Widersprüchliches und Szenarien

Auch wenn es manchmal anders scheinen mag: Auch Pflegeeltern sind nur Menschen mit einer Vergangenheit und verletzbaren Gefühlen, jenseits aller Professionalität. Pflegekinder und leibliche Eltern scheinen dafür manchmal kein Verständnis zu haben.

Jeannett telefoniert mit Frau Gerster vom Jugendamt und erklärt, dass sie von uns weg will. Sie hat allerdings keine Vorstellung wohin, ob zu ihrer Herkunftsfamilie oder in eine Wohngruppe in der Nähe. Abends kommt sie in mein Büro und schüttet mir ihr Herz aus. „Daddy, ich kann mich nicht entscheiden. Irgend etwas hält mich bei euch, aber mein Vater braucht auch meine Hilfe. Ich will das alles hier einfach nicht aufgeben, ich habe so viel vor. Ich will das Abitur machen und studieren. Aber mein Vater sagt, ich brauche das nicht, niemand in unserer Familie hat ein Abitur.“ „Jeannett“, erwidere ich, „ich kann dich verstehen und du musst wissen, dass, welchen Weg du immer gehen willst, wir dich unterstützen. Es gibt immer Möglichkeiten. Nur wollen wir langsam wissen, woran wir sind. Deshalb muss innerhalb der nächsten Wochen unbedingt ein Hilfeplangespräch her, in dem wir festlegen, wie es weiter geht.“ Jeannetts Gesicht wird nachdenklich. Sie scheut sich, sich wo möglich festlegen zu müssen.

Wir besprechen die Situation mit Frau Gerster. Dabei entwickeln wir folgende Szenarien:

  • Auf Jeannetts Wunsch geht sie sofort nach Berlin zur Herkunftsfamilie.
  • Im Hilfeplangespräch wird festgelegt, wo sie am besten aufgehoben ist und der Übergang wird von uns und dem Jugendamt begleitet.
  • Sie bleibt definitiv bis zum Ende der zehnten Klasse mindestens  und es ist ein Ende mit den Debatten.

„Sie wird wiederkommen wollen“, bezieht Frau Gerster Stellung, „sobald sie die anderen Möglichkeiten abgecheckt hat.“

Frau Sommer, unsere Supervisorin, konkretisiert das Vorgehen. „Wenn Jeannett bleiben will, muss bis zum Schuljahresende jede Diskussion über das Weggehen ausgeschlossen sein oder es erfolgt die sofortige Trennung. Sollte sie auf diese Bedingung nicht eingehen wollen, sollten Sie sich sofort trennen. Eine weitere Verunsicherung ist Ihnen ja nicht zuzumuten. Ich würde ihr auch keine Karenzfrist einräumen. Für eine Rückkehr müsste sie schon gute Gründe haben und erkennen lassen, dass sie ihr Verhalten grundsätzlich ändert. Sie können sich nicht Ihr Leben kaputt machen lassen und Sie müssen jetzt auch an sich denken“, beschwört sie uns. „Achten Sie darauf, dass das alles genau in einem Hilfeplan festgelegt wird.“

Abends kommt Jeannett mit einem jungen Mann nach Hause. „Wir treffen uns immer am Bahnhof Lüneburg“, erzählt er uns. „Es sind alle Jugendliche, die sich dort nach der Schule einfinden. Wir reden und vertreiben uns die Zeit. Alkohol und Drogen sind kein Thema, darauf achte ich. Von Ihrer Tochter habe ich erfahren, dass Sie oben im Obergeschoss viel Platz haben. Das wäre uns eine große Hilfe, wenn wir uns im Winter dort treffen könnten.“

Ich habe einen guten Eindruck von dem jungen Mann. Er scheint alles im Griff zu haben. Er stimmt zu, als ich festlege „Aber in unserem Haus wird nicht geraucht.“ Immerhin würden die Jugendlichen nur Zutritt bekommen, wenn ich dabei wäre. Es reizt mich einfach, ein gutes Werk zu tun. „Wollen wir uns mal alles ansehen?“, fordert Jeannett ihn auf und führt ihn voller Stolz durch das Haus, als sei nie etwas gewesen und es wie selbstverständlich ihr Zuhause sei. Bisher hatte ich nur gerüchteweise gehört, dass sie ihren Freunden und Klassenkameraden voller Stolz bei jeder Gelegenheit bekannt gibt, dass sie bis zu ihrer Volljährigkeit bei uns wohnen würde.

Wir haben den Eindruck, dass Jeannett tief gespalten ist durch den Loyalitätskonflikt zwischen ihrem Vater und uns. Der versucht immer wieder, sie in seinem Sinne zu beeinflussen, wobei es ihm egal ist, ob es wirklich die beste Lösung für seine Tochter ist, nach Berlin zu ziehen. Es geht ihm darum, seinen Willen durchzusetzen und uns zu diskreditieren.

Das Schlimme ist diese Hilflosigkeit, der wir ausgeliefert sind. Dadurch können wir auch Jeannett keine Hilfe sein. Sie muss jetzt entscheiden und wir sind automatisch Partei in diesem schlechten Spiel.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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