Der Showdown

Irgendwann ist es an der Zeit für Pflegeeltern, sich von ihren Pflegeeltern zu trennen. Der normale Weg ist es, dass Pflegekinder ausziehen und ihren eigenen Weg durchs Leben finden. Dann kann ein langer Kontakt erhalten bleiben und sie sind wie die eigenen Kinder. Manchmal allerdings kehren Pflegekinder gewollt oder ungewolt zu ihren leiblichen Eltern zurück. Oder sie wollen einfach nicht mehr bei ihren Pflegeeltern wohnen.

Der heutige Tag verläuft zunächst ruhig. Jeannett bringt Shelly zum Bus. Von da aus fährt sie nach Hause nach Hamburg. Sie ist ganz entspannt. Abends fahren Ruth und ich zum Altenwohnheim, um dort Oma und den Weihnachtsmarkt auf dem Gelände zu besuchen. Kurz bevor wir dort eintreffen, klingelt das Handy. „Wann seid ihr denn so etwa zu Hause?“, will Jeannett wissen. Nichts Böses ahnend, aber mich doch fragend, warum sie das wissen will, antworte ich „Na nicht später als acht.“ Damit ist das Gespräch beendet.

Als wir zu Hause ankommen, fällt uns auf, dass das ganze Haus hell erleuchtet ist. „Was ist denn da los?“, frage ich Ruth. Die mach ein ratloses Gesicht. Wir gehen zur Tür und schließen sie auf. Da bietet sich uns eine unglaubliche Szene. Etwa ein Dutzend Jugendliche bevölkern das Haus, auf dem Wohnzimmertisch eine Batterie von halb bis ganz ausgetrunkenen Flaschen, teils mitgebracht, teils aus unserer Hausbar, die Jeannett bisher immer als unser Eigentum respektiert hat. Überall auf dem Boden sind Plätzchen zertrampelt, die Jeannett vor kurzem mit Liebe verziert hat. In dem Chaos im Wohnzimmer auf dem Boden sitzt sie, den Hund des Nachbarn im Arm und offensichtlich nicht ganz nüchtern. Ich gehe zurück zur Eingangstür. Einige der Jugendlichen wollen flüchten. „Halt“, befehle ich, „hier kommt niemand raus, bevor ich nicht Namen und Adresse weiß.“ Bevor Ruth die Terrassentür erreichen kann, entschwindet Jeannett und ein paar andere. Dann heißt auch hier die Devise „Erst raus, wenn wir Namen und Adresse kennen!“ Keiner der Jugendlichen will diese Schmach mit sich geschehen lassen. Also ruft Ruth die Polizei an.

Die Polizei erscheint erstaunlich schnell. Mit ihr eine Mutter, mit finsterer Miene, die ihre Tochter wortlos abholt. Jeannettt ist auch zurück gekehrt. Ihre Augen sind glasig, aber sie kann ohne Schwierigkeiten laufen. Die anderen werden vernommen, die Personalien festgestellt und ein Alkoholtest durchgeführt. Sie werden durch die Beamten ihren Eltern zugeführt. Niemand ist nüchtern, alle haben getrunken. Auch Jeannett hat ein Promille Alkohol im Blut. Als es so langsam ruhiger wird, erfassen wir das ganze Ausmaß der Verwüstung. Die Tür zu unserem Schlafzimmer steht weit offen und es ist unübersehbar, dass jemand in unserem Ehebett Sex gehabt hat. Der Keller und die obere Etage ist übersät mit zertrampelten Plätzchen. Wir sind so erschüttert, wie wir es noch nie waren. Fragen drängen sich in unseren Kopf. Haben wir unsere Aufsichtspflicht vernachlässigt? Warum das alles?

Dann die Frage nach den Konsequenzen. Wenige Blicke und Worte genügen. Das ist das Ende, beschließen wir. So wollen wir nicht mit uns umgehen lassen. Von Jeannett kein Wort der Entschuldigung oder Erklärung. Sie hat sich in ihrem Zimmer eingeschlossen. Wir hören sie leise telefonieren. Aber nach diesem Ereignis steht unsere Entscheidung fest. Wir rufen Jeannett aus ihrem Zimmer. „Wir möchten, dass du jetzt den Kindernotdienst anrufst und dich in Obhut nehmen lässt. Das war ja offensichtlich der Sinn deiner Aktion.“ Sie bebt vor Wut. „Nein, ich denk nicht dran!“, brüllt sie uns an. „Wenn ihr das wollt, könnt ihr das ja machen!“ Das lassen wir uns nicht zweimal sagen.

Also rufen wir den Kindernotdienst an. Wir schildern der Dienst habenden Sachbearbeiterin unsere Situation. „Wie stellen Sie sich das vor?“, faucht sie uns an. „Alle Notdienstplätze sind voll und die Heime auch, so kurz vor Weihnachten!“ „Ab jetzt lehnen wir jede Verantwortung ab“, antworte ich scharf. „Die Atmosphäre bei uns ist dermaßen aufgeheizt, dass wir weder für Jeannett noch für uns garantieren können. Ich darf Sie an Ihre dienstlichen Pflichten erinnern.“ „Hat das nicht bis morgen früh Zeit?“, versucht sie nochmals einen Überredungsversuch. „Dann wenden Sie sich an Frau Gerster.“ „Nein, es hat keine Zeit“, fahre ich sie an. Ein Moment Stille. „Kann ich mal mit Jeannett sprechen?“ Natürlich kann sie. Und sicherlich schildert Jeannett alles aus ihrer Position. Und von ihr kommt dann auch der Vorschlag, sie vorübergehend bei Nikkis Familie unterzubringen. „Würden Sie dem zustimmen?“ „Was haben wir damit zu tun?“, frage ich erregt. „Der Kindesvater hat das Aufenthaltsbestimmungsrecht.“

Es dauert eine halbe Stunde, bis die Sachbearberin zurück ruft. „Es ist alles geklärt“, verkündet sie stolz. „Die Familie von Jeannetts Freundin ist bereit, sie aufzunehmen und der Vater hat zugestimmt.“ Das weiß Jeannett nun auch. Aber sie lässt sich Zeit beim Packen. Sie nimmt die Fotos von der Wand, die uns zusammen mit ihr zeigen und etwas Unterwäsche. Erst als Ruth ruhig, aber bestimmt befiehlt „Jeannett, ich möchte, dass du jetzt gehst“, verlässt sie das Haus, taucht in die Dunkelheit ein und geht den Weg zu Fuß, den sie so oft schon gegangen ist. An der Tür zu ihrem Zimmer klebt ein Zettel. „Ich habe es echt versucht. Die tollen Gedanken bleiben für immer in meinem Kopf.“

So sitzen wir allein in diesem Chaos bis tief in die Nacht auf unserem Sofa und fragen uns, was eben gerade passiert ist. Wir fragen uns, ob wir alles richtig gemacht haben, ob es richtig war, diesen letzten Schritt zu gehen. Aber so oft wir auch alles nochmals durch gehen, immer wieder kommen wir zu dem Schluss, dass es hätte passieren müssen, wenn nicht heute, dann sicher bald in der Zukunft. Erschöpft legen wir uns zur Ruhe.

So sind wir heute am Ende unserer Bemühungen angekommen. Es ist offensichtlich, dass nun ein neues Leben für uns anfängt, auch, wenn wir keine Vorstellung davon haben, wie es aussehen wird. Eins ist für uns klar: Die Zeit der Pflegekinder ist für uns vorbei.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Der Showdown

  1. Ferun schreibt:

    Ich habe immer sehr gerne mitgelesen, gaben mir die Beiträge doch immer ein bißchen auf das Gefühl, dass es anderen genauso geht.

    Ich wünsche Euch alles Gute auf Eurem weiteren Lebensweg und viel Kraft für das Kommende.

    • Sir Ralph schreibt:

      Danke, Ferun. Es werden noch einige Beiträge folgen, die die Situation aufarbeiten und dann wird die Geschichte beendet. Eventuell werde ich einige fachliche Tipps und Hinweise geben, die zwar mit Pflegekindern, aber nichts mit meiner Geschichte zu tun haben.

      Vielen Dank für das treue Mitlesen.

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