Der Wendepunkt

Sonntag. Wie die meisten Sonntage, mit gemütlichem Frühstück am Küchentisch mit Susann und Jeannett. Die Wochenplanung ist gemacht. Wir hoffen, dass wir das Wochenende ohne Stress und Auseinandersetzungen beschließen können, nachdem der gestrige Tag ruhig verlief. Dennoch ist alles vorbereitet. Susanns Kleidung ist zum großen Teil in Kisten verpackt, um zu verhindern, dass sie sie wieder in ihrem Zimmer auf dem Fußboden verteilt oder zerreißt oder zerschneidet. Nächste Woche muss etwas passieren. Nur weiß ich nicht, was. Alle meine Bemühungen sind gescheitert. Es gibt keine Möglichkeiten mehr, Susann zu helfen. Zwei Kliniken habe ich angerufen, die mit traumatisierten Kindern arbeiten. Sie können Susann nicht aufnehmen, weil sie erstens ausgelastet sind und zweitens wir nicht in ihrem Versorgungsgebiet liegen. Für uns zuständig ist eine Klinik, die nur eine allgemeine psychotherapeutische Abteilung betreibt; kein Wort von Traumatherapie. Das geht gar nicht.

Die andere Möglichkeit wäre, Susann in einer Wohngruppe unterzubringen, die therapeutisch orientiert ist und Susann zunächst erst einmal helfen könnte, sich selbst zu finden und mit ihren vielfältigen seelischen Verletzungen zurecht zu kommen. Jahrelange tiefenpsychologische Therapie hat nichts gefruchtet. Susann ist jetzt zwölf und am Anfang der Pubertät. Aber: keine Chance. Alle verfügbaren Wohngruppen im Umkreis sind voll. Auch nehmen sie mich als Pflegevater nicht richtig ernst, einige Träger bestehen auf einer Anfrage durch das Jugendamt.

Da geschieht es. Wir bitten Susann, den Tisch abzuräumen. „Nein, mach ich nicht. Warum denn?“ Noch ein Versuch. Dann geschieht es. Susann schreit, tobt, „Ihr seid so gemein, so fies.“ Dann verstummt sie, sitzt am Tisch und ist nicht mehr ansprechbar. Ruth, meine Frau und Jeannett, ihre Schwester, zittern und weinen. Mir schlägt das Herz bis zum Hals. Ich weiß genau um Susanns Probleme, ihre multiple Persönlichkeit und weiß, eine halbe Stunde später kann sie das liebste, anhänglichste Mädchen sein. Aber die Zeit zwischen den Aggressionsschüben verringert sich beständig und macht unsere Familie kaputt. Erklärungen, die ich für Susanns Verhalten kenne, nutzen nicht mehr. Wir fühlen uns von allen verlassen in diesem Chaos. Etwas muss geschehen.

Als Susann in ihr Zimmer verschwindet, die Tür zuknallt, dass sie fast aus den Angeln fällt und laut schreit und weint, nehme ich die Gelegenheit wahr und hole Ruth und Jeannett am Küchentisch zusammen. Jeannett ist aufgelöst. Mit finsterer Miene und tränenerstickter Stimme flüstert sie leise: „Wenn die nicht geht, gehe ich.“

Wir wissen, dass das keine leere Drohung ist. Jeannett hat schon seit längerem beschlossen, sich ihr eigenes Leben aufzubauen und mit uns zusammen zu arbeiten. Seit ich es geschafft habe, sie an einer der letzten Gesamtschulen unterzubringen, zeigt sie Engagement und ist sehr vernünftig geworden, fast zu vernünftig. Traumatisierte Kinder nehmen häufig ihr Schicksal selbst in die Hand und wirken dabei sehr erwachsen. Besonders dann, wenn sie, wie Jeannett, jahrelang für ihre Geschwister sorgen mussten, als ihre Eltern nicht für sie da waren und sie vernachlässigten.

Etwas muss geschehen. Wir beschließen, dass wir uns von Susann trennen müssen, um uns selbst zu retten. Wir wollen sie noch heute in eine Krisengruppe des örtlichen Kinderheimes bringen. Wir brauchen Entlastung, damit wir bestehen können.

Also rufe ich, wie letzte Woche schon, die Kindernotdienstnummer an. Dies ist eine Zentrale der Feuerwehr, die den Anrufer zum örtlichen Notdienst des Landkreises weiter leitet. Wir sprechen mit der diensthabenden Sachbearbeiterin, die sich mit der Krisengruppe in Verbindung setzt. Sie ruft uns an und wir kündigen an, dass wir Susann binnen zwei Stunden abliefern werden.

Jetzt gilt es. Susann hat sich, wie zu erwarten, beruhigt. Wir bitten sie zu uns an den Küchentisch. Ich erkläre die Situation in aller Ruhe.

„Susann, du weißt, was heute passiert ist und du weißt, dass es so nicht weiter gehen kann. Es geht Jeannett schlecht, es geht uns beiden, Ruth und mir schlecht, und dir geht es auch schlecht. Wir brauchen jetzt unbedingt Abstand voneinander. Also haben wir beschlossen, dass es das beste für alle ist, wenn wir dich in die Krisengruppe des Kinderheimes bringen.“

Sie nickt mit gebeugtem Kopf.

„Wir werden jetzt die Sachen, die du brauchst, zusammen suchen, und dann fahren wir los.“

Nicken mit gebeugtem Kopf. Gespannte Blicke von Ruth und Jeannett. Nichts passiert.

„Also lasst uns anfangen.“

Ruth und Jeannett tragen die bereits gepackten Kleidungsstücke zusammen. Kisten werden gepackt. Susann sucht die Dinge zusammen, die ihr wichtig sind, während ich notwendige Dinge zusammen stelle wie den Pass, die Krankenversicherungskarte und das Asthmaspray.

Susann kommt in mein Kellerbüro. „Kannst du mir noch ein paar Urlaubsfotos von uns ausdrucken, ich möchte sie so gerne mitnehmen.“

Ich kämpfe mit den Tränen, während der Drucker rattert. Es gibt kein Zurück mehr. Aber ist die Entscheidung wirklich richtig? Haben wir uns genug Mühe gegeben? Warum bekommen wir nur Ablehnung anstatt Unterstützung? Andererseits müssen wir Jeannett schützen. Es ist alles so schlimm.

Endlich ist es so weit. Wir laden die Sachen ins Auto und fahren los. Jeannett hat für Susann eine Federtasche mit Stiften gefüllt und gibt sie ihr zusammen mit ein paar Erinnerungsstücken mit. Die Stimmung ist gelöst, fast so, als ob uns allen eine schwere Last genommen wäre.

Die Erzieherin, die für die Aufnahme verantwortlich ist, ist freundlich und verständnisvoll. Ruth, Jeannett und ich sprechen zunächst allein mit ihr und schildern ihr die Situation und Susanns Probleme. Dann kommt Susann dazu, die schon mal ihr Zimmer in Augenschein genommen hat. Sie muss jetzt ihre eigene Einweisung unterschreiben. Sie tut es, ohne mit der Wimper zu zucken. Eine kurze. herzliche Verabschiedung und wir sind wieder draußen. Zu dritt.

Der Abend verläuft gespenstisch ruhig. Jeannett zieht sich in ihr Zimmer zurück. Niemand spricht mehr über diesen Tag. Der Tag, der alles ändert. Juristisch ausgedrückt haben wir etwas getan, wogegen wir uns immer gewehrt haben. Wir haben Susann in die Obhut des Jugendamtes gegeben. Wir werden später erst begreifen, was das bedeutet. Wir haben Susann in die Obhut von Fachleuten geben müssen, in der Hoffnung, dass ihr besser geholfen werden kann. Aber wir haben ab jetzt nur noch wenig Einfluss darauf, was für Susann entschieden wird. Man wird uns noch häufig genug auf diese Tatsache verweisen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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4 Antworten zu Der Wendepunkt

  1. Pingback: Über diese Geschichte « Ab jetzt vertrau ich niemandem

  2. lehrergehrke schreibt:

    In diesem Teil der Geschichte verwende ich den Fachausdruck „multiple Persönlichkeit“. Die Diagnose lautet „multiple Persönlichkeitsstörung“ oder auch „dissoziative Identitätsstörung“ und gilt als recht umstritten. Immer ist eine schwere, auch wiederholte Traumatisierung während der Kindheit, z.B. durch Missbrauch oder Vernachlässigung, die Ursache. Mehr Informationen findet man unter http://www.onmeda.de/krankheiten/multiple_persoenlichkeitsstoerung.html .

    Michaela Huber (siehe Link in der rechten Spalte) spricht in diesem Zusammenhang von „anscheinend normalen Persönlichkeitsanteilen“ und „emotionalen Persönlichkeitsanteilen“. Diese Bezeichnung zu verwenden hat den Vorteil, dass der Betroffene damit nicht abgestempelt wird und erscheint mir auch detaillierter auf traumatisierte Kinder bezogen. Auch in der Symptomatik gibt es m.E. Unterschiede.

  3. Maria schreibt:

    Sehr geehrter Herr Gehrke,
    ein Leben als Kind den unerwünscht ist, Bastard in den Augen der eigenen Mutter ist und grün und blau geschlagen wird, weil die Mutter seine Persönlichkeit brechen will und von seinem Stiefvater sexuell missbraucht wird, so ein Leben macht ein Lebenwesen entweder kaput oder stark.
    Dies war der Fall bei mir. Von Anfang an nicht geliebt zu werden, um alles kämpfen zu müssen, mit 11 Jahren weitere drei Geschwister umsorgen, mit 15 Jahren wegen den neuen Freund der Mutter rausgeschmissen, eigenen Vater gesucht und gefunden und Festgestellt das mann das ganze Leben lang noch belogen wurde.
    Ich habe meine Mutter verzeiht, doch vergessen kann ich nie… Heute habe ich eine abgeschlossene Ausbildung als Sängerin & Schauspielerin, arbeite als Theaterpädagogin mit DUM Prag, JAmter und Kinderheimen für schwererziehbare Kinder, habe drei Kinder, der größte studiert an einer Privatschule und möchte nicht anderes als Kindern, deren Eltern vergessen haben, dass sie an erster Stelle Eltern sind, helfen. Daher habe ich mich als Pflegemutti beworben.
    Heute kann ich meine „Kindheit“ als ein großes Plus, denn ich kenne die Situation von beiden Seiten der Münze. Vielleicht können sie mir ein Rat geben, wem ich noch mit meinen Erfahrungen helfen könnte.

    Liebe Grüße

    Maria

    • lehrergehrke schreibt:

      Hallo, Maria,
      Sie sind ein Beispiel dafür, dass Menschen mit einer schweren Kindheit einen guten Weg gehen. Ich wünsche mir das auch für meine Pflegekinder. Bei unserer Größten klappt es ganz gut, bei den anderen beiden haben wir noch etwas zu tun, bis sie es schaffen, ihnen einen Start zu geben, der ihnen ein Leben in Würde und Anständigkeit ermöglicht. Letztlich entscheiden sie selbst darüber.

      Ich wünsche Ihnen, dass alles bei Ihnen so läuft wie Sie es sich wünschen.

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