie prägen. Am meisten werden sie durch das Elternhaus geprägt: ist es liebevoll, verständnisvoll, herrscht Mangel, gibt es Gewalt, ist das Kind überhaupt erwünscht? Mit diesen Vorerfahrungen kommt das Kind in den Kindergarten oder die Schule. Kinder, die in ihrer frühen Kindheit traumatisiert wurden, schleppen ihre gesamten Verletzungen mit sich herum und also auch mit in die Schule. Im Gegensatz zu anderen Kindern haben sie Schutz- und Vermeidungsstrategien erlernt, die ihnen das Überleben sichern. Ebenso hegen sie ein tiefes Misstrauen gegen die Erwachsenenwelt und sind deshalb durch den konventionellen Unterricht, der auf der Erfüllung von Aufgaben basiert, nicht oder nur gering ansprechbar. Für sie ist deshalb das soziale Geschehen in der Schule von größter Bedeutung. Schule und Unterricht haben für sie im Vergleich zu ihrem täglichen Kampf mit den Folgen der seelischen Verletzung einen sehr geringen Stellenwert.

Lernen in der Schule steht im Zusammenhang mit der Lernbiografie des Schülers.

Traumatisierte Kinder haben bereits eine Lernbiografie, wenn sie in den Kindergarten oder die Schule eintreten. Sie wissen, wie man Verletzungen vermeidet und mit Gewalt umgeht. Sie setzen sich auf den Schoß des missbrauchenden Erwachsenen, bieten sich ihm an, in der Hoffnung, so vermeiden zu können, dass es zu sexuellem Missbrauch kommen wird („Lolitasyndrom“). Sie erwarten automatisch Misserfolge, weil sie nie wertgeschätzt worden sind, vielleicht sogar nichts weiter als Ablehnung erfahren haben. Diese Erfahrung provozieren sie weiter an der Grundschule, was ihre Erfahrungen mit den Eltern weiter bestätigt. Sie übertragen ihre negativen Erfahrungen mit der Erwachsenenwelt auf die Lehrer, die ja generell die Aufgabe haben, den Lernprozess zu leiten. Unter diesen Bedingungen ist Lernen im konventionellen Sinne unmöglich. Wo andere Kinder es schaffen, ein Vertrauen in den Lehrer und die eigene Leistungsfähigkeit aufzubauen, versagen traumatisierte Kinder und schaffen ihren eigenen Misserfolg. Sie sind nur selten dazu fähig, die verlangten Leistungen zu erbringen.

Deshalb kann die Messung des Lernerfolgs nie objektiv sein.

Schule vermittelt nicht nur Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben und Wissen, Schule vergibt Lebenschancen. Vom Schulabschluss hängt ab, welcher Beruf erlangt werden kann, wie viel Geld verdient werden kann und wie der soziale Status in der Gesellschaft sein wird. Gerade heute wird die Erreichung von Erfolgen in der Schule extrem hoch bewertet. Eltern verbringen schlaflose Nächte damit, zu entscheiden, ob die eine oder andere weiterführende Schule besser sei oder welchen Ruf sie hat. Kinder opfern ihre Freizeit dafür, das Referat noch gelungener zu gestalten oder die Klassenarbeit noch intensiver vorzubereiten.

Traumatisierte Kinder sind durch die Art und Weise der scheinbar und angeblich objektiven Bewertung des Lernerfolgs wie Fehlerquotienten, Punktetabellen und daraus folgenden Noten von vornherein benachteiligt. Lernerfolg ist bei ihnen nicht durch Noten messbar. Für sie ist es ein Erfolg, das Leben einigermaßen zu meistern und nicht immer wieder durch ihre Vergangenheit eingeholt zu werden.

Weil die Schule die Biografie sozial und seelisch benachteiligter Kinder nicht berücksichtigt, wird sie deren Lernerfolge nie objektiv  bewerten können. Dazu fehlt ein geeignetes Messinstrument. Bewertet werden Verhalten und Anpassung an das vorgegebene System des Lernens und Bewertens.

Leben heißt Lernen. Lernen heißt Erfahrungen machen und das Verhalten zu ändern.

Es ist unstrittig, dass wir in keinem Lebensabschnitt so viel lernen wie in der Kindheit. Ein Kind lernt zu laufen, die Muttersprache zu sprechen und Vertrauen zu seinen Eltern aufzubauen. Und das alles ganz ohne Schule. Lernen funktioniert auch ohne Schule, und das nicht nur in der Kindheit. Lernen heißt, Erfahrungen zu machen und das eigene Verhalten an die Erfahrungen anzupassen. So funktioniert der Aufbau von Wissen und Erkenntnis.

Insofern haben traumatisierte Kinder sehr viel gelernt. sie haben mehr Erfahrungen gemacht und daraus die Schlüsse gezogen, als so manches „wohlbehütet“ aufgewachsene Kind.

Lernen heißt leben. Deshalb muss das Leben gelernt werden.

Es ist eine weit verbreitete Ansicht, dass Lernen etwas mit dem Erlernen von theoretischem Wissen zu tun habe. Tatsächlich wird dieses Wissen, wenn es nicht einer bereits erlebten Erfahrung zugeordnet werden kann, gar nicht oder irgendwo unauffindbar im Gehirn abgespeichert.

Nicht nur traumatisierte Kinder und Jugendliche brauchen eine ganz andere Art des Lernens. Es muss sichergestellt sein, dass Wissen verwendbar ist, also eine Bedeutung für das Leben hat.

Deshalb müssen Pädagogen das Leben lehren, anstatt Wissen zu vermitteln. Traumatisierte Kinder und Jugendliche müssen zunächst üben, wie sie jemandem Vertrauen schenken, der es auch wirklich verdient oder wie sie sich Hilfe organisieren. Generell dürfte Schüler mehr interessieren, was es bedeutet, wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht, als die entsprechenden BGB-Paragraphen auswendig zu kennen.

Wissen wird durch Tun vermittelt, nicht durch Bücher.

Sozial und seelisch benachteiligte Kinder haben ihre Probleme immer durch entsprechendes Tun, durch Anpassung an die jeweilige Situation lösen müssen. Nie haben sie dafür in einem Buch nachgeschlagen. Deshalb haben sie Schwierigkeiten im Umgang mit Schulbüchern.

Unterricht, der überwiegend theoretisch abläuft und nicht an der Realität orientiert ist, benachteiligt sie deshalb beim erfolgreichen Lernen. Was sie, wie auch die meisten anderen Schüler brauchen, ist das Erlernen von Handlungsmöglichkeiten und Problembewältigung, anstatt die Aufnahme von theoretischem Wissen.

Es gibt Menschen, die das Lernen verweigern. Und dafür gute Gründe haben.

Immer wieder treffen Lehrer in Klassen auf Schüler, die sich weigern, zu lernen und Leistungen zu erbringen. Es scheint ihnen auch völlig egal zu sein, dass sie dafür Missachtung, Kritik und schlechte Noten kassieren.

Versetzen wir uns in ein traumatisiertes Kind. Die Schule ist ein fremder Ort für diese Kinder, das einzige, was bekannt ist, sind die Mitschüler. Es gibt Forderungen – wie in ihrer Kindheit. Es gibt Strafen, deren Begründung für sie nicht einsichtig sind – wie in ihrer Kindheit. Es gibt Missachtung für ihr Bemühen – wie in ihrer Kindheit. Sie können den Lehrern nicht vertrauen – sie verkörpern die Erwachsenenwelt. Immer wieder brechen Erinnerungen an Kindheitserlebnisse in ihre Gegenwart ein. Sie sind Lichtjahre vom Unterricht entfernt in der Welt ihrer Kindheitserfahrungen, fühlen Schmerzen, von denen die anderen nichts wissen. Sie haben Ängste.

Was sieht der Lehrer davon? Susann blickt versunken aus dem Fenster oder vor sich hin. Wenn er sie anspricht, antwortet sie nicht. Oder sie brüllt, er solle sie doch zufrieden lassen. Manchmal steht sie unvermittelt von ihrem Platz auf und wandert durch die Klasse. Öfter sitzt sie auf oder unter ihrem Tisch. Sie nimmt den Lehrer nicht zur Kenntnis, unterhält sich unverblümt mit Mitschülern, lenkt sie ab.

Was denkt der Lehrer darüber? Susann verhält sich einfach schlecht. Sie ist unverschämt, arrogant, „nicht in der Lage, dem Unterricht zu folgen“. Sie ist einfach ein Alptraum von Schülerin. Sie ist lernunfähig.

Dabei hat Susann gute Gründe, dem Unterricht nicht zu folgen. Erstens ist sie gegen ihren Willen hier. Ständig ist sie mit der Erwachsenenwelt konfrontiert, die ihr nur zeigt, wie minderwertig sie ist. Erfahrungen sind für sie negativ. Also wird sie sich weigern, zu lernen und weitere Erfahrungen zu sammeln. Schule ist für sie ein Alptraum.

Gibt es eine Lösung?

Es gibt eine Lösung. Aber sie liegt nie im Verhalten des traumatisierten Kindes. Sie liegt in der Art und Weise, wie Unterricht angelegt ist.

Susann braucht einen Unterricht, in dem sie ihr Lerntempo selbst bestimmen kann. Sie braucht Lernen an Situationen, die ihr bekannt oder einsichtig sind. Sie braucht Lernerfolge, und das heißt, dass Erfolge an Ergebnissen orientiert sind. Sie braucht verständnisvolle Lehrer, die wissen, was eine Traumatisierung ist und die sie freundlich aus der dissoziativen Situation wieder ins Hier und Jetzt zurückholen, z.B. durch leise Ansprache und/oder Klopfen auf die Hand, wie dies bei EMDR angewandt wird. Sie braucht die Möglichkeit, sich im Unterricht zu bewegen, wie beim Stationenlernen. Sie braucht eine kleine, konstante Lerngruppe, auch in einem größeren Klassenverband, der sie vertrauen kann und von der sie weiß, dass sie und ihre Bemühungen wertgeschätzt werden.

Sicher ist dies eine ideale Sichtweise und Forderung an Schule, die heute nicht zu verwirklichen zu sein scheint. Aber es ist machbar. Wer jedoch glaubt, dass solche Veränderungen unmöglich sind, muss zugleich akzeptieren, dass anderenfalls eine gewisse Anzahl von bereits benachteiligten Schülern in der Schule keine Chance hat.

Eine Antwort zu Biografie und Lernen

  1. Sir Ralph schreibt:

    Hierzu Ilka Hoffmann, Leiterin des Organisatiosbereiches Schule der GEW in E&W 10/2013:
    „Das Problem: Strukturelle und rechtliche Grundlagen unseres Bildungssystems stehen im Widerspruch dazu, eine inklusive Schule umzusetzen. Das erste Hindernis ist das hierarchisch gegliederte Schulsystem mit seiner Tradition der „Besonderung“ von Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Weitere Blockaden sind die Leistungsbewertung durch Ziffernoten sowie Bildungsstandards, die sich kaum auf einen inklusiven Unterricht beziehen. Nicht zuletzt behindern traditionelle Unterrichtskonzepte, wie sie die Lehrerausbildung häufig noch vermittelt. Konzepte professionellen Umgangs mit Heterogenität bleiben weiterhin Mangelware. Und noch zu oft wird die alleinige Verantwortung für Schüler mit Förderbedarf an Sonder- und Sozialpädagogen delegiert, tradierte Unterrichts- und Schulkonzepte behält man bei.“

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