Der Geburtstag

Nach der Supervision fahren Ruth und ich zur Krisengruppe. Es ist ihr Geburtstag, und wir haben ihr versprochen, sie zu besuchen. Jeannett bleibt mit unserer Einzelfallhelferin zu Hause. Sie würde eine Wiederbegegnung mit ihrer Schwester noch nicht durchstehen, wohl, weil sie mit der Situation erst einmal selbst zurecht kommen muss.

Susann freut sich verhalten über die mitgebrachten Geschenke: einige neue Kleidungsstücke und ein tragbarer Radio-CD-Player. Sie hat uns schon erwartet und uns herzlich begrüßt. Wir verbringen etwa zwanzig Minuten in ihrem Zimmer. Mit uns die Gruppe verlassen will sie nicht. Sie scheint hier ihren Schutz gefunden zu haben. Vielleicht ist ihr die ganze Situation auch nur peinlich und die fühlt sich schuldig, obwohl wir ihr uns bemühen, diesen Eindruck nicht aufkommen zu lassen. Das Gespräch verläuft oberflächlich. Wie geht es Dir, hast Du schon Freunde gefunden, wie läuft´s in der Schule. Was können wir wohl auch sonst noch sagen, ohne dass es Wunden aufreißt. Susann zeigt keine Anzeichen von Enttäuschung, dass Jeannett sie heute nicht besucht. Wir erklären ihr nur, dass es Jeannett nicht gut geht.

Susann erzählt uns, dass ihre Zimmermitbewohnerin bis spät in die Nacht Jungenbesuch hat und im Zimmer raucht. Die Erzieherin hat das bemerkt und dem Treiben ein Ende gesetzt.

Bei einem Gespräch mit ihrer Bezugserzieherin stellt sich heraus, dass Susann in der Schule von einem Jungen geschlagen und leicht verletzt worden ist. Sie sei aber unauffällig und ruhig und füge sich gut in die Gruppe ein.

Auf der Heimfahrt versuchen wir, die Situation für uns klar zu kriegen. Das, was wir uns nicht gewünscht haben, ist nun eingetreten. Susann ist in der Gesellschaft von Jugendlichen, die aus unterschiedlichsten Gründen in Obhut genommen wurden, zum Teil nur wenige Tage in der Krisengruppe verbringen. Läuft da in der Schule etwas verkehrt? Geht es ihr gut? Was denkt und fühlt sie? Wir merken zum ersten Mal, dass wir nicht mehr verantwortlich sind, nicht mehr eingreifen können. Bei uns zuhause wäre ich sofort zur Schule gegangen und hätte alles geklärt. Wir sind jetzt machtlos und nicht mehr Teil der Entwicklung. Wir sind nur froh darüber, dass Susanns Bezugserzieherin sehr professionell, aber auch sensibel reagiert, auch uns gegenüber.

Was bleibt, ist ein schales Gefühl und die Gewissheit, nichts mehr tun zu können und zu dürfen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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