Entscheidung ohne Absprache

Manchmal kommen sich Pflegeeltern vor wie das fünfte Rad am Wagen. Es wird munter geplant und über ihre Köpfe hinweg entschieden, ohne dass sie auch nur im Geringsten mit ihren Wünschen, ihrem Sachverstand und ihren Erfahrungen einbezogen werden. Das zeigt sich wieder einmal anlässlich der Besuchsregelung zu den Weihnachtsferien.

Eigentlich müsste ich nicht tun, was ich jetzt tue. Aber ich tue es für die Kinder. Also greife ich zum Telefon und rufe die Einrichtung an, in der Susann lebt. Ich verlange die Bezugserzieherin, die sozusagen das Sprachrohr für die Teamentscheidungen über Susann ist.

„Ich möchte mich erkundigen“, beginne ich sehr zurückhaltend, „was für die Weihnachtsferien für Susann geplant ist.“

„Sie sind nicht beteiligt im Hilfeverfahren für Susann“, antwortet mir die Dame unterkühlt, „also darf ich Ihnen keine Auskunft erteilen. Die Federführung hat das Jugendamt in Berlin.“

„Das kann ich verstehen“, heuchle ich mein Verständnis. „Aber wegen der Umgangsplanung für Jeannnett sind wir auch von Ihrer Planung betroffen.“

Das ganze Unverständnis der anderen Seite schlägt mir nun entgegen. „In wie fern sind Sie betroffen? Die Umgangsregelung für Jeannett hat doch nichts mit der von Susann zu tun.“

„Doch“, versuche ich zu erklären, „wir wissen aus Erfahrung, dass beide Kinder in einem starken Konkurrenzverhältnis stehen und es deshalb zu Konflikten kommen kann. Wir befürchten, dass der Kindesvater eine solche Situation nicht erzieherisch bewältigen kann.“

„Das ist die Aufgabe des Jugendamtes in Berlin.“, wehrt die Erzieherin ab. „Wir weden die Einrichtung mit Beginn der Weihnachtsferien schließen. Alle Kinder verbringen Weihnachten bei ihren Familien. Es gibt dann hier keine Betreuung mehr für Susann.“

Aha, daher weht der Wind. Die Einrichtung hat ihren Mitarbeitern Zwangsurlaub verordnet, um Personalkosten zu sparen. Das Kindeswohl bleibt auf der Strecke. Dass an Weihnachten Konflikte sehr wahrscheinlich sind, dass unsere Kinder genau an diesem Fest durch den versuchten Mord des Kindesvaters an seiner Lebensgefährtin traumatisiert worden sind, spielt keine Rolle bei solchen Entscheidungen. Es wird verwaltet. Arbeitsrecht bricht Kindeswohl.

Voller Wut und Enttäuschung rufe ich Frau Gerster in unserem Jugendamt an.

„Da müssen sie sich an das federführende Jugendamt in Berlin wenden“, das ist die Antwort, die ich schon kenne. Da wir aber nicht Beteiligte der Hilfe sind, schenkt man uns dort weder Gehör noch Verständnis.

„Lassen Sie sich nicht instrumentalisieren“, rät sie mir noch. „Es ist Aufgabe des Kindesvaters, die Besuche von Jeannett und Susann zu koordinieren, wie wir es abgesprochen haben. Lassen Sie nicht zu, dass Herr Sodann Ihnen die Verantwortung zuschiebt.“

„Frau Gerster, wir wissen doch aus Erfahrung, dass es zu erheblichen Konflikten kommen kann und der Kindesvater nicht in der Lage ist, besonnen und richtig zu reagieren“, beschwöre es sie.

„Sie werden es nicht verhindern können, dass Susann während der ganzen Weihnachtsferien bei ihrem Vater ist“, macht sie mir klar. „Sie können nichts verhindern.“

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Es wird ganz bewusst eine Retraumatisierung in Kauf genommen und Jeannett soll darunter leiden müssen.

Unter diesen Umständen lehnen wir jede Zustimmung zu diesem Verfahren ab. Es bleibt uns nur eine Möglichkeit. Wir müssen die Situation so nah wie möglich begleiten und die Kinder aus der Herkunftsfamilie mit Unterstützung der Polizei herausholen, sollte es zu bedrohlichen Situationen kommen.

Es ist uns absolut unverständlich, dass zwei Jungendämter, die an dieser Entscheidung beteiligt oder zumindest davon betroffen sind, freiwillig ihre Gestaltungsmöglichkeit und Weisungsbefugnis aufgeben und Situationen, die brandgefährlich sind, einfach geschehen lassen. Um tätig zu werden, muss offensichtlich erst etwas Ernsthaftes passiert sein.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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