Susanns Besuch

Wie fühlt es sich an, wenn man Besuch bekommt von einem geliebten Menschen, den man lange nicht gesehen hat? Jemand, mit dem man sieben Jahre lang unter einem Dach gewohnt hat? Von dem man alles gewusst hat? Und dann ein halbes Jahr nicht mehr kennt?

Wir sind doch wieder angespannt, unsicher. Aber wir haben uns vorbereitet.

Susann kommt um elf Uhr. Sie ist locker, fröhlich, umarmt uns alle. Wie lange hatten wir das nicht mehr!

Es gibt ein schönes Frühstück, so wie früher.

Aber ich will es wissen.

„Oma Lehnchen und Tante Sarah wollten dich nächste Woche mit mir besuchen kommen. Ist das ok?“

Ihr Gesicht strahlt.

„Oh, coool!“

„Was kann man denn so machen bei euch? Was möchtest du unternehmen?“, erkundige ich mich. Natürlich könnte ich das auch übers Internet rausbekommen. Aber ich will wissen, wie sie angekommen ist.

Susann denkt nicht lange.

„Ich will schwimmen gehen.“

„Susann“, sage ich ruhig, „meinst du, das wäre das richtige für Oma und Tante Sarah?

Sie blickt verlegen vor sich hin.

Oma Lenchen kann nur noch mit der Hilfe eines Stocks laufen und Sarah hat wohl Jahrzehnte lang kein Schwimmbad mehr von innen gesehen. So kennen wir sie. Es fällt ihr schwer, sich in andere Menschen hinein zu versetzen. Es ist genug, dass sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen muss.

„Vielleicht Eis essen? Ich kenne mich in der Stadt aus und es ist nicht weit.“

Na, das ist doch was!

„Möchtest du denn auch mal wieder nach Hameln fahren?“

„Klar“, strahlt sie wieder.

Wir besprechen, dass wir der Bezugserzieherin vorschlagen, die zweite Woche nach unserem Urlaub zu nehmen.

Da klingelt das Telefon. Jeannett springt ans Mobilteil. Der Kindesvater ist dran.

Muss das jetzt sein? Jetzt, da er weiß, dass beide Mädchen bei uns sind? Will er sich einmischen? Sehen, wie alles geht?

Er stört. Und das wird er noch öfter tun. Ganz bewusst und mit Absicht. Die Kinder sind aufgedreht, überbieten sich gegenseitig, belanglose Geschichten zu erzählen, schreien durcheinander. So wie früher halt. Die Konkurrenz zwischen beiden wird wieder offensichtlich.

Schließlich fahren wir zum Rummel, essen französisch und fahren Karussell. Zwei Stunden geht das gut. Dann quengelt Susann.

„Kann ich nicht wieder nach Hause?“

Was bedeutet das? Will sie bei uns bleiben? Aber nein…

„Wann fährt denn der Zug?“

Er fährt in einer Stunde. Also setzen wir uns auf eine Bank im nahe liegenden Park und vertilgen unsere Vorräte.

Ein Thema muss ich noch ansprechen.

„Sag mal, du weißt doch, dass dein Papa dein Geld nicht verwalten darf. Das muss jemand anderes machen. Wie wär´s, wenn ich das mache? Würdest du das wollen?“

Vor einem Jahr ist dem Kindesvater die Vermögenssorge entzogen worden. Für beide Kinder hatte ich den Anspruch auf Opferentschädigung durchgesetzt, aber es darf natürlich kein Geld an Täter fließen. Das Gericht hat zunächst die Vermögenssorge an einen Vormund des Jugendamtes übertragen. Aber warum sollte nicht ein ehrenamtlicher Ergänzungspfleger die Opferentschädigungsrente verwalten? Warum nicht ich, der ich beiden Kindern nahe bin und sie gut kenne?

„Kann das nicht Frau Siebert machen?“ fragt sie.

„Susann“, versuche ich zu erklären. „Frau Siebert ist deine Bezugserzieherin. Meinst du nicht, dass sie ein bisschen zu viel dafür zu tun hat?“

Susann ist enttäuscht.

Einerseits bin ich zufrieden, dass Susann zu ihrer Bezugserzieherin eine Bindung aufgebaut hat. Andererseits weiß ich: Sie verdient damit ihr Geld, in der Wohngruppe zu arbeiten. Wer würde da eine Vermögenssorge annehmen.

Es ist wie eine kleine Erlösung, als der Zug einfährt. Herzliches Verabschieden, und alle sind zufrieden. Eins ist klar: Eine Übernachtung kommt auf absehbare Zeit nicht in Frage. Schon habe ich beobachtet, wie Susann dissoziiert: Sie guckt dann in die Luft, ist abwesend, nimmt ihre Umwelt nicht wahr. Sie befindet sich dann irgendwo in der Vergangenheit. Wir wissen nicht, ob die Therapeutin der Einrichtung tatsächlich auch die Trennung von uns aufarbeitet. Es sieht nicht danach aus.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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