Aufräumen und zusammenpacken

Nur langsam kommt uns zu Bewusstsein, dass Jeannett nicht nur zu einem Umgangskontakt fort ist und bald wiederkommt. Aber wir spüren, dass wir die Trennung auch für uns akzeptieren und die geeigneten Maßnahmen ergreifen müssen.

Also beginnen wir damit, Jeannetts Zimmer auszuräumen. Säckeweise tun wir ihre Kleidung in Plastiksäcke, nachdem sie gewaschen ist. Bücher und Spiele, die ihr gehören, kommen in ein halbes Dutzend Umzugskartons. Jeannetts Papiere und Zeugnisse werden in einen Aktenordner abgelegt. Diesen bringen wir zum Landratsamt und geben ihn dort zur Weiterleitung ab. Schwägerin Sarah ist dabei, um den Vorgang bezeugen zu können, falls es zu Vorwürfen kommt. Was allerdings mit Jeannetts weiterem Eigentum passieren kann, bleibt ungewiss. Noch hat sich Frau Gerster vom Jugendamt bei uns nicht gemeldet.

Eine Woche später sitzt sie bei uns im Wohnzimmer. Wir reden drei Stunden lang. „Es ist ja immer offensichtlicher geworden“, resümiert sie, „dass der Kindesvater darauf hin gearbeitet hat, Jeannett zu sich zu holen. Aber er wird sich wundern, er wird sie nicht festhalten können.“ Dann verspricht sie uns, zu organisieren, dass Jeannetts Sachen abgeholt werden. Wann und wie, bleibt noch ungewiss.

Zwei Wochen später steht ein LKW vor unserem Haus. Frau Gerster hat es geschafft, das Berliner Jugendamt davon zu überzeugen, dass die Abholung der Sachen nicht in ihren Zuständigkeitsbereich fällt. Einige Möbel, die Kleidungssäcke und Umzugskisten werden verladen. Damit ist das Kapitel abgeschlossen. Das Letzte, was wir aus Berlin hören, ist ein Brief des Anwaltes des Kindesvaters, in dem er fordert, dass ihm Geldbeträge, einige verschwundene Dinge und die Akten der Pflege überlassen werden. So ist die erste Handlung, die ich aus dem in Jeannetts Zimmer für mich eingerichteten Arbeitszimmer vornehme, ihm schriftlich zu erklären, warum kein Anspruch auf diese Dinge und speziell auf die Pflegeakten besteht.

Noch immer kommen wir uns vor wie in einem schlechten Film. Alles hat sich für uns geändert. Tagsüber ist die gestaltende Macht des Faktischen überwiegend. Abends jedoch, wenn das Haus ruhig ist, kriechen die Gefühle in unser Leben. Wieder und wieder fragen wir uns, warum das alles hat so enden müssen.

Vertraute Menschen wie Sarah und Eileen, mit denen wir reden und unser Herz ausschütten, machen uns immer wieder klar: „Ihr habt alles getan, was ihr hättet tun können. Ihr habt die Kinder ein Stück ihres Weges begleitet. Wer weiß, was passiert wäre, wenn ihr nicht für sie da gewesen wärt.“ Zwar können wir diese Ansicht noch nicht für uns annehmen, aber tröstlich ist sie allemal.

Advertisements

Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
Dieser Beitrag wurde unter Nach dem Showdown abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s