Unerwarteter Besuch

Pflegeeltern wissen, dass Pflegekinder immer für Überraschungen gut sind. Manchmal provozieren sie auch Situationen, um auszuloten, wie weit sie gehen können. Heute ist wohl ein solcher Tag.

Jeannett steht nachmittags in der Tür, gefolgt von einem Dutzend Jugendlicher und dem etwas älteren jungen Mann, mit dem wir besprochen hatten, dass die Gruppe sich ab und zu in unserer oberen Etage treffen könnten. Ruth und ich sind sehr überrascht, als Jeannett uns eröffnet: „Wir räumen jetzt oben auf und wollen dann etwas chillen.“ „Und was ist mit Shelly, die heute hier übernachten wollte?“, erstaunt sich Ruth. „Ach, die nehmen wir dann einfach dazu“, ist die unkomplizierte, überraschende Antwort. Ich werde sehr ernst. „Jeannett, das wird heute und völlig unabgesprochen nicht stattfinden“, bestimme ich. Ruth nickt ihr Einverständnis.

Schon sitzen und stehen die Jugendlichen überall im Haus herum. Aber wir bleiben hart. „Immer macht ihr mir alles kaputt“, schreit sie uns an und verlässt das Zimmer. Wir holen uns den verantwortlichen jungen Mann und erklären ihm die Situation. „Wir sind heute nicht darauf vorbereitet und würden Sie bitten, zu gehen. Das nächste Mal sprechen wir einen Termin ab, damit wir wissen, dass alles passt.“

In diesem Moment kommt Jeannett wieder zu uns. „Ich glaube, es ist das Beste, wenn wir jetzt wieder gehen“, zeigt der junge Mann Einsicht, aber Jeannett ist außer sich vor Wut. „Ich wollte dass es so schön wird und ihr macht es mir kaputt“, kreischt sie. Dann greift sie zu ihrem Handy. Sie ruft ihren Vater an. „Stell dir vor, die schmeißen meine Freunde einfach raus!“, beschwert sie sich. Aber der Kindesvater scheint davon nichts wissen zu wollen. Bald legt sie wieder auf. Dann verlässt sie mit den anderen das Haus. „Ich weiß noch nicht, ob ich wiederkomme“, zischt sie uns an.

Abends um acht erscheint Jeannett wieder, in Begleitung von Shelly, mit deren Mutter wir die Übernachtung abgesprochen hatten und einem hageren, großen Mädchen, das sich uns mit Angie vorstellt. „Kann Angie heute bei uns schlafen?“, fragt Jeannett unverblümt. „Sie möchte heute nicht zu Hause schlafen.“ Ruth blickt erstaunt. Ich wende mich zu Angie. „Warum willst du heute nicht zu Hause schlafen?“, frage ich in ruhigem Ton. Ihr laufen ein paar Tränen. „Ich bin zu spät und ich fürchte mich vor meinen Eltern. Sie werden dann wieder so wütend. Außerdem fährt nach Neugreden kein Bus mehr.“ „Dann bringen wir dich nach Hause“, fällt Ruth die passende Lösung ein. „Sie werden bestimmt nicht aufmachen. Sie gehen nicht mal mehr ans Telefon. Um acht schalten sie die Telefonanlage ab.“

So eine Situation hat uns jetzt gerade noch gefehlt. Also versuchen wir, die Eltern anzurufen. aber tatsächlich: „Dieser Anschluss ist zurzeit nicht erreichbar.“ Da kommt Ruth eine Idee. „Schick eine SMS an deine Eltern, schreib ihnen wo du bist. Dann können sie dich abholen, wenn sie wollen.“ Aber nichts passiert. Es scheint, als ob Angies Eltern sich nicht einmal um sie sorgen. Uns steht das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Die Mädchen machen sich ihre Betten in der oberen Etage und es geht ruhig und friedlich zu.

Für Jeannett ist der heutige Tag sicher nicht einer ihrer erfolgreichsten. Wir haben ihr ihre Absicht zunichte gemacht, sich bei ihrer Peergroup in den Mittelpunkt zu stellen. Dafür war sie abends erstaunlich gelassen.

Wir haben verhindert, dass Jeannett bei uns Knöpfe drückt und unsere Reaktionen voraussagen und -planen kann. Das dürfte sie beunruhigen. Es gibt nun nur für sie die Möglichkeit, uns wahr zu nehmen und sich in ihrem Verhalten auf uns einzustellen oder es kommt zum Showdown. Noch wissen wir nicht, was uns am nächsten Tag bevor steht.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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