Über diese Geschichte

Dies ist eine Geschichte darüber, welches Schicksal manche Menschen von früh an zu ertragen haben und wie sie sich darauf einstellen. Ich habe sie „Ab jetzt vertraue ich niemandem“ genannt, weil Kinder, die vernachlässigt worden sind, es schwer haben, jemals wieder jemandem zu vertrauen. Manchmal gibt es einen Punkt, an dem sie das ganz klar äußern. Das ist in dieser Geschichte geschehen.

Es ist eine Geschichte darüber, wie diejenigen, die ihnen unendliches Leid zugefügt haben, Recht bekommen und diejenigen, die versuchen, ihre Interessen zu vertreten, kämpfen müssen, um gehört zu werden und schließlich doch scheitern können. Sie ist ein Lehrstück über das Wesen der Bürokratie in Deutschland. Die Akteure sind leibliche Eltern, die in der Erziehung ihrer Kinder gescheitert sind, Pflegekinder, die durch ihre leiblichen Eltern tief verletzt worden sind und deren Pflegeeltern, die die Aufgabe haben, diese verletzten Kinder zumindest bis zu ihrer Volljährigkeit zu begleiten und die Mitarbeiter des Jugendamtes, von deren Entscheidungen das Wohl des Pflegekindes maßgeblich abhängt.

Die Personen in dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig, zeigen jedoch, dass die Vorkommnisse und Situationen in dieser Geschichte alles andere als realitätsfern sind, so unglaublich und stellenweise kurios sie sich auch anhören mögen.

Diese Geschichte enthält Anschreiben und Analysen, die fiktiv sind. Sie dienen der Darstellung des Problems, beziehen sich jedoch nicht auf real existierende Personen. Dennoch hätten sie so geschrieben werden können.

Diese Geschichte hat einen Fokuspunkt: den Wendepunkt. Von diesem aus entwickelt sich die Geschichte nach vorne und nach hinten. Wie es weiter geht, steht in der Kategorie Die Zeit danach . Die Eskalation schildert die unmittelbare Situation, die dazu geführt hat, Susann in die Obhut des Jugendamtes zu geben. Die Anbahnung fängt dort an, als die Kinder in die Pflegefamilie vermittelt werden und wie sich Pflegeeltern manchmal um Pflegekinder bemühen müssen. Hier wird geschildert, wie Pflegeeltern manchmal erst spät entdecken, wie stark ihre Pflegekinder traumatisiert sind und wie sie darauf reagieren. Der Kampf um Normalität beinhaltet alles, was wir über Jahre hinaus getan haben, von Therapien bis zum Versuch, sie in der Schule fördern zu lassen, mit allen Schwierigkeiten, die uns bereitet wurden.

Zwei Kategorien sind etwas außergewöhnlich. Zum Anfang enthält die Beschreibung des Wendepunktes und Allgemeines wie Gedichte und Geschichten. Die Analysen enthalten fachliche Ratschläge zu Einzelproblemen traumatisierter Kinder wie Grundsätze für das Zusammenleben in einer Familie oder die Auswirkung der Traumatisierung auf das Verhalten und die Leistung in der Schule.

Eine Bitte noch zum Schluss: Ich habe nichts gegen die Weiterverbreitung dieser Geschichte. Aber es steckt mein Wissen und meine Arbeit darin. Wer die Geschichte verwenden, verlinken oder zitieren möchte, erwähnt bitte die Quelle und gibt mir eine kurze Rückmeldung auf  „beratung-traumakinder(at)arcor.de“.

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So schreiben Pflegekinder: Das verlorene Baby

Dies ist der Aufsatz eines Pflegekindes. Er zeigt, wie ihre Erfahrungen sie beschäftigen. Bin ich das richtige Kind? Werden meine Pflegeeltern mich annehmen, lieben, versorgen? Kann ich ihnen vertrauen?

Von diesen Gedanken zeugt die folgende Geschichte und sie ist absolut authentisch. Die Pflegemutter hat die Zustimmung zur Veröffentlichung erteilt.

Das verlorene Baby

Eine fremde Frau ging mit ihrem Hund spazieren. Auf einmal sah sie ein Baby in einem Maxicosi auf dem Boden. Sie sah sich um, doch es war niemand zu sehen. Da nahm sie das Baby vom Boden und nahm es mit sich nach Hause. Die Frau zog das Baby wie ihr eigenes auf.

Als das Baby zehn geworden war, sagte das Mädchen: „Bist du meine echte Mutter, oder nicht? Ich habe hellbraune Haare und blaugrüne Augen und du oder Papa haben blonde Haare und blaue Augen.“ Die Mutter wusste nicht, was sie sagen sollte. Also sagte sie: „Ja. ich bin deine echte Mutter. Das hat damit nichts zu tun, dass ich blonde oder braune Haare habe, du bist meine Tochter, und das bleibt auch so. Wir haben es schon spät, geh bitte ins Bett. Du hast morgen Schule.“ Als das Kind im Bett war, sagte die Mutter zu ihrem Mann: „Schatz, was soll ich tun, wenn sie herausfindet, dass ich sie gefunden habe?“ „Mach dir keine Sorgen, das wird sie schon nicht herausfinden. Hoffentlich.“

Am nächsten Morgen beim Frühstück sagte das Kind: „Mama, kann man eigentlich so was wie einen Muttertest machen? Ich will wissen, ob du meine echte Mutter bist, und wenn nicht, dann zählt die Liebe. Ich muss jetzt zur Schule. bis nachher.“ Doch am Nachmittag kam das Mädchen nicht wieder. Die Mutter machte sich Sorgen. Sie nahm ihre Sachen und ging auf die Suche. Schließlich fand sie das Kind vor dem Jugendamt. „Mein Kind, was machst du denn hier?“ „Mama, mich lässt es nicht los. Ich will wissen, ob du meine echte Mutter bist.“ „Du kommst mit nach Hause und ich erzähle dir die Wahrheit. Ok, komm, wir gehen.“

Als die beiden zu Hause ankamen, setzten sie sich an den Tisch. Die Mutter erzählte ihrer Tochter, dass sie sie gefunden hat in der Kälte. Da sagte das Mädchen: „Endlich weiß ich die Wahrheit. Mama, ich liebe dich.“ „Ich liebe dich auch.“

Ende

 

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Anleitung für (werdende) Pflegeeltern

Immer wieder stelle ich fest, dass viele Pflegeeltern oder solche, die es werden wollen, über nur sehr wenig Informationen darüber verfügen, was ihnen bevorstehen könnte. Deshalb habe ich ein kleines Handbüchlein veröffentlicht, dass die wichtigsten davon zusammenfasst.

Inhalt:

Vorwort 4

Von der Idee zur Bewerbung 6

Die Idee, Pflegekinder aufzunehmen 6

Die Bewerbung beim Jugendamt oder ei­nem freien Träger 8

Formen der Pflege 11

Wünsche und Ausschlüsse der Pflegeel­tern 12

Kein Kind – was nun? 13

Das erste Jahr 15

Die Anbahnung – Luxus oder Notwendig­keit? 15

Der Kontakt zum Jugendamt 18

Kranke Kinder 20

Was dürfen Pflegeeltern kranker Kinder entscheiden? 24

Pflegekinder und Krankenversicherung 24

Recht und Gesetz: Chancen für Pfle­geeltern 26

Die Hilfeplanung 26

Das Sorgerecht – Was dürfen Pflegeeltern entscheiden? 28

Rückführung in die Herkunftsfamilie 30

Einstweilige Anordnung des Verbleibs 31

Umgangskontakte mit der Herkunftsfamilie 32

Pflegekinder und Schule 35

Hilfe selbst organisieren 40

Pflegeelterntreffen 40

Pflegeelternvereine und -verbände 40

Therapeutische Hilfe 41

Der Weg in die Selbstständigkeit 44

Pubertät 44

Die Verselbstständigung 46

Unplanmäßige” Beendigung des Pflegeverhältnisses 47

Fazit 49

Anhang 53

Vorbereitender Bericht für die Hilfekonfe­renz 53

Basisinformationen zum Thema Pflegekin­der 59

Vorwort

Als ich gemeinsam mit meiner Frau vor 20 Jahren unsere erste Pfle­getochter aus einem Kinderheim zu uns holten, stürzten wir uns in ein unkalkulierbares Abenteuer. Es gab kein Facebook, Google oder WhatsApp, Handys wurden zum Telefonieren ge­braucht. Wir standen allein und hatten keinerlei Kontakt zu an­deren Pflegeeltern. Der hätte aus­nahmslos im Bewerberseminar oder eventuell durch Pflege­elternverbände stattfinden können.

Das hat sich heute radikal verändert. Es gibt Dutzende von Pfle­geelterngruppen allein auf Facebook, Pflegeeltern können über lange Entfernungen Kontakt zu anderen Pflegeeltern hal­ten, sich über un­terschiedliche Bedingungen austauschen und auch Kon­takt zu Pfle­geeltern in der eigenene Umgebung auf­nehmen und halten. Es gibt ebenso eine Vielzahl von Literatur über Pflegekin­der.

Und dennoch findet sich eine weitgehende Uninformiertheit dar­über, wie man zu Pflegeeltern wird, wie sich Kontakte zu Ämtern gestal­ten, was die Kinder an Defiziten mitbringen kön­nen, wie Pflegeeltern damit umgehen und wie man mit der Trennung von Pflegekindern umgeht. Und wer möchte schon vor der Vermitt­lung und während des stressigen Pflegealltags die für ihn passen­de Information aus un­terschiedlichen Bü­chern herauslesen.

Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, alle mir zur Ver­fügung stehenden Erfahrungen und das dazu gekommene Wissen in ei­nem Praxisbüchlein zusammenzutragen. Es be­ginnt mit der Idee, Pflegekinder aufzunehmen und endet mit der Beendigung von Pfle­geverhältnissen. Viele Themen, die ir­gendwann während der Pflege relevant werden können, werden angesprochen, jedoch nicht er­schöpfend behandelt. In einer Zeit der Suchmaschinen und der virtu­ellen Pflegeelterngruppen hat jedermann die Möglichkeit, sich tiefer greifende Informa­tionen über z.B. FAS oder Traumati­sierungen selbst zu be­schaffen. Entstanden ist somit ein Büchlein, das einen Über­blick gibt und aus der eigenen Erfahrung und Betroffenheit her­aus bewertet. Rechtliche Ansprüche können aus den Schilde­rungen nicht hergeleitet werden.

Dem entsprechend habe ich auf Zitate und eine extensive Litera­turliste verzichtet und statt dessen Quellen aus Basisinformation­en, be­stehend aus Büchern und Internetadressen, zusammenges­tellt. An­hand dessen kann der Leser sein Wissen über spezielle Gebiete ver­tiefen.

http://www.epubli.de/shop/buch/Praxis-Pflegeeltern-Ralph-Gehrke-9783741843143/55347

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Zweites Buch zum Blog nun auch als Printversion

Das Buch „Die tollen Gedanken bleiben immer in meinem Kopf“ ist nun auch als Printversion erhältlich und kann ins Bücherregal gestellt werden! 😉

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Zweites Buch zum Blog

Das zweite Buch zum Blog ist als e-book erschienen. Es handelt von den Pflegekindern Susann und Jeannett, von denen nun nur noch letztere in der Pflegefamilie wohnt. Für Jeannett kommt es jetzt darauf an, ihre Beziehungen zu ihrer Schwester und ihrer Herkunftsfamilie neu zu ordnen. Sie gerät in einen unaushaltbaren Loyalitätskonflikt, der ihr körperliche und seelische Schmerzen bereitet. Ihr leiblicher Vater tut alles dafür, um sie aus der Pflegefamilie herauszulösen. Das geschieht zu einer Zeit, in der die Jugendliche bedingt durch die Pubertät nach ihren Wurzeln sucht und sich eine Basis für ihr künftiges Leben sucht. Das Ende ist die Trennung von der Pflegefamilie, ohne dass sie die Schuld bei sich suchen muss. Die tollen Gedanken, so sagt sie, bleiben immer in ihrem Kopf.

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2014 im Rückblick

Die WordPress.com-Statistik-Elfen haben einen Jahresbericht 2014 für dieses Blog erstellt.

Hier ist ein Auszug:

Die Konzerthalle im Sydney Opernhaus fasst 2.700 Personen. Dieses Blog wurde in 2014 etwa 32.000 mal besucht. Wenn es ein Konzert im Sydney Opernhaus wäre, würde es etwa 12 ausverkaufte Aufführungen benötigen um so viele Besucher zu haben, wie dieses Blog.

Klicke hier um den vollständigen Bericht zu sehen.

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Das Buch zum Blog

Das Buch zum ersten Teil des Blogs ist bei Bloggingbooks erschienen:

9783841773258

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Aufräumen und zusammenpacken

Nur langsam kommt uns zu Bewusstsein, dass Jeannett nicht nur zu einem Umgangskontakt fort ist und bald wiederkommt. Aber wir spüren, dass wir die Trennung auch für uns akzeptieren und die geeigneten Maßnahmen ergreifen müssen.

Also beginnen wir damit, Jeannetts Zimmer auszuräumen. Säckeweise tun wir ihre Kleidung in Plastiksäcke, nachdem sie gewaschen ist. Bücher und Spiele, die ihr gehören, kommen in ein halbes Dutzend Umzugskartons. Jeannetts Papiere und Zeugnisse werden in einen Aktenordner abgelegt. Diesen bringen wir zum Landratsamt und geben ihn dort zur Weiterleitung ab. Schwägerin Sarah ist dabei, um den Vorgang bezeugen zu können, falls es zu Vorwürfen kommt. Was allerdings mit Jeannetts weiterem Eigentum passieren kann, bleibt ungewiss. Noch hat sich Frau Gerster vom Jugendamt bei uns nicht gemeldet.

Eine Woche später sitzt sie bei uns im Wohnzimmer. Wir reden drei Stunden lang. „Es ist ja immer offensichtlicher geworden“, resümiert sie, „dass der Kindesvater darauf hin gearbeitet hat, Jeannett zu sich zu holen. Aber er wird sich wundern, er wird sie nicht festhalten können.“ Dann verspricht sie uns, zu organisieren, dass Jeannetts Sachen abgeholt werden. Wann und wie, bleibt noch ungewiss.

Zwei Wochen später steht ein LKW vor unserem Haus. Frau Gerster hat es geschafft, das Berliner Jugendamt davon zu überzeugen, dass die Abholung der Sachen nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fällt. Einige Möbel, die Kleidungssäcke und Umzugskisten werden verladen. Damit ist das Kapitel abgeschlossen. Das Letzte, was wir aus Berlin hören, ist ein Brief des Anwaltes des Kindesvaters, in dem er fordert, dass ihm Geldbeträge, einige verschwundene Dinge und die Akten der Pflege überlassen werden. So ist die erste Handlung, die ich aus dem in Jeannetts Zimmer für mich eingerichteten Arbeitszimmer vornehme, ihm schriftlich zu erklären, warum kein Anspruch auf diese Dinge und speziell auf die Pflegeakten besteht.

Noch immer kommen wir uns vor wie in einem schlechten Film. Alles hat sich für uns geändert. Tagsüber ist die gestaltende Macht des Faktischen überwiegend. Abends jedoch, wenn das Haus ruhig ist, kriechen die Gefühle in unser Leben. Wieder und wieder fragen wir uns, warum das alles hat so enden müssen.

Vertraute Menschen wie Sarah und Eileen, mit denen wir reden und unser Herz ausschütten, machen uns immer wieder klar: „Ihr habt alles getan, was ihr hättet tun können. Ihr habt die Kinder ein Stück ihres Weges begleitet. Wer weiß, was passiert wäre, wenn ihr nicht für sie da gewesen wärt.“ Zwar können wir diese Ansicht noch nicht für uns annehmen, aber tröstlich ist sie allemal.

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Forderungen

Es ist eine Umstellung für Pflegeeltern, wenn das letzte Pflegekind den Haushalt verlässt. Normaler Weise sind sie noch immer da, um zu helfen. Aber wenn die Trennung nicht einvernehmlich statt gefunden hat, stellen sich weitere Probleme. Was geschieht mit dem persönlichen Eigentum des Kindes? Wie sind die Zuständigkeiten geregelt? Wir vermuten, dass das Ende noch lange nicht in Sicht ist. Und tatsächlich finden wir uns mit Forderungen konfrontiert.

Eines Abends ruft Jeannett uns an. Sie ist im Haushalt ihres Vaters in Berlin untergekommen. „Ich habe mit meiner Sachbearbeiterin beim Jugendamt gesprochen“, konfrontiert sie uns eiskalt. Ich brauche meine Zeugnisse und die Kontounterlagen. Das musst du mir zuschicken“, befiehlt sie mir. „Und ich will das Geld haben, das mir aus der Opferentschädigungsrente zusteht.“ Da muss ich sie aber bremsen. „Weißt du, wie dein Zimmer aussieht?“, erinnere ich sie. „Wir müssen es erst aufräumen, um an deine Sachen zu kommen. Und zuschicken“, mache ich ihr klar, „geht schon gar nicht. Wir werden alles geregelt an Frau Gerster vom Jugendamt übergeben. Damit ist für uns der Fall erledigt. Und was das OEG-Geld angeht“, gehe ich auf ihre nächste Forderung ein, „so muss das Gericht entscheiden. Ich bin doch gar nicht befugt, dir das Geld zu überlassen.“ „Aber Ihr habt doch jetzt alle Verantwortung für mich freiwillig abgegeben“, versucht sie zu argumentieren. „Deshalb steht mir das Geld zu.“ „Da täuschst du dich“, wende ich ein. „So lange das Gericht nichts anderes beschließt, bin ich dein Ergänzungspfleger und damit für die Verwaltung des Geldes zuständig.“ „Überhaupt“, beginnt sie nun mit einem anderen Thema, habt ihr kein Recht mehr, mit Susann zu reden. Sie ist meine Schwester und ihr habt nichts mehr mit ihr zu tun.“ „Jeannett“, stelle ich klar, „mit wem wir reden oder nicht, wirst du nicht bestimmen. Das ist einzig und allein unsere Sache.“ Danach ist das Gespräch beendet.

Wir sind entsetzt darüber, was sich Jeannett nun gegenüber uns herausnimmt, mit welcher Selbstverständlichkeit sie ihre Forderungen stellt. Sicher ist auch das eine Ausprägung ihres Zwanges, die Kontrolle behalten zu müssen. Das mag ihr ja mit dem Kindesvater gelingen, aber bei uns hat sie in der Beziehung schlechte Karten.

Was wir heute mit Jeannett erfahren haben, ist sicher auch ein Teil der Symptomatik einer sich entwickelnden Borderlinestörung. In jedem Fall sind wir uns klar darüber, dass es sicher noch mehrere Anlässe geben wird, die zu Meinungsverschiedenheiten führen werden.

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Planvoll und durchdacht?

Pflegeeltern sind Partei. Sie vertreten die Interessen ihrer Pflegekinder. Deshalb sehen sie alle Schwierigkeiten, die ihre Kinder haben, immer aus deren Blickwinkel. Aber ist es erst einmal zur Trennung gekommen, eröffnet sich ihnen auch eine andere Perspektive.

In dieser Situation befinden wir uns gerade. Immer wieder fragen wir uns, wie es zu diesem Showdown hat kommen können, welche Entwicklungen dazu geführt haben. Bei der Rückschau fällt uns eines immer wieder auf: Die Folgerichtigkeit der Ereignisse. Jeannett hat uns bewusst in Situationen hinein laufen lassen. Sie hat genau geplant, uns in ihre „Versöhnungs- und Abschiedsfeier“, wie sie es selbst genannt hat, hineinplatzen zu lassen. Sie hat bewusst die Plätzchen gebacken, die sie bewusst wieder zerstört hat. Sie hat bewusst geplant, dass jemand in unserem Ehebett Sex hatte. Sie hat geplant, dass wir sie verstoßen, damit sie sagen konnte, wir hätten sie aus unserem Haus geworfen, als Rechtfertigung für sie, dass sie keine andere Wahl hatte, als zu gehen. Dabei kommen uns die Gedanken, dass sie alles, was letztes Jahr passiert ist, inszeniert hat, damit wir sie frei geben. Wer weiß, vielleicht hat sie auch den Weggang von Susann geplant, damit sie uns ganz für sich hat. Die viele Äußerungen, Susann gehöre nicht mehr zu unserer Familie, deuten darauf hin.

Wir müssen uns mit dem Gedanken befreunden, dass Jeannetts gesamte Zeit, die sie bei uns zugebracht hat, eine einzige Inszenierung darstellte, dass alle ihre Beziehungen zu anderen Menschen durchgängig auf Inszenierungen von Situationen beruhen. Wir können ihr dieses Verhalten auch nicht zum Vorwurf machen. So hat sie in frühester Kindheit gelernt, mit Problemen umzugehen und sie hält es für die Realität. Es ist ihr in ihr Gehirn eingebrannt. Nun sind wir ihr zum Opfer gefallen. Nicht bewusst, aber die Ausweglosigkeit ihrer Situation im Loyalitätskonflikt zwischen ihrem leiblichen Vater und uns, den wir nie wollten und gegen den wir uns auch immer gewährt haben, ließ ihr keine andere Wahl.

Diese Erkenntnis ist bitter, aber wir können uns ihrer nicht erwehren. Sie bringt uns in die Situation, selbst Opfer der Situation zu sein, aber zugleich die Entwicklung zu durchschauen.

Letztlich müssen wir damit rechnen, dass Jeannett nicht damit aufhören wird, Situationen fernab der Realität zu inszenieren und uns so als Beteiligte in ihrer Lage zu behalten. Was da auf uns zu kommt, wissen wir nicht.

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Der Showdown

Irgendwann ist es an der Zeit für Pflegeeltern, sich von ihren Pflegeeltern zu trennen. Der normale Weg ist es, dass Pflegekinder ausziehen und ihren eigenen Weg durchs Leben finden. Dann kann ein langer Kontakt erhalten bleiben und sie sind wie die eigenen Kinder. Manchmal allerdings kehren Pflegekinder gewollt oder ungewolt zu ihren leiblichen Eltern zurück. Oder sie wollen einfach nicht mehr bei ihren Pflegeeltern wohnen.

Der heutige Tag verläuft zunächst ruhig. Jeannett bringt Shelly zum Bus. Von da aus fährt sie nach Hause nach Hamburg. Sie ist ganz entspannt. Abends fahren Ruth und ich zum Altenwohnheim, um dort Oma und den Weihnachtsmarkt auf dem Gelände zu besuchen. Kurz bevor wir dort eintreffen, klingelt das Handy. „Wann seid ihr denn so etwa zu Hause?“, will Jeannett wissen. Nichts Böses ahnend, aber mich doch fragend, warum sie das wissen will, antworte ich „Na nicht später als acht.“ Damit ist das Gespräch beendet.

Als wir zu Hause ankommen, fällt uns auf, dass das ganze Haus hell erleuchtet ist. „Was ist denn da los?“, frage ich Ruth. Die mach ein ratloses Gesicht. Wir gehen zur Tür und schließen sie auf. Da bietet sich uns eine unglaubliche Szene. Etwa ein Dutzend Jugendliche bevölkern das Haus, auf dem Wohnzimmertisch eine Batterie von halb bis ganz ausgetrunkenen Flaschen, teils mitgebracht, teils aus unserer Hausbar, die Jeannett bisher immer als unser Eigentum respektiert hat. Überall auf dem Boden sind Plätzchen zertrampelt, die Jeannett vor kurzem mit Liebe verziert hat. In dem Chaos im Wohnzimmer auf dem Boden sitzt sie, den Hund des Nachbarn im Arm und offensichtlich nicht ganz nüchtern. Ich gehe zurück zur Eingangstür. Einige der Jugendlichen wollen flüchten. „Halt“, befehle ich, „hier kommt niemand raus, bevor ich nicht Namen und Adresse weiß.“ Bevor Ruth die Terrassentür erreichen kann, entschwindet Jeannett und ein paar andere. Dann heißt auch hier die Devise „Erst raus, wenn wir Namen und Adresse kennen!“ Keiner der Jugendlichen will diese Schmach mit sich geschehen lassen. Also ruft Ruth die Polizei an.

Die Polizei erscheint erstaunlich schnell. Mit ihr eine Mutter, mit finsterer Miene, die ihre Tochter wortlos abholt. Jeannettt ist auch zurück gekehrt. Ihre Augen sind glasig, aber sie kann ohne Schwierigkeiten laufen. Die anderen werden vernommen, die Personalien festgestellt und ein Alkoholtest durchgeführt. Sie werden durch die Beamten ihren Eltern zugeführt. Niemand ist nüchtern, alle haben getrunken. Auch Jeannett hat ein Promille Alkohol im Blut. Als es so langsam ruhiger wird, erfassen wir das ganze Ausmaß der Verwüstung. Die Tür zu unserem Schlafzimmer steht weit offen und es ist unübersehbar, dass jemand in unserem Ehebett Sex gehabt hat. Der Keller und die obere Etage ist übersät mit zertrampelten Plätzchen. Wir sind so erschüttert, wie wir es noch nie waren. Fragen drängen sich in unseren Kopf. Haben wir unsere Aufsichtspflicht vernachlässigt? Warum das alles?

Dann die Frage nach den Konsequenzen. Wenige Blicke und Worte genügen. Das ist das Ende, beschließen wir. So wollen wir nicht mit uns umgehen lassen. Von Jeannett kein Wort der Entschuldigung oder Erklärung. Sie hat sich in ihrem Zimmer eingeschlossen. Wir hören sie leise telefonieren. Aber nach diesem Ereignis steht unsere Entscheidung fest. Wir rufen Jeannett aus ihrem Zimmer. „Wir möchten, dass du jetzt den Kindernotdienst anrufst und dich in Obhut nehmen lässt. Das war ja offensichtlich der Sinn deiner Aktion.“ Sie bebt vor Wut. „Nein, ich denk nicht dran!“, brüllt sie uns an. „Wenn ihr das wollt, könnt ihr das ja machen!“ Das lassen wir uns nicht zweimal sagen.

Also rufen wir den Kindernotdienst an. Wir schildern der Dienst habenden Sachbearbeiterin unsere Situation. „Wie stellen Sie sich das vor?“, faucht sie uns an. „Alle Notdienstplätze sind voll und die Heime auch, so kurz vor Weihnachten!“ „Ab jetzt lehnen wir jede Verantwortung ab“, antworte ich scharf. „Die Atmosphäre bei uns ist dermaßen aufgeheizt, dass wir weder für Jeannett noch für uns garantieren können. Ich darf Sie an Ihre dienstlichen Pflichten erinnern.“ „Hat das nicht bis morgen früh Zeit?“, versucht sie nochmals einen Überredungsversuch. „Dann wenden Sie sich an Frau Gerster.“ „Nein, es hat keine Zeit“, fahre ich sie an. Ein Moment Stille. „Kann ich mal mit Jeannett sprechen?“ Natürlich kann sie. Und sicherlich schildert Jeannett alles aus ihrer Position. Und von ihr kommt dann auch der Vorschlag, sie vorübergehend bei Nikkis Familie unterzubringen. „Würden Sie dem zustimmen?“ „Was haben wir damit zu tun?“, frage ich erregt. „Der Kindesvater hat das Aufenthaltsbestimmungsrecht.“

Es dauert eine halbe Stunde, bis die Sachbearberin zurück ruft. „Es ist alles geklärt“, verkündet sie stolz. „Die Familie von Jeannetts Freundin ist bereit, sie aufzunehmen und der Vater hat zugestimmt.“ Das weiß Jeannett nun auch. Aber sie lässt sich Zeit beim Packen. Sie nimmt die Fotos von der Wand, die uns zusammen mit ihr zeigen und etwas Unterwäsche. Erst als Ruth ruhig, aber bestimmt befiehlt „Jeannett, ich möchte, dass du jetzt gehst“, verlässt sie das Haus, taucht in die Dunkelheit ein und geht den Weg zu Fuß, den sie so oft schon gegangen ist. An der Tür zu ihrem Zimmer klebt ein Zettel. „Ich habe es echt versucht. Die tollen Gedanken bleiben für immer in meinem Kopf.“

So sitzen wir allein in diesem Chaos bis tief in die Nacht auf unserem Sofa und fragen uns, was eben gerade passiert ist. Wir fragen uns, ob wir alles richtig gemacht haben, ob es richtig war, diesen letzten Schritt zu gehen. Aber so oft wir auch alles nochmals durch gehen, immer wieder kommen wir zu dem Schluss, dass es hätte passieren müssen, wenn nicht heute, dann sicher bald in der Zukunft. Erschöpft legen wir uns zur Ruhe.

So sind wir heute am Ende unserer Bemühungen angekommen. Es ist offensichtlich, dass nun ein neues Leben für uns anfängt, auch, wenn wir keine Vorstellung davon haben, wie es aussehen wird. Eins ist für uns klar: Die Zeit der Pflegekinder ist für uns vorbei.

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