Jeannett schreibt einen Brief

Dss Pflegekinder ihren Pflegeeltern einen Brief schreiben, ist nicht häufig. Aber Jeannett tut es. Sie hat es wohl von mir gelernt.

„Liebe Mama, lieber Papa, oder auch

Liebe Ruth, lieber Nico,

Ich hoffe, Ihr wißt, dass ich euch über alles liebe.  Im Moment ist es zwar etwas schwierig mit uns, aber ich mache mir so meine Gedanken. Wir verstehen uns einfach nicht mehr. Ich möchte aber erst mal nicht mit Euch reden. Es gibt einfach ständig Streit. Ich habe in letzter Zeit so viele Probleme, dass ich nicht mehr so kann wie ich eigentlich will. Euch will ich davon nichts mehr erzählen, weil Ihr mich sowieso nicht versteht (So sehe ich das, so kommt es bei mir an). Zum Beispiel das mit der Schule. Ich möchte gerne das Abitur machen, aber dafür müsste ich die 10. Klasse wiederholen. Dazu brauche ich Eure Unterstützung. Aber ich glaube, Ihr wollt das gar nicht. Ich will dann auch nicht immer Aufgaben von Euch bekommen, wenn es um den Haushalt geht. Das Meiste mache ich ja. Aber ich glaube, ich soll Euch nur entlasten. Ich weiß, dass Ihr Omas Haus verkaufen müsst, dass Ihr Euch um Tante Sarah kümmern müsst, dass Ihr Omas Rechnungen für sie bezahlen müsst. Ihr macht überhaupt keine Pausen mehr. Aber Ihr regt Euch auf, wenn ich später nach Hause komme. Ich habe mich informiert, ich darf mit 16 Jahren bis Mitternacht wegbleiben. Warum regt Ihr Euch darüber auf? Ich weiß schon was ich tue. Aber Ihr wollt ja alles im Griff haben. Aber egal, wie ich oben schon geschrieben habe: Ich will mit Euch erst mal nicht mehr darüber reden.

Liebe Grüße. Jeannett“

Dieser Brief macht uns sehr betroffen. Er ist nicht vorwurfsvoll, eher traurig. Kommt Jeannett bei uns zu wenig vor? Unterstützen wir sie zu wenig? Verstehen wir sie nicht? Warum will sie nicht mehr mit uns reden? Natürlich würden wir alles tun, damit sie das Abitur machen kann und wir haben schon viel über Wege dahin geredet, auch über Wege, die nicht geradewegs da hin führen, sondern über eine Ausbildung. Warum weigert sie sich, zu verstehen, dass wir uns Sorgen machen, wenn sie erst spät nach Hause kommt, ohne uns zu sagen, wo sie ist?

Also frage ich Jeannett, ob sie nicht doch mit uns sprechen will, damit wir uns einigen können und einen Neuanfang machen können. Aber sie weigert sich. Vermutlich hat sie die Befürchtung, nicht gegen uns anzukommen und zu viel von dem aufzugeben, was sie für wichtig hält.

Im Hintergrund steht natürlich auch immer der Kindesvater. Er telefoniert ständig, hält seine Tochter unter Druck, hat Forderungen an sie, macht gegen uns Front. Das, glaube ich, sind die Probleme, über die Jeannett nicht mit uns sprechen will, Traurigerweise wird sie nicht in der Lage sein, sie alleine zu lösen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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