Die Inszenierung der Rückkehr

Als Pflegeeltern bekommen wir Mut machende Rückmeldungen von unserer Sachbearbeiterin des Jugendamtes, der Therapeutin und unserer Supervisorin, das Jeannett sehr gut an uns gebunden ist. Wir haben daran allerdings unsere Zweifel, besonders nach dem letzten Ereignis mit ihr.

Heute Morgen ist Jeannett, anstatt ihren Therapietermin wahr zu nehmen, zu ihrer ehemaligen Kinderärztin gegangen. Schon vor Tagen hat sie über Rückenschmerzen geklagt, aber sich geweigert, mit mir unsere Hausärztin aufzusuchen. Zurück kehrte sie mit einem Privatrezept für Gelomyrthol, einem pflanzlichen Medikament gegen Atemwegsinfekte und einer Überweisung zum Orthopäden, die sie nie die Absicht hatte, einzulösen. Außerdem sollte sie, so teilte sie uns mit, dreimal am Tag ein Schmerzmittel nehmen, allerdings ohne Milligramm-Angabe. Mit diesen Informationen steht sie nun fordernd vor uns.

„Wir haben ein Mittel“, erkläre ich ihr, „das genau die selben Wirkstoffe hat, es ist im Medizinschrank. Außerdem halten wir das Schmerzmittel, das dir die Ärztin aufgeschrieben hat, vor allem in der Dosierung, für nicht ungefährlich.“ Da rastet Jeannett aus. „Nie glaubt ihr mir! Ihr schließt sogar Nicos Büro ab! Ich will nicht mehr hier sein!“, brüllt sie uns an. Ihr Gesicht ist Wut verzerrt, sie hat eine tiefe Furche zwischen ihren Augen auf der Stirn. Da verliere ich meine sonst mir eigene Geduld. Ruhig aber bestimmt sage ich ihr: „Jeannett, wenn du irgend einen Ort weißt, an dem es dir besser geht als bei uns, dann musst du da hin gehen.“ Ruths Augen sind weit aufgerissen, sie kennt mich so nicht. Auf die Antwort müssen wir nicht lange warten. „Mach ich auch!“, kreischt sie.

Während wir uns im Wohnzimmer auf der Couch versuchen, zu entspannen, betritt Jeannett nun die Küche, ohne die Tür zu schließen, sorgsam darauf achtend, dass sie sich in unserer Hörweite befindet. Sie ruft von ihrem Handy aus ihren leiblichen Vater an. „Stell dir vor, die behaupten hier, dass ich Geld und Zigaretten klaue. Das Internet schalten sie auch abends ab und verschließen das Telefon!“

Natürlich erwähnt sie nicht die Gründe dafür. Seit Wochen vermissen wir Geld und Zigaretten, aus meinem Büro verschwunden und in ihrem Zimmer wieder gefunden. Wir wollen verhindern, dass sie nächtens telefoniert und mit ihrem Handy im Internet surft. Wir halten das für gerechtfertigte Maßnahmen.

Nachdem Jeannett aufgelegt hat, nimmt sie sich ihre Jacke und steuert auf die Ausgangstür zu. „Ich geh zu Nikki“, wirft sie noch ins Wohnzimmer. Wenig später ruft der Kindesvater aus Berlin an. „Ick wollt bloß sagn“, setzt er uns in Kenntnis, „dit meene Tochta im Zuch nach Berlin sitzt.“ Aufgelegt. Also informieren wir, wie schon so oft, den Kindernotdienst. „Sie haben zwei Möglichkeiten“ stellt uns die Dienst habende Sachbearbeiterin vor die Wahl, „entweder Sie rufen die Polizei und lassen sie aus dem Zug holen und zu Ihnen zurück führen, oder, so weit Sie keine Gefahr befürchten, belassen Sie sie beim Kindesvater und schalten auf dem Weg der Amtshilfe das dortige Jugendamt ein.“ Dann die alles entscheidende Frage: „Möchten Sie für sich denn das Pflegeverhältnis fortsetzen? Das Ganze hört sich ja ziemlich zerrüttet an.“

Zeit zu überlegen bleibt uns nicht. Auf der anderen Leitung ruft Jeannett an. „Ich bin jetzt bei Nikki. Um zehn Uhr bin ich zu Hause.“ Damit hat sich das Gespräch mit dem Kindernotdienst erübrigt. Nikkis Familie wohnt im benachbarten Dorf. Es sind fünf Kinder. Mit einer der Töchter ist Jeannett befreundet, ihr Bruder hat nach einer kurzen, aber heftigen Affäre den Kontakt zu Jeannett abgebrochen. Es ist nicht die Sorte Familie, deren Umgang wir uns für Jeannett wünschen. Die Eltern sind instruiert, dass wir eine Übernachtung Jeannetts nicht wünschen und nicht zustimmen würden.

Also rufen wir den sorgeberechtigten Kindesvater an. Aber wir landen mehrmals nur auf dem Anrufbeantworter. Schließlich meldet sich die Lebensgefährtin. „Meen Freund iss nich da. Wat se mit dem Kind machn, iss ja ooch nicht richtich“, versucht sie uns in eine Diskussion zu verwickeln. „Ick kann meen Freund schon verstehn, dit er sauer iss.“ „Darum geht es jetzt gar nicht“, wehre ich ab. „Wir möchten Sie nur bitten, ihm auszurichten, dass Jeannett bei uns ist und auch nicht die Absicht hat, zu Ihnen zu kommen.“ Eine kurze Verabschiedung und das Gespräch ist beendet.

Vorsichtshalber einigen Ruth und ich uns darauf, bei Jeannetts Freundin anzurufen, um sicher zu gehen, dass Jeannett sich wirklich bei ihr befindet. Tatsächlich kann ich mit ihr sprechen. Sie verspricht mir ereut, nach Hause zu kommen. Pünktlich um zehn Uhr ist sie da. „Kann ich noch was für die Schule ausdrucken?“, bittet sie mich so höflich, wie wir sie in letzter Zeit kaum kennen. Natürlich darf sie. Aber wir erfahren erst später, worum es sich tatsächlich handelt. „Einladung“ steht da in großen Lettern als Überschrift.

Ich lade dich herzlich morgen zu meiner Party ein. Wir machen eine Übernachtungsparty. Ich würde mich freuen, wenn du kommst. Beginn: Ab 17 Uhr. Wenn du nicht übernachten darfst, ist auch ok. Deine Jeannett

Aber davon wissen wir noch nichts. Wir lassen am nächsten Tag die Geschehnisse Revue passieren. Wir kommen zu der Erkenntnis, das alles nur eine einzige große Inszenierung war. Der Kindesvater hat angerufen, bevor Jeannett überhaupt hätte im Zug sitzen können. Sie hatte auch nicht das Geld für eine Fahrkarte. Und sie wäre nicht so dumm, schwarz zu fahren und sich aus dem Zug holen zu lassen. Vielleicht hat sie ihren Vater angerufen und ihn beauftragt, uns anzurufen und uns ein bisschen Angst zu machen. Dumm genug ist der Kindesvater schon, um so etwas mitzumachen, und sei es nur, um seine Tochter zu beeindrucken. Wir glauben nicht, dass Jeannett je die Absicht gehabt hat, nach Berlin zu fahren.

Fairer Weise müssen wir in Betracht ziehen, dass der Kindesvater, egal aus welchen Gründen, Jeannett davon abgebracht hat, nach Berlin zu fahren. Dann hätte er uns jedoch anrufen und informieren können, anstatt sich verleugnen zu lassen. Alles insgesamt erscheint uns das alles jedoch wie eine große Inszenierung. Jeannett wiederholt beständig, dass sie jetzt machen kann, was sie will.

Ihren Freunden jedoch erzählt sie, dass sie bis zu ihrem 18. Geburtstag bei uns bleiben will. Was ist das nun? Unentschlossenheit? Knöpfchendrücken bei den Pflegeeltern und dem leiblichen Vater? Machtspielchen? Wir werden es nie erfahren.

 

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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