Pflegekinder und Schule

„Ohne Schule ging es uns besser“

heißt der Fachaufsatz von Maike Lohmann, der sich mit traumatisierten Kindrn im Schulalltag beschäftigt. Frau Lohmann ist Erzieherin und Sonderschullehrerin, hatte eine heilpädagogische Pflegestelle und ist Seminarleiterin bei Freunde der Kinder e.V. Hamburg. Die wichtigsten Fakten daraus, die das Problem Schule und Pflegekinder beleuchten, sind hier zusammengestellt:

„Die Rolle der Abhängigen

Ein Kind, dass in seiner frühen Kindheit der Willkür seiner Bezugspersonen ausgesetzt war und dabei existenzbedrohende Erfahrungen gemacht hat, wird sich keinesfalls wieder gerne in die Rolle des Abhängigen begeben. Dies aber wird spätestens in der Schule verbindlich von ihm erwartet. Das Kind wird weiter versuchen, unter allen Umstäden über sich selbst zu bestimmen, die Kontrolle zu behalten. Dieses Bestreben ist mit dem schulischen Alltag nicht vereinbar. Es führt zu Schwierigkeiten, angemessenes Verhalten zu zeigen, zu mangelnder Fügsamkeit, Unsteuerbarkeit, nervösen Verhaltensproblemen (z.B. Ticks) oder emotionaler Fehlanpassung. Ein Aufgeben dieser Haltung ist erst möglich, wenn das Kind durch seine eigene Leistung ein wenig Selbstachtung und Selbstwertgefühl erlangen konnte.“

(…)

„Vermitteln von Wissen über die Sprache

Eine weitere Schwierigkeit ist, dass Schule häufig vorwiegend auf den einen Kanal, nämlich den auditiven, das Vermitteln von Wissen über die Sprache, ausgerichtet ist.Das Kind mit einem Bindungstrauma und demzufolge einhergehender mangelnder Ansprache in der frühen Kindheit wird große Schwierigkeiten haben, das Gehörte aufzunehmen und zu verarbeiten.

In den Beratungen geht es aber nicht immer nur um leistungsbezogene Schwierigkeiten in der Schule, sondern auch um Verhaltensprobleme. Themen wie Schulängste, Schuleschwänzen, andauernde Hausaufgabenproblematik, psychosomatische Leiden außerhalb der Ferien, starke Aggressionen, den Unterricht störendes Verhalten oder Kontaktlosigkeit in der Schule wiederholen sich. Pflegeeltern aber haben gelernt, zwischen den Zeilen die Bedürfnisse der Kinder zu sehen und zu befriedigen. Sie balancieren ständig zwischen therapeutischen Elementen und alltagsbefähigenden Erziehungsaufgaben hin und her. Dies erwarten sie nun auch vom pädagogisch ausgebildeten Lehrer. Hinzu kommt, dass viele Lehrer Elternkontakte nicht sehr lieben, sie fühlen sich schnell angegriffen und fürchten zu große Erwartungen seitens der Elternschaft. Auch Seminare zu Gesprächsführung und Konfliktmanagement werden an der Uni selten angeboten bzw. sind nach Interesse der Lehrerstudenten von diesen mehr oder weniger belegt worden.

Manchmal gelingt es auch dem engagiertesten Lehrer nicht, Verhaltensänderungen beim Kind zu bewirken. Möglicherweise ist das verletzte Kind gar nicht in der Lage, echte Beziehungen aufzubauen. Das Pflegekind wird alles daransetzen, sich so zu verhalten, wie man sich ihm gegenüber früher verhalten hat. Es ist ihm dabei egal, ob es sich bei der zu erwartenden Zuwendung um positive – die auch als bedrohlich erlebt werden kann – oder negative Zuwendung handelt. Gerade einen Lehrer, zu dem das Kind begonnen hat, eine positive Beziehung aufzubauen, wird es provozieren, um zu sehen, ob er es mit dem Wohlwollen gegenüber auch wirklich ernst meint. Ein Verhalten, das Pflegeeltern aus den ersten Jahren mit dem Kind nur zu gut kennen. Und das, bleibt man standhaft, meist dazu führt, dass das Kind langsam beginnt, eine tragfähige Beziehung aufzubauen. Im schulischen Kontext ist für Beziehungsarbeit in diesem Sinne aber kaum Raum. Und es setzt nicht nur Zeit voraus, sondern vor allem viel Fachwissen bei den Lehrern. Da diese aber in der Regel in ihrer Ausbildung nicht erworben haben. Insbesondere Themen wie Bindung und Traumatisierung kommen in keinem Seminar vor.“

(…)

Am Ende des Aufsatzes befinden sich zehn wertvolle Tipps zum Umgang mit dem Thema Schule.

Aus: Zeitschrift „Netz“ 02/2013, Fachzeitschrift für Pflegekinder und Kinderschutz, Schweiz

Zitiert nach: PFAD Aktuell in Bayern 03/2014, pp. 24-26

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