Planvoll und durchdacht?

Pflegeeltern sind Partei. Sie vertreten die Interessen ihrer Pflegekinder. Deshalb sehen sie alle Schwierigkeiten, die ihre Kinder haben, immer aus deren Blickwinkel. Aber ist es erst einmal zur Trennung gekommen, eröffnet sich ihnen auch eine andere Perspektive.

In dieser Situation befinden wir uns gerade. Immer wieder fragen wir uns, wie es zu diesem Showdown hat kommen können, welche Entwicklungen dazu geführt haben. Bei der Rückschau fällt uns eines immer wieder auf: Die Folgerichtigkeit der Ereignisse. Jeannett hat uns bewusst in Situationen hinein laufen lassen. Sie hat genau geplant, uns in ihre „Versöhnungs- und Abschiedsfeier“, wie sie es selbst genannt hat, hineinplatzen zu lassen. Sie hat bewusst die Plätzchen gebacken, die sie bewusst wieder zerstört hat. Sie hat bewusst geplant, dass jemand in unserem Ehebett Sex hatte. Sie hat geplant, dass wir sie verstoßen, damit sie sagen konnte, wir hätten sie aus unserem Haus geworfen, als Rechtfertigung für sie, dass sie keine andere Wahl hatte, als zu gehen. Dabei kommen uns die Gedanken, dass sie alles, was letztes Jahr passiert ist, inszeniert hat, damit wir sie frei geben. Wer weiß, vielleicht hat sie auch den Weggang von Susann geplant, damit sie uns ganz für sich hat. Die viele Äußerungen, Susann gehöre nicht mehr zu unserer Familie, deuten darauf hin.

Wir müssen uns mit dem Gedanken befreunden, dass Jeannetts gesamte Zeit, die sie bei uns zugebracht hat, eine einzige Inszenierung darstellte, dass alle ihre Beziehungen zu anderen Menschen durchgängig auf Inszenierungen von Situationen beruhen. Wir können ihr dieses Verhalten auch nicht zum Vorwurf machen. So hat sie in frühester Kindheit gelernt, mit Problemen umzugehen und sie hält es für die Realität. Es ist ihr in ihr Gehirn eingebrannt. Nun sind wir ihr zum Opfer gefallen. Nicht bewusst, aber die Ausweglosigkeit ihrer Situation im Loyalitätskonflikt zwischen ihrem leiblichen Vater und uns, den wir nie wollten und gegen den wir uns auch immer gewährt haben, ließ ihr keine andere Wahl.

Diese Erkenntnis ist bitter, aber wir können uns ihrer nicht erwehren. Sie bringt uns in die Situation, selbst Opfer der Situation zu sein, aber zugleich die Entwicklung zu durchschauen.

Letztlich müssen wir damit rechnen, dass Jeannett nicht damit aufhören wird, Situationen fernab der Realität zu inszenieren und uns so als Beteiligte in ihrer Lage zu behalten. Was da auf uns zu kommt, wissen wir nicht.

Veröffentlicht unter Nach dem Showdown | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Der Showdown

Irgendwann ist es an der Zeit für Pflegeeltern, sich von ihren Pflegeeltern zu trennen. Der normale Weg ist es, dass Pflegekinder ausziehen und ihren eigenen Weg durchs Leben finden. Dann kann ein langer Kontakt erhalten bleiben und sie sind wie die eigenen Kinder. Manchmal allerdings kehren Pflegekinder gewollt oder ungewolt zu ihren leiblichen Eltern zurück. Oder sie wollen einfach nicht mehr bei ihren Pflegeeltern wohnen.

Der heutige Tag verläuft zunächst ruhig. Jeannett bringt Shelly zum Bus. Von da aus fährt sie nach Hause nach Hamburg. Sie ist ganz entspannt. Abends fahren Ruth und ich zum Altenwohnheim, um dort Oma und den Weihnachtsmarkt auf dem Gelände zu besuchen. Kurz bevor wir dort eintreffen, klingelt das Handy. „Wann seid ihr denn so etwa zu Hause?“, will Jeannett wissen. Nichts Böses ahnend, aber mich doch fragend, warum sie das wissen will, antworte ich „Na nicht später als acht.“ Damit ist das Gespräch beendet.

Als wir zu Hause ankommen, fällt uns auf, dass das ganze Haus hell erleuchtet ist. „Was ist denn da los?“, frage ich Ruth. Die mach ein ratloses Gesicht. Wir gehen zur Tür und schließen sie auf. Da bietet sich uns eine unglaubliche Szene. Etwa ein Dutzend Jugendliche bevölkern das Haus, auf dem Wohnzimmertisch eine Batterie von halb bis ganz ausgetrunkenen Flaschen, teils mitgebracht, teils aus unserer Hausbar, die Jeannett bisher immer als unser Eigentum respektiert hat. Überall auf dem Boden sind Plätzchen zertrampelt, die Jeannett vor kurzem mit Liebe verziert hat. In dem Chaos im Wohnzimmer auf dem Boden sitzt sie, den Hund des Nachbarn im Arm und offensichtlich nicht ganz nüchtern. Ich gehe zurück zur Eingangstür. Einige der Jugendlichen wollen flüchten. „Halt“, befehle ich, „hier kommt niemand raus, bevor ich nicht Namen und Adresse weiß.“ Bevor Ruth die Terrassentür erreichen kann, entschwindet Jeannett und ein paar andere. Dann heißt auch hier die Devise „Erst raus, wenn wir Namen und Adresse kennen!“ Keiner der Jugendlichen will diese Schmach mit sich geschehen lassen. Also ruft Ruth die Polizei an.

Die Polizei erscheint erstaunlich schnell. Mit ihr eine Mutter, mit finsterer Miene, die ihre Tochter wortlos abholt. Jeannettt ist auch zurück gekehrt. Ihre Augen sind glasig, aber sie kann ohne Schwierigkeiten laufen. Die anderen werden vernommen, die Personalien festgestellt und ein Alkoholtest durchgeführt. Sie werden durch die Beamten ihren Eltern zugeführt. Niemand ist nüchtern, alle haben getrunken. Auch Jeannett hat ein Promille Alkohol im Blut. Als es so langsam ruhiger wird, erfassen wir das ganze Ausmaß der Verwüstung. Die Tür zu unserem Schlafzimmer steht weit offen und es ist unübersehbar, dass jemand in unserem Ehebett Sex gehabt hat. Der Keller und die obere Etage ist übersät mit zertrampelten Plätzchen. Wir sind so erschüttert, wie wir es noch nie waren. Fragen drängen sich in unseren Kopf. Haben wir unsere Aufsichtspflicht vernachlässigt? Warum das alles?

Dann die Frage nach den Konsequenzen. Wenige Blicke und Worte genügen. Das ist das Ende, beschließen wir. So wollen wir nicht mit uns umgehen lassen. Von Jeannett kein Wort der Entschuldigung oder Erklärung. Sie hat sich in ihrem Zimmer eingeschlossen. Wir hören sie leise telefonieren. Aber nach diesem Ereignis steht unsere Entscheidung fest. Wir rufen Jeannett aus ihrem Zimmer. „Wir möchten, dass du jetzt den Kindernotdienst anrufst und dich in Obhut nehmen lässt. Das war ja offensichtlich der Sinn deiner Aktion.“ Sie bebt vor Wut. „Nein, ich denk nicht dran!“, brüllt sie uns an. „Wenn ihr das wollt, könnt ihr das ja machen!“ Das lassen wir uns nicht zweimal sagen.

Also rufen wir den Kindernotdienst an. Wir schildern der Dienst habenden Sachbearbeiterin unsere Situation. „Wie stellen Sie sich das vor?“, faucht sie uns an. „Alle Notdienstplätze sind voll und die Heime auch, so kurz vor Weihnachten!“ „Ab jetzt lehnen wir jede Verantwortung ab“, antworte ich scharf. „Die Atmosphäre bei uns ist dermaßen aufgeheizt, dass wir weder für Jeannett noch für uns garantieren können. Ich darf Sie an Ihre dienstlichen Pflichten erinnern.“ „Hat das nicht bis morgen früh Zeit?“, versucht sie nochmals einen Überredungsversuch. „Dann wenden Sie sich an Frau Gerster.“ „Nein, es hat keine Zeit“, fahre ich sie an. Ein Moment Stille. „Kann ich mal mit Jeannett sprechen?“ Natürlich kann sie. Und sicherlich schildert Jeannett alles aus ihrer Position. Und von ihr kommt dann auch der Vorschlag, sie vorübergehend bei Nikkis Familie unterzubringen. „Würden Sie dem zustimmen?“ „Was haben wir damit zu tun?“, frage ich erregt. „Der Kindesvater hat das Aufenthaltsbestimmungsrecht.“

Es dauert eine halbe Stunde, bis die Sachbearberin zurück ruft. „Es ist alles geklärt“, verkündet sie stolz. „Die Familie von Jeannetts Freundin ist bereit, sie aufzunehmen und der Vater hat zugestimmt.“ Das weiß Jeannett nun auch. Aber sie lässt sich Zeit beim Packen. Sie nimmt die Fotos von der Wand, die uns zusammen mit ihr zeigen und etwas Unterwäsche. Erst als Ruth ruhig, aber bestimmt befiehlt „Jeannett, ich möchte, dass du jetzt gehst“, verlässt sie das Haus, taucht in die Dunkelheit ein und geht den Weg zu Fuß, den sie so oft schon gegangen ist. An der Tür zu ihrem Zimmer klebt ein Zettel. „Ich habe es echt versucht. Die tollen Gedanken bleiben für immer in meinem Kopf.“

So sitzen wir allein in diesem Chaos bis tief in die Nacht auf unserem Sofa und fragen uns, was eben gerade passiert ist. Wir fragen uns, ob wir alles richtig gemacht haben, ob es richtig war, diesen letzten Schritt zu gehen. Aber so oft wir auch alles nochmals durch gehen, immer wieder kommen wir zu dem Schluss, dass es hätte passieren müssen, wenn nicht heute, dann sicher bald in der Zukunft. Erschöpft legen wir uns zur Ruhe.

So sind wir heute am Ende unserer Bemühungen angekommen. Es ist offensichtlich, dass nun ein neues Leben für uns anfängt, auch, wenn wir keine Vorstellung davon haben, wie es aussehen wird. Eins ist für uns klar: Die Zeit der Pflegekinder ist für uns vorbei.

Veröffentlicht unter Kurze Besserung und der Absturz | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Unerwarteter Besuch

Pflegeeltern wissen, dass Pflegekinder immer für Überraschungen gut sind. Manchmal provozieren sie auch Situationen, um auszuloten, wie weit sie gehen können. Heute ist wohl ein solcher Tag.

Jeannett steht nachmittags in der Tür, gefolgt von einem Dutzend Jugendlicher und dem etwas älteren jungen Mann, mit dem wir besprochen hatten, dass die Gruppe sich ab und zu in unserer oberen Etage treffen könnten. Ruth und ich sind sehr überrascht, als Jeannett uns eröffnet: „Wir räumen jetzt oben auf und wollen dann etwas chillen.“ „Und was ist mit Shelly, die heute hier übernachten wollte?“, erstaunt sich Ruth. „Ach, die nehmen wir dann einfach dazu“, ist die unkomplizierte, überraschende Antwort. Ich werde sehr ernst. „Jeannett, das wird heute und völlig unabgesprochen nicht stattfinden“, bestimme ich. Ruth nickt ihr Einverständnis.

Schon sitzen und stehen die Jugendlichen überall im Haus herum. Aber wir bleiben hart. „Immer macht ihr mir alles kaputt“, schreit sie uns an und verlässt das Zimmer. Wir holen uns den verantwortlichen jungen Mann und erklären ihm die Situation. „Wir sind heute nicht darauf vorbereitet und würden Sie bitten, zu gehen. Das nächste Mal sprechen wir einen Termin ab, damit wir wissen, dass alles passt.“

In diesem Moment kommt Jeannett wieder zu uns. „Ich glaube, es ist das Beste, wenn wir jetzt wieder gehen“, zeigt der junge Mann Einsicht, aber Jeannett ist außer sich vor Wut. „Ich wollte dass es so schön wird und ihr macht es mir kaputt“, kreischt sie. Dann greift sie zu ihrem Handy. Sie ruft ihren Vater an. „Stell dir vor, die schmeißen meine Freunde einfach raus!“, beschwert sie sich. Aber der Kindesvater scheint davon nichts wissen zu wollen. Bald legt sie wieder auf. Dann verlässt sie mit den anderen das Haus. „Ich weiß noch nicht, ob ich wiederkomme“, zischt sie uns an.

Abends um acht erscheint Jeannett wieder, in Begleitung von Shelly, mit deren Mutter wir die Übernachtung abgesprochen hatten und einem hageren, großen Mädchen, das sich uns mit Angie vorstellt. „Kann Angie heute bei uns schlafen?“, fragt Jeannett unverblümt. „Sie möchte heute nicht zu Hause schlafen.“ Ruth blickt erstaunt. Ich wende mich zu Angie. „Warum willst du heute nicht zu Hause schlafen?“, frage ich in ruhigem Ton. Ihr laufen ein paar Tränen. „Ich bin zu spät und ich fürchte mich vor meinen Eltern. Sie werden dann wieder so wütend. Außerdem fährt nach Neugreden kein Bus mehr.“ „Dann bringen wir dich nach Hause“, fällt Ruth die passende Lösung ein. „Sie werden bestimmt nicht aufmachen. Sie gehen nicht mal mehr ans Telefon. Um acht schalten sie die Telefonanlage ab.“

So eine Situation hat uns jetzt gerade noch gefehlt. Also versuchen wir, die Eltern anzurufen. aber tatsächlich: „Dieser Anschluss ist zurzeit nicht erreichbar.“ Da kommt Ruth eine Idee. „Schick eine SMS an deine Eltern, schreib ihnen wo du bist. Dann können sie dich abholen, wenn sie wollen.“ Aber nichts passiert. Es scheint, als ob Angies Eltern sich nicht einmal um sie sorgen. Uns steht das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Die Mädchen machen sich ihre Betten in der oberen Etage und es geht ruhig und friedlich zu.

Für Jeannett ist der heutige Tag sicher nicht einer ihrer erfolgreichsten. Wir haben ihr ihre Absicht zunichte gemacht, sich bei ihrer Peergroup in den Mittelpunkt zu stellen. Dafür war sie abends erstaunlich gelassen.

Wir haben verhindert, dass Jeannett bei uns Knöpfe drückt und unsere Reaktionen voraussagen und -planen kann. Das dürfte sie beunruhigen. Es gibt nun nur für sie die Möglichkeit, uns wahr zu nehmen und sich in ihrem Verhalten auf uns einzustellen oder es kommt zum Showdown. Noch wissen wir nicht, was uns am nächsten Tag bevor steht.

Veröffentlicht unter Kurze Besserung und der Absturz | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

Widersprüchliches und Szenarien

Auch wenn es manchmal anders scheinen mag: Auch Pflegeeltern sind nur Menschen mit einer Vergangenheit und verletzbaren Gefühlen, jenseits aller Professionalität. Pflegekinder und leibliche Eltern scheinen dafür manchmal kein Verständnis zu haben.

Jeannett telefoniert mit Frau Gerster vom Jugendamt und erklärt, dass sie von uns weg will. Sie hat allerdings keine Vorstellung wohin, ob zu ihrer Herkunftsfamilie oder in eine Wohngruppe in der Nähe. Abends kommt sie in mein Büro und schüttet mir ihr Herz aus. „Daddy, ich kann mich nicht entscheiden. Irgend etwas hält mich bei euch, aber mein Vater braucht auch meine Hilfe. Ich will das alles hier einfach nicht aufgeben, ich habe so viel vor. Ich will das Abitur machen und studieren. Aber mein Vater sagt, ich brauche das nicht, niemand in unserer Familie hat ein Abitur.“ „Jeannett“, erwidere ich, „ich kann dich verstehen und du musst wissen, dass, welchen Weg du immer gehen willst, wir dich unterstützen. Es gibt immer Möglichkeiten. Nur wollen wir langsam wissen, woran wir sind. Deshalb muss innerhalb der nächsten Wochen unbedingt ein Hilfeplangespräch her, in dem wir festlegen, wie es weiter geht.“ Jeannetts Gesicht wird nachdenklich. Sie scheut sich, sich wo möglich festlegen zu müssen.

Wir besprechen die Situation mit Frau Gerster. Dabei entwickeln wir folgende Szenarien:

  • Auf Jeannetts Wunsch geht sie sofort nach Berlin zur Herkunftsfamilie.
  • Im Hilfeplangespräch wird festgelegt, wo sie am besten aufgehoben ist und der Übergang wird von uns und dem Jugendamt begleitet.
  • Sie bleibt definitiv bis zum Ende der zehnten Klasse mindestens  und es ist ein Ende mit den Debatten.

„Sie wird wiederkommen wollen“, bezieht Frau Gerster Stellung, „sobald sie die anderen Möglichkeiten abgecheckt hat.“

Frau Sommer, unsere Supervisorin, konkretisiert das Vorgehen. „Wenn Jeannett bleiben will, muss bis zum Schuljahresende jede Diskussion über das Weggehen ausgeschlossen sein oder es erfolgt die sofortige Trennung. Sollte sie auf diese Bedingung nicht eingehen wollen, sollten Sie sich sofort trennen. Eine weitere Verunsicherung ist Ihnen ja nicht zuzumuten. Ich würde ihr auch keine Karenzfrist einräumen. Für eine Rückkehr müsste sie schon gute Gründe haben und erkennen lassen, dass sie ihr Verhalten grundsätzlich ändert. Sie können sich nicht Ihr Leben kaputt machen lassen und Sie müssen jetzt auch an sich denken“, beschwört sie uns. „Achten Sie darauf, dass das alles genau in einem Hilfeplan festgelegt wird.“

Abends kommt Jeannett mit einem jungen Mann nach Hause. „Wir treffen uns immer am Bahnhof Lüneburg“, erzählt er uns. „Es sind alle Jugendliche, die sich dort nach der Schule einfinden. Wir reden und vertreiben uns die Zeit. Alkohol und Drogen sind kein Thema, darauf achte ich. Von Ihrer Tochter habe ich erfahren, dass Sie oben im Obergeschoss viel Platz haben. Das wäre uns eine große Hilfe, wenn wir uns im Winter dort treffen könnten.“

Ich habe einen guten Eindruck von dem jungen Mann. Er scheint alles im Griff zu haben. Er stimmt zu, als ich festlege „Aber in unserem Haus wird nicht geraucht.“ Immerhin würden die Jugendlichen nur Zutritt bekommen, wenn ich dabei wäre. Es reizt mich einfach, ein gutes Werk zu tun. „Wollen wir uns mal alles ansehen?“, fordert Jeannett ihn auf und führt ihn voller Stolz durch das Haus, als sei nie etwas gewesen und es wie selbstverständlich ihr Zuhause sei. Bisher hatte ich nur gerüchteweise gehört, dass sie ihren Freunden und Klassenkameraden voller Stolz bei jeder Gelegenheit bekannt gibt, dass sie bis zu ihrer Volljährigkeit bei uns wohnen würde.

Wir haben den Eindruck, dass Jeannett tief gespalten ist durch den Loyalitätskonflikt zwischen ihrem Vater und uns. Der versucht immer wieder, sie in seinem Sinne zu beeinflussen, wobei es ihm egal ist, ob es wirklich die beste Lösung für seine Tochter ist, nach Berlin zu ziehen. Es geht ihm darum, seinen Willen durchzusetzen und uns zu diskreditieren.

Das Schlimme ist diese Hilflosigkeit, der wir ausgeliefert sind. Dadurch können wir auch Jeannett keine Hilfe sein. Sie muss jetzt entscheiden und wir sind automatisch Partei in diesem schlechten Spiel.

Veröffentlicht unter Kurze Besserung und der Absturz | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Die Inszenierung der Rückkehr

Als Pflegeeltern bekommen wir Mut machende Rückmeldungen von unserer Sachbearbeiterin des Jugendamtes, der Therapeutin und unserer Supervisorin, das Jeannett sehr gut an uns gebunden ist. Wir haben daran allerdings unsere Zweifel, besonders nach dem letzten Ereignis mit ihr.

Heute Morgen ist Jeannett, anstatt ihren Therapietermin wahr zu nehmen, zu ihrer ehemaligen Kinderärztin gegangen. Schon vor Tagen hat sie über Rückenschmerzen geklagt, aber sich geweigert, mit mir unsere Hausärztin aufzusuchen. Zurück kehrte sie mit einem Privatrezept für Gelomyrthol, einem pflanzlichen Medikament gegen Atemwegsinfekte und einer Überweisung zum Orthopäden, die sie nie die Absicht hatte, einzulösen. Außerdem sollte sie, so teilte sie uns mit, dreimal am Tag ein Schmerzmittel nehmen, allerdings ohne Milligramm-Angabe. Mit diesen Informationen steht sie nun fordernd vor uns.

„Wir haben ein Mittel“, erkläre ich ihr, „das genau die selben Wirkstoffe hat, es ist im Medizinschrank. Außerdem halten wir das Schmerzmittel, das dir die Ärztin aufgeschrieben hat, vor allem in der Dosierung, für nicht ungefährlich.“ Da rastet Jeannett aus. „Nie glaubt ihr mir! Ihr schließt sogar Nicos Büro ab! Ich will nicht mehr hier sein!“, brüllt sie uns an. Ihr Gesicht ist Wut verzerrt, sie hat eine tiefe Furche zwischen ihren Augen auf der Stirn. Da verliere ich meine sonst mir eigene Geduld. Ruhig aber bestimmt sage ich ihr: „Jeannett, wenn du irgend einen Ort weißt, an dem es dir besser geht als bei uns, dann musst du da hin gehen.“ Ruths Augen sind weit aufgerissen, sie kennt mich so nicht. Auf die Antwort müssen wir nicht lange warten. „Mach ich auch!“, kreischt sie.

Während wir uns im Wohnzimmer auf der Couch versuchen, zu entspannen, betritt Jeannett nun die Küche, ohne die Tür zu schließen, sorgsam darauf achtend, dass sie sich in unserer Hörweite befindet. Sie ruft von ihrem Handy aus ihren leiblichen Vater an. „Stell dir vor, die behaupten hier, dass ich Geld und Zigaretten klaue. Das Internet schalten sie auch abends ab und verschließen das Telefon!“

Natürlich erwähnt sie nicht die Gründe dafür. Seit Wochen vermissen wir Geld und Zigaretten, aus meinem Büro verschwunden und in ihrem Zimmer wieder gefunden. Wir wollen verhindern, dass sie nächtens telefoniert und mit ihrem Handy im Internet surft. Wir halten das für gerechtfertigte Maßnahmen.

Nachdem Jeannett aufgelegt hat, nimmt sie sich ihre Jacke und steuert auf die Ausgangstür zu. „Ich geh zu Nikki“, wirft sie noch ins Wohnzimmer. Wenig später ruft der Kindesvater aus Berlin an. „Ick wollt bloß sagn“, setzt er uns in Kenntnis, „dit meene Tochta im Zuch nach Berlin sitzt.“ Aufgelegt. Also informieren wir, wie schon so oft, den Kindernotdienst. „Sie haben zwei Möglichkeiten“ stellt uns die Dienst habende Sachbearbeiterin vor die Wahl, „entweder Sie rufen die Polizei und lassen sie aus dem Zug holen und zu Ihnen zurück führen, oder, so weit Sie keine Gefahr befürchten, belassen Sie sie beim Kindesvater und schalten auf dem Weg der Amtshilfe das dortige Jugendamt ein.“ Dann die alles entscheidende Frage: „Möchten Sie für sich denn das Pflegeverhältnis fortsetzen? Das Ganze hört sich ja ziemlich zerrüttet an.“

Zeit zu überlegen bleibt uns nicht. Auf der anderen Leitung ruft Jeannett an. „Ich bin jetzt bei Nikki. Um zehn Uhr bin ich zu Hause.“ Damit hat sich das Gespräch mit dem Kindernotdienst erübrigt. Nikkis Familie wohnt im benachbarten Dorf. Es sind fünf Kinder. Mit einer der Töchter ist Jeannett befreundet, ihr Bruder hat nach einer kurzen, aber heftigen Affäre den Kontakt zu Jeannett abgebrochen. Es ist nicht die Sorte Familie, deren Umgang wir uns für Jeannett wünschen. Die Eltern sind instruiert, dass wir eine Übernachtung Jeannetts nicht wünschen und nicht zustimmen würden.

Also rufen wir den sorgeberechtigten Kindesvater an. Aber wir landen mehrmals nur auf dem Anrufbeantworter. Schließlich meldet sich die Lebensgefährtin. „Meen Freund iss nich da. Wat se mit dem Kind machn, iss ja ooch nicht richtich“, versucht sie uns in eine Diskussion zu verwickeln. „Ick kann meen Freund schon verstehn, dit er sauer iss.“ „Darum geht es jetzt gar nicht“, wehre ich ab. „Wir möchten Sie nur bitten, ihm auszurichten, dass Jeannett bei uns ist und auch nicht die Absicht hat, zu Ihnen zu kommen.“ Eine kurze Verabschiedung und das Gespräch ist beendet.

Vorsichtshalber einigen Ruth und ich uns darauf, bei Jeannetts Freundin anzurufen, um sicher zu gehen, dass Jeannett sich wirklich bei ihr befindet. Tatsächlich kann ich mit ihr sprechen. Sie verspricht mir ereut, nach Hause zu kommen. Pünktlich um zehn Uhr ist sie da. „Kann ich noch was für die Schule ausdrucken?“, bittet sie mich so höflich, wie wir sie in letzter Zeit kaum kennen. Natürlich darf sie. Aber wir erfahren erst später, worum es sich tatsächlich handelt. „Einladung“ steht da in großen Lettern als Überschrift.

Ich lade dich herzlich morgen zu meiner Party ein. Wir machen eine Übernachtungsparty. Ich würde mich freuen, wenn du kommst. Beginn: Ab 17 Uhr. Wenn du nicht übernachten darfst, ist auch ok. Deine Jeannett

Aber davon wissen wir noch nichts. Wir lassen am nächsten Tag die Geschehnisse Revue passieren. Wir kommen zu der Erkenntnis, das alles nur eine einzige große Inszenierung war. Der Kindesvater hat angerufen, bevor Jeannett überhaupt hätte im Zug sitzen können. Sie hatte auch nicht das Geld für eine Fahrkarte. Und sie wäre nicht so dumm, schwarz zu fahren und sich aus dem Zug holen zu lassen. Vielleicht hat sie ihren Vater angerufen und ihn beauftragt, uns anzurufen und uns ein bisschen Angst zu machen. Dumm genug ist der Kindesvater schon, um so etwas mitzumachen, und sei es nur, um seine Tochter zu beeindrucken. Wir glauben nicht, dass Jeannett je die Absicht gehabt hat, nach Berlin zu fahren.

Fairer Weise müssen wir in Betracht ziehen, dass der Kindesvater, egal aus welchen Gründen, Jeannett davon abgebracht hat, nach Berlin zu fahren. Dann hätte er uns jedoch anrufen und informieren können, anstatt sich verleugnen zu lassen. Alles insgesamt erscheint uns das alles jedoch wie eine große Inszenierung. Jeannett wiederholt beständig, dass sie jetzt machen kann, was sie will.

Ihren Freunden jedoch erzählt sie, dass sie bis zu ihrem 18. Geburtstag bei uns bleiben will. Was ist das nun? Unentschlossenheit? Knöpfchendrücken bei den Pflegeeltern und dem leiblichen Vater? Machtspielchen? Wir werden es nie erfahren.

 

Veröffentlicht unter Kurze Besserung und der Absturz | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Jeannett: Zwei Persönlichkeiten

Pflegeeltern entdecken häufig an ihren traumatisierten Pflegekindern zwei oder mehr Persönlichkeiten. Sie wundern sich über das widersprüchliche Verhalten, das sich von einer auf die andere Minute ins Gegenteil verwandeln kann.

So ist es auch gerade mit Jeannett. Seit Tagen ist sie ruhig, ausgeglichen und mehr zu Hause als unterwegs. Sie redet davon, die 10. Klasse zu wiederholen, dann die Gymnasiale Oberstufe zu besuchen, zu studieren und dann Therapeutin zu werden. Am Wochenende steht sie in der Küche und backt Plätzchen für Weihnachten, die sie dann liebevoll verziert. Sprechen wir sie jedoch auf das von ihr einbehaltene Verpflegungsgeld für Susanns Besuch oder sonst abhanden gekommenes Geld an, wechselt sie ihre Identität, wird aggressiv, beschimpft uns mit dem ganzen ihr zur Verfügung stehenden Repertoire und droht damit, „abzuhauen“.

Jeannett befindet sich in einer starken dissoziativen Phase, die ihr das Über-Ich raubt. Sie verleugnet ihren dunklen Persönlichkeitsanteil und lehnt alle Versuche, sie darauf anzusprechen und ihr zu helfen, entschlossen ab. Sie kann und will nicht akzeptieren, dass sie unserer Beobachtung nach schwer krank ist und tut alles dafür, um Bestätigung dafür zu bekommen, dass sie ganz gesund und normal sei und ihr Leben so weiter zu leben.

Wir sind uns nicht sicher, wo dies alles hin führen wird. Jedenfalls müssen wir jederzeit damit rechnen, dass ihre Stimmung kippt und ihre emotionale Persönlichkeit sie zu Handlungen zwingt, die uns alles abverlangen.

Veröffentlicht unter Kurze Besserung und der Absturz | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Jeannett schreibt einen Brief

Dss Pflegekinder ihren Pflegeeltern einen Brief schreiben, ist nicht häufig. Aber Jeannett tut es. Sie hat es wohl von mir gelernt.

„Liebe Mama, lieber Papa, oder auch

Liebe Ruth, lieber Nico,

Ich hoffe, Ihr wißt, dass ich euch über alles liebe.  Im Moment ist es zwar etwas schwierig mit uns, aber ich mache mir so meine Gedanken. Wir verstehen uns einfach nicht mehr. Ich möchte aber erst mal nicht mit Euch reden. Es gibt einfach ständig Streit. Ich habe in letzter Zeit so viele Probleme, dass ich nicht mehr so kann wie ich eigentlich will. Euch will ich davon nichts mehr erzählen, weil Ihr mich sowieso nicht versteht (So sehe ich das, so kommt es bei mir an). Zum Beispiel das mit der Schule. Ich möchte gerne das Abitur machen, aber dafür müsste ich die 10. Klasse wiederholen. Dazu brauche ich Eure Unterstützung. Aber ich glaube, Ihr wollt das gar nicht. Ich will dann auch nicht immer Aufgaben von Euch bekommen, wenn es um den Haushalt geht. Das Meiste mache ich ja. Aber ich glaube, ich soll Euch nur entlasten. Ich weiß, dass Ihr Omas Haus verkaufen müsst, dass Ihr Euch um Tante Sarah kümmern müsst, dass Ihr Omas Rechnungen für sie bezahlen müsst. Ihr macht überhaupt keine Pausen mehr. Aber Ihr regt Euch auf, wenn ich später nach Hause komme. Ich habe mich informiert, ich darf mit 16 Jahren bis Mitternacht wegbleiben. Warum regt Ihr Euch darüber auf? Ich weiß schon was ich tue. Aber Ihr wollt ja alles im Griff haben. Aber egal, wie ich oben schon geschrieben habe: Ich will mit Euch erst mal nicht mehr darüber reden.

Liebe Grüße. Jeannett“

Dieser Brief macht uns sehr betroffen. Er ist nicht vorwurfsvoll, eher traurig. Kommt Jeannett bei uns zu wenig vor? Unterstützen wir sie zu wenig? Verstehen wir sie nicht? Warum will sie nicht mehr mit uns reden? Natürlich würden wir alles tun, damit sie das Abitur machen kann und wir haben schon viel über Wege dahin geredet, auch über Wege, die nicht geradewegs da hin führen, sondern über eine Ausbildung. Warum weigert sie sich, zu verstehen, dass wir uns Sorgen machen, wenn sie erst spät nach Hause kommt, ohne uns zu sagen, wo sie ist?

Also frage ich Jeannett, ob sie nicht doch mit uns sprechen will, damit wir uns einigen können und einen Neuanfang machen können. Aber sie weigert sich. Vermutlich hat sie die Befürchtung, nicht gegen uns anzukommen und zu viel von dem aufzugeben, was sie für wichtig hält.

Im Hintergrund steht natürlich auch immer der Kindesvater. Er telefoniert ständig, hält seine Tochter unter Druck, hat Forderungen an sie, macht gegen uns Front. Das, glaube ich, sind die Probleme, über die Jeannett nicht mit uns sprechen will, Traurigerweise wird sie nicht in der Lage sein, sie alleine zu lösen.

Veröffentlicht unter Kurze Besserung und der Absturz | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen