Hilfeplanung für Susann

Heute ist ein wichtiger Tag für Susann und uns alle. Es ist das erste Hilfeplangespräch nach Susanns Umzug. Eine gespannte Atmosphäre herrscht vor. Susann trifft ihren leiblichen Vater das erste Mal seit Jahren wieder. Wir wissen, dass wir Einfluss verloren haben, aber wir möchten uns so gerne einbringen. Wir wissen: Niemand interessiert sich für unseren Abschlussbericht oder unsere Erfahrungen.

Alle sitzen um einen Tisch. Susann zwischen Ruth und mir und ihrer Bezugserzieherin au der einen Seite, Frau Schwerdtfeger, Frau Gerster, die Mitarbeiterin des Jugendamtes, zuständig für den leiblichen Vater und der leibliche Vater von Susann auf der anderen Seite. Frau Schwerdtfeger ist die Leiterin des Gespräches und nach § 35a SGB VII (von seelischer Behinderung bedrohte Kinder) verantwortlich für Susann. Frau Gerster war bisher für Susann zuständig und ist die Sachbearbeiterin für Jeannett.

Mein Vorschlag, Susann doch mindestens für Teile des Gespräches die Teilnahme zu ersparen, wird übergangen. Dabei muss es für Susann eine unkalkulierbare, Angst besetzte, nicht beeinflussbare Situation bedeuten: Sie steht im Fokus des Gespräches, zwischen ihren ehemaligen Pflegeeltern, ihrer Bezugserzieherin und ihrem leiblichen Vater, der zugleich die traumatisierende Person ist. Schlimmer kann es nicht kommen. Aber wir scheinen die einzigen zu sein, die das so sehen.

Susann sitzt mit gesenktem Kopf da, blickt nur Ruth und mir ab und zu verstohlen in die Augen, als wollte sie uns anflehen: „So helft mir doch!“ Wenn sie wüsste, wie wenig wir das noch können!

Frau Schwerdtfeger beginnt die Runde. Sie spricht Susann an und schießt Fragen auf Susann ab.

„Wie geht es Dir in der Wohngruppe?“

„Möchtest Du dort bleiben?“

„Wie bist Du in der Schule?“

Susann reagiert einsilbig, noch immer mit gesenktem Kopf. Ja, nein, ganz gut.

Die Bezugserzieherin übernimmt. Susann habe sich gut eingelebt, sie sei gut in der Schule und fühle sich wohl.

Da geschieht es. Ruth und ich sehen uns an. Susann beginnt schneller zu atmen, sie keucht, bekommt keine Luft mehr. Es ist ganz klar ein asthmatischer Anfall. Die Anwesenden sind irritiert, wissen nicht, was los ist.

Frau Schwerdtfeger läuft rot an.

„Schnell, hat nicht jemand ein Notfallspray bei?“

„Wir haben nicht mehr mit einem Asthmaanfall gerechnet, deshalb haben wir kein Notfallspray besorgt und das alte war abgelaufen. Das konnten wir ja nicht wissen.“

Wie naiv. Zum Glück hat Ruth ihr Notfallspray dabei. Wir verabreichen Susann zwei Hübe. Zum Glück bin ich mit Susann oft genug und regelmäßig zum Lungenfunktionstest und zu den Asthmaseminaren gegangen. Automatisch setzt sie sich in den Kutschersitz und atmet ruhig ein und aus. Dann verlässt sie den Raum. Ich folge ihr.

„Geh ruhig wieder rein“, flüstert sie mir draußen zu. „Es ist nur wegen meinem Vater. Ich habe ihn so lange nicht gesehen.“

Als ich den Raum betrete, herrscht stille Betroffenheit.

„Geht es ihr wieder gut?“, erkundigt sich Frau Schwerdtfeger.

„Von gut kann wohl keine Rede sein“, gebe ich zurück, „aber sie ist nicht in Gefahr. Sie braucht jetzt etwas Ruhe.“

Ich wende mich an die Bezugserzieherin.

„Wir haben doch besprochen, dass Susann asthmatisch ist. Haben Sie sie denn einem Lungenfacharzt vorgestellt?“

Sie schaut peinlich berührt, irgendwie ertappt.

„Wir haben das vor, aber es ist so schwer, einen Termin zu bekommen“, erwidert sie.

Ihr gesundheitlicher Zustand sei bisher gut gewesen, es gab keinen Anlass, einen Arzt zu konsultieren. Aber man werde das nachholen.

Im weiteren Gesprächsverlauf stellt sich heraus, dass Susann keinen Förderunterricht mehr an der neuen Schule bekommt. Sie sei durchaus leistungsfähig.

Auf unsere Nachfrage, ob sie denn auf das Hilfeplangespräch angemessen vorbereitet worden sei, wird auf die Verhaltenstherapie durch die innenwohnende Therapeutin verwiesen. Man könne uns keine Details mitteilen, denn das unterliege der ärztliche Schweigepflicht.

Just in diesem Moment geht die Tür auf und Susann erscheint und setzt sich wieder auf ihren Platz, ohne jemanden anzuschauen.

Jetzt will ich es wissen.

„Susann, wie geht es eigentlich mit Deiner Therapie?“, will ich wissen.

Betreten schaut sie vor sich auf den Tisch.

„Einmal war ich schon da, aber ich habe es immer vergessen.“

Einmal in Wochen. So viel für die Vorbereitung der Wiederbegegnung mit ihrem leiblichen Vater. Der sitzt in seinen Stuhl geflezt irgendwie teilnahmslos da.

Ruth ergreift die Initiative.

„Was machst du eigentlich nach der Schule so den ganzen Tag lang?“

„Abhängen, mit Jungs?“

„Und was ist mit der Freiwilligen Feuerwehr? Du warst doch bei uns dabei und hast kein Treffen ausgelassen. Gibt es sowas nicht auch bei euch?“

Die Bezugserzieherin schaltet sich ein.

„Wir haben bisher noch keine Freizeitaktivitäten ins Auge gefasst.“

Frau Schwerdtfeger übernimmt jetzt die Initiative.

„Susann, gibt es irgend etwas, was du dir besonders wünschst?

„Ich würde Jeannett gern zu ihrem Geburtstag besuchen und ich möchte gern, dass ihr mich besucht.“

„Das solltest du aber zuerst mit Jeannett besprechen“, wendet Ruth ein. „Sie hat ihren Geburtstag nämlich schon mit ihren Freundinnen verplant.“

Tatsächlich scheint Jeannett keine Ambitionen zu haben, Susann an ihrem Geburtstag zu empfangen. Zu unterschiedlich sind die Welten, in denen sie jetzt leben.

„Vielleicht könnte man einen späteren Besuchstermin ins Auge fassen, um den Geburtstag nachzufeiern“, wendet Frau Schwerdtfeger ein. Wir würden eine Besuchsfrequenz von vier Wochen befürworten, auch mit Übernachtungen.“

Wir machen deutlich, dass wir so häufige Besuchskontakte nicht befürworten würden. Wie die Lage im Moment ist, würde Jeannett kaum einen Besuch unbeschadet überstehen. An Übernachtungen ist überhaupt nicht zu denken, solange die Trennung von uns mit Susann nicht aufgearbeitet ist. Wir einigen uns auf alle sechs Wochen höchstens.

Zum Schluss bietet Frau Schwerdtfeger dem Kindesvater an, dass Besuche bei Susann in regelmäßigen Abständen stattfinden könnten, ja, sie drängt ihm diese Möglichkeit förmlich auf. Die Reaktion ist unbeteiligt:

„Ja, kann man ja machen.“

Fazit:

Niemand hat auf uns gehört. Unsere Erfahrungen zählen nichts. Man gefällt sich darin, das Rad neu zu erfinden. Zeitweise kommen wir uns wie Störenfriede vor. Aber wir konnten auch die Hilflosigkeit dieser „Helfer“ erfahren, wenn es ernst wird. Sie kennen Susann nicht entfernt so gut wie wir. Das ist eigentlich logisch, aber es werden daraus keine Konsequenzen gezogen.

Wozu bin ich mit Susann zum Schulpsychologen gegangen, habe Gutachten erstellen lassen, sie in der Schule fördern lassen, wenn sie nicht weiter gefördert wird? Wozu die regelmäßigen Lungenfunktionstests, die Asthmaseminare, wenn das nicht fortgesetzt wird?

Wir müssen erkennen: Es war ein Trugschluss, anzunehmen, dass Susann besser bei Fachleuten aufgehoben wäre. Wir haben so gut wie keinen Einfluss mehr. Wenn wir noch Einfluss nehmen können, dann indem wir wenigstens Jeannett schützen und ihre Interessen vertreten. Die Möglichkeit, auch die Interessen von Susann zu vertreten, geht inzwischen gegen null. Wir werden uns darauf einzurichten haben.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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