„Ich bin nicht Schuld!“

Pflegeeltern versuchen oft, wenn ihre Pflegekinder etwas Unerlaubtes getan haben, ihnen die Schuld nachzuweisen und sie darauf anzusprechen. Diese Phase haben wir längst überwunden. Wir versuchen ihnen Einsicht zu vermitteln und sie selbst erkennen zu lassen, dass sie etwas verkehrt gemacht haben. Aber auch das klappt nicht immer.

Das erste, was wir heute tun, ist Jeannetts Therapeutin über die gestrigen Ereignisse in Kenntnis zu setzen. „Sprechen Sie sie auf die Situation an“, rät sie uns. „Ich werde das Geschehene auch in der Therapiesitzung thematisieren.“ Als ich Jeannett zur Therapie bringe, mache ich einen Versuch. „Wir haben Susann gestern zurückgebracht.“ „Ja, dass hat sie mir gesimst“, gibt sie zu. „Weißt du, warum wir das getan haben?“, versuche ich heraus zu bekommen. „Ich habe damit nichts zu tun!“, fährt sie mich an. „Sie wollte nicht mit meinen Freunden und mir mitkommen. Das ist nicht mein Problem.“ „Aber du hast sie allein gelassen!“, werfe ich ihr vor. „Das stimmt nicht“, wehrt sie sich. „Sie hat sich selbst entschieden, nicht mitzukommen!“ „Und du hast auch das Verpflegungsgeld eingesteckt, das normalerweise uns gehört. Susann hat uns alles erzählt“, lege ich nach. „Hab ich nicht!“, brüllt sie. „Susann hat es einfach wieder mitgenommen!“ „Und was ist mit dem Geld für die Unterrichsmaterialien, das du in der Schule abgeben solltest?“

Schweigen. Dann die Forderung. „Lass mich hier raus! Ich laufe den Rest.“

Wir hätten die Sache gern nach dem Mittag besprochen, aber wie immer, wenn es eng wird für Jeannett, ist sie nicht da. Das hat sie von ihrem leiblichen Vater gelernt. Vermutlich dissoziiert sie in solchen Auseinandersetzungen, sie befindet sich in ihrer emotionalen Persönlichkeit. Das raubt ihr ihr Über-Ich als Kontrollinstanz. Sie bemüht sich, in ihrer alltagsnahen Persönlichkeit zu bleiben und den Alltag in den Griff zu bekommen. Nur selten gelingt es ihr. Sie versucht alles, um Bestätigungen zu bekommen und mit ihrer Krankheit so weiter zu leben wie bisher. Dabei leugnet sie alles, was ihren Interessen widerspricht.

Wir sind fest davon überzeugt, dass Jeannett an ihrer postraumatischen Belastungsstörung leidet. Aber so lange sie sich weigert, das zu akzeptieren und Hilfe anzunehmen, wird sich nichts ändern an ihrem Zustand.

 

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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Eine Antwort zu „Ich bin nicht Schuld!“

  1. NinoGelo schreibt:

    Jeannett ist mir soo nah, auch wenn mein wesen sich anders äußert.

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