Der Rausschmiss

Es gibt Hilfeplangespräche, die sind gruselig für die Pflegeeltern. Es gibt Sachbearbeiter, die sehen Pflegeeltern nur als Dienstleister. Es gibt Hilfeplangespräche, in denen es nicht um das Kindeswohl geht, sondern nur um die leiblichen Eltern. Dies ist eins von denen.

Entgegen den Wünschen, die man wohl gehegt hat, haben wir eine dreistellige Kilometeranzahl zurück gelegt, um in der Einrichtung, die für Susann zuständig ist, am Hilfeplangespräch teil zu nehmen. Alle sind da: Frau Schwerdtfeger, Frau Gerster, die Therapeutin der Einrichtung, die Bezugserzieherin, Jeannett, die wir gegen den Willen Frau Schwerdtfegers mitgenommen haben, Ruth und ich. Darüber hinaus der für den Kindesvater und für Susann zuständige Sachbearbeiter des Jugendamtes, Herr Sadowczik. Nur einer ist nicht da: Der Kindesvater. Er ist krank.

Eine halbe Stunde warten Ruth, Jeannett und ich draußen im Kalten, während der Rest mit Susann redet. Dann werden wir eingelassen. Jeannett geht mit Susann in ihr Zimmer.

Herr Sadowczik ist ein hoch gewachsener, hagerer Mittdreißiger mit hagerem Gesicht und finsterer Miene.

Frau Schwerdtfeger beginnt in leisem Ton.

„Ich darf Ihnen Herrn Sadowczik vorstellen, den neuen Sachbearbeiter des zuständigen Jugendamtes. Er wird das Gespräch leiten. Entsprechend des KJHG ist die Zuständigkeit für Susann auf das Jugendamt xxx übergegangen.“

Das hat System. Der Überraschungseffekt. Alles, was bisher beschlossen worden ist, hat offensichtlich keine Gültigkeit mehr.

Herr Sadowczik eröffnet das Gespräch.

„Ich möchte klar stellen, dass Sie am nächsten Hilfeplangespräch nicht mehr teilnehmen werden.“

Ruth ist empört.

„Warum sollten wir nicht mehr teilnehmen?“ , stößt sie hervor.

Herr Sadowczik sitzt zurückgelehnt auf seinem Stuhl. Sein Kopf ist leicht nach hinten gelehnt. Er signalisiert: Beißt mich doch! Ich fürchte euch nicht. Ich bin das Alphatier.

„Weil ich Sie nicht mehr einladen werde.“

Die durch Arroganz des Sachbearbeiters erfüllte eisige Atmosphäre ist körperlich spürbar.

Ich spüre, wie mein Blut beginnt, zu kochen. Dennoch bemühe ich mich, Ruhe zu bewahren.

„Lassen Sie mich klar stellen. dass die Zusammensetzung der Teilnehmer an diesem Gespräch nicht den Auflagen des Amtsgerichts in seiner Entscheidung über das Sorgerecht entspricht. Dem entsprechend sind zu Hilfeplangesprächen Fachkräfte wie Therapeuten und fachkundige Beistände hinzu zu ziehen. Darüber hinaus wird im letzten Hilfeplan unsere Beteiligung an der weiteren Hilfeplanung als wichtig und notwendig und für Susann als bedeutsam erachtet. Außerdem ist nicht einsichtig, warum Jeannett nicht am Hiilfeplangespräch beteiligt sein sollte, wenn sie doch die leibliche Schwester ist.“

Ich nehme wahr, dass meine Stimme leise, aber scharf klingt. Die Antwort kommt prompt.

„Sie sind nicht mehr Verfahrensbeteiligte und nicht mehr zuständig. Sie sind nicht mehr die Pflegeeltern. Sie waren es doch, die das Kind in Obhut gegeben haben!“

„Moment mal.“, wende ich ein. „Wir haben das Recht auf Besuchskontakte, wie alle leiblichen Eltern auch. Wir wollen Besuchskontakte. Voraussetzung ist allerdings, dass die Einrichtung die Umstände, die zur Inobhutnahme geführt haben, aufarbeitet, damit solche Kontakte gelingen können. Wir erwarten schon, dass Besuchskontakte auch mit Susann gemeinsam vorbereitet werden.“

Ich wende mich an die Therapeutin. „Ist das geschehen? Wir hatten nicht den Eindruck.“

Die Therapeutin antwortet mit einem leisen „Ja, sicher.“

Ich lege nach.

„In wie weit hat das denn statt gefunden und was waren die Ergebnisse? Was wird denn dafür getan, Susanns multiple Traumatisierung und ihr dissoziatives Verhalten aufzuarbeiten? Spätestens nach dem Ereignis bei meiner Schwägerin müsste da ja etwas passiert sein.“

Jetzt wird sie lauter. „Glauben Sie, ich würde Ihnen die Ergebnisse meiner Therapiesitzungen hier bekannt geben? Sie haben nicht das Recht dazu, das zu fordern. Schließlich müsste der Kindesvater ja auch zustimmen!“

Der ist ja zum Glück nicht da…

„Uns würde auch interessieren, ob Susann inzwischen einem Lungenfacharzt vorgestellt worden ist. Susann ist asthmatisch und muss, wie Sie wissen, regelmäßig auf ihre Lungenfunktion hin überprüft werden.“

Das ist wohl recht peinlich. „Das haben wir in jedem Falle vor, wir haben nur noch keinen Termin“, beteuert die Bezugserzieherin.

Jetzt bin ich so richtig schön in Schwung.

„Und was ist mit der Anpassung der Zahnspange? Gibt es da auch keinen Termin?“

„Wir haben das im Blick“, rechtfertigt sie sich erneut. „Wir haben schon einen Termin gemacht.“

„Was ist mit Susanns Dyskalkulie, die vom Schulamt diagnostiziert wurde und für die Frau Schwerdtfeger bereits Maßnahmen genehmigt hat? In wie weit wird das fortgesetzt?“

„Wir haben keine Schwierigkeiten beobachten können, die darauf hin deuten“, ist die einfache, bestechende Antwort.

„Warum bekommt Susann zu Besuchskontakten keine Krankenkassenkarte mit? Wie sollen wir ioder andere nachweisen, dass sie sichberechtigter Weise bei uns aufhält, wenn sie kein Personaldokument bei sich hat? Ist sie eigentlich an unserem Wohnsitz inzwischen ab- und bei Ihnen angemeldet?“

Keine Antwort, nur peinliches Schweigen.

Der coole Herr vom Jugendamt kommt jetzt aus der Reserve. Das ist ihm nun doch zuviel, was wir uns da anmaßen.

„Ich finde das unverschämt, wie sie die Einrichtung hier kritisieren! Dazu haben Sie kein Recht!“, bellt er. „Sie sind nur egoistisch!“

Jetzt reicht es mir.

„Unverschämt ist Ihre Art, mit uns zu reden. Wir haben heraus gefunden, dass Susann mehrfach traumatisiert ist, nicht das Jugendamt. Wir haben eine Therapie eingeleitet und uns um eine spezielle Traumatherapie bemüht. Wir haben Kontakte zu Kliniken aufgenommen. Wir haben Seminare besucht, um unsere Pflegekinder zu verstehen. Wir haben sie in der Schule unterstützt und ihre Gesundheit gefördert. Un Sie nennen uns egositisch?“

Wieder lehnt er sich zurück und zeigt uns seinen Hals.

„Das war gar nicht ihr Job“, schleudert er uns entgegen. „Sie können ja versuchen, gerichtlich Einfluss auf das Hilfeverfahren zu nehmen. Sie werden keinen Erfolg haben. Sie sind nämlich keine Verfahrensbeteiligte. Und was die Besuchskontakte angeht: Susann weigert sich, Sie zu sehen.“

Ich gebe nicht auf.

„Wie stellen Sie sich dann die Kontakte zu ihrer Schwester vor?“

„Da das Geschwisterkind noch bei Ihnen wohnt, haben Sie die Möglichkeit, über diese Besuchskontkte mit zu entscheiden, in Absprache mit dem zuständigen Jugendamt. Ich könnte mir vorstellen, dass sich beide Geschwister in Berlin treffen und zusammen etwas unternehmen. Sie muss Sie als ehemalige Pflegeeltern ja nicht besuchen.“

Was ist mit Weihnachten, will ich wissen.

Die Bezugserzieherin antwortet.

„Weihnachten ist die Einrichtung geschlossen. Susann wird zu ihrem Vater beurlaubt.“

„Ist das nicht mit erheblichen Gefahren verbunden?“, will ich wissen. „Haben Sie in Erwägung gezogen, dass Susann retraumatisiert wird? Schließlich ist der leibliche Vater zugleich die traumatisierende Person.“

„Das lassen Sie mal unsere Sorge sein“, wehrt Sadowczik ab.

Dann werden die Kinder eingelassen.

Jeannett ist völlig überfordert.

„Willst du deine Schwester sehen?“

„Jaaa.“

„Wie wäre es denn wenn ihr euch in Berlin treffen würdet?

„Jaaa“

„Würdest du auch mal hinfahren?“

„Jaaa“

Ende der Veranstaltung. Alle sind peinlich berührt. Unterkühlte Verabschiedung.

Für uns ist es das Fiasko, der Rausschmiss schlechthin. Kindeswohl kam in dieser Veranstaltung nicht vor. Stattdessen Zuständigkeiten, Machtspiele, Aggressionen, Ungereimtheiten. Es ist das Ende unseres Einflusses.

Niemand dieser „Fachleute“ scheint sich Gedanken darüber zu machen, was es bedeutet, wenn ein traumatisiertes Kind seinem Peiniger erneut gegenüber tritt. Stattdessen das eigene Wohl, die Einsatzplanung der Einrichtung.

Niemand will sich vorstellen, was passiert, wenn Susann ihren Zug nicht bekommt. Niemand bedenkt, was passiert, wenn Susann in Berlin in Jeannetts Beisein in einem Kaufhaus etwas mitgehen lässt und beide erwischt werden. Sie weigern sich, das Risiko zu erkennen, weil sie es nicht kennen. Jeder kann sich vorstellen, wer einspringen muss, wenn etwas schief geht. Eigentlich sind wir raus aus der Verantwortung. Können wir das durchhalten?

Sind wir Schuld an allem, was schief geht, weil wir nicht durchgehalten haben? Es ging nicht. Aber dass es einmal so kommt, hätten wir uns nicht träumen lassen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Der Rausschmiss

  1. SCHNEIDER Gabriele schreibt:

    Dieser Bericht hat viel Aehnlichkeit mit uns auch wir sind am Sachbearbeiter des Jugendamtes verzweifelt wurden auch so behandelt und man nahm uns dann die Enkel weg steckte sie in Pflegefamlile mit Unterstuetzung der Eltern denen man die Kinder weg nahm weil beide Alkoholabhaenig sind und nicht in der Lage sind die kids zu erziehen .

  2. lehrergehrke schreibt:

    Henrike Hopp auf http://moses-online.de:

    „Nicht nur bei Volljährigkeit sondern auch bei sonstiger Beendigung eines Pflegeverhältnisses:

    Hier verlieren ehemalige Pflegeeltern ihre familiäre Position – haben zwar ein Besuchsrecht – welches aber oft wegen der so genannten Neuorientierung des Kindes nicht gegeben wird. Hier muss eine Kombination gefunden werden zwischen der Anerkennung der Pflegefamilie als Familie des Kindes und der Unmöglichkeit, gemeinsam den Alltag gemanagt zu bekommen.“

    Dies ist genau unsere Situation. Zuständigkeiten und Unwilligkeit, die Zeit in der Pflegefamilie ald prägende Erfahrung des Pflegekindes zu akzeptieren, verhindern die Miteinbeziehung dieser Erfahrungen in die künftige Entwicklung des Kindes.

    „Eine wesentliche Hilfe in diesem Prozess ist ein engagierter Vormund, der das Pflegekind in seiner Zugehörigkeit zur Pflegefamilie anerkennt, die Schwierigkeiten sieht und das Bedürfnis des Kindes deutlich vertreten kann.“

    Was aber, wenn, wie in unserem Fall, die leiblichen Eltern das Sorgerecht besitzen und die Pflegefamilie immer abgelehnt haben?

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