Verlassen und allein

Manchmal müssen Pflegeeltern schnell entscheiden und reagieren, um Schlimmes zu verhindern. Das bedeutet dann zumeist, dass Stunden dafür draufgehen, um die Pflegekinder zu schützen. Aber wir sind gewöhnt, flexibel zu reagieren.

Der Tag beginnt schon stressig, obwohl wir ein gemütliches Frühstück geplant haben. Jeannett und Susann sitzen auf ihren angestammten Plätzen. Da fällt Jeannett der Planungskalender in die Hand. Da steht für den nächsten Samstag „16 Uhr – Kaffeetrinken bei Rita“. „Wer ist Rita?“, verwundert sich Jeannett. „Es ist Nicos und meine gemeinsame Freundin. Nico kennt sie schon sehr lange. Wir besuchen sie zum Kaffee“, erklärt Ruth. „Da will ich mit“, ist die unerwartete Forderung. „Es ist Nicos Freundin und er muss darüber entscheiden!“ „Es ist unsere gemeinsame Freundin und wir gehen alleine hin.“ „Warum darf ich denn nicht mit?“, insistiert Jeannett lautstark.

Susanns Gesicht trübt sich ein. Sie kann diese Auseinandersetzungen nicht ertragen. „Du hast deine Freunde und wir unsere. Wir kommen ja auch nicht mit zu deinen Freunden“ bemüht sich Ruth, zu argumentieren. „Das ist doch was ganz anderes“, ereifert sich Jeannett. Ich bin eure Tochter.“ Da gehe ich in die Offensive. „Willst du denn mit? Dann musst du dir aber auch etwas Vernünftiges anziehen. Und du wirst nicht im Mittelpunkt stehen. Wir haben uns viel zu erzählen.“ Jeannett blickt verwirrt. „So hab ich das nicht gemeint“, rudert sie zurück. „Ich wollte nur wissen wo ihr seid, falls was ist.“ Ruth blickt verwirrt. „Falls w a s ist?“ „Na, falls ich euch brauche.“ Meine Strategie ist aufgegangen.

Tatsächlich ist es aber nicht die Sicherheit, die Jeannett vorgibt, zu brauchen. Es ist das unbestimmte Gefühl, uns nicht mehr in der Hand zu haben, abhängig halten zu können, Knöpfe zu drücken und Reaktionen zu bekommen, die sie ausnutzen kann. Zum ersten Mal begreift sie, dass es der Preis dafür, selbstständig zu sein, ist, dass man anderen auch Freiheiten lassen muss und akzeptieren muss, dass sie ihr eigenes Leben führen, ihre eigenen Freunde und Interessen zu haben. Der Zwang, ständig im Mittelpunkt stehen zu müssen und alles unter Kontrolle haben zu müssen, zeigt sich jetzt ganz deutlich. Ebenso wie die Angst vor Kontrollverlust. Ich beobachte mit Sorge, dass sich aus ihren Erfahrungen als Versorgerkind nun eine Tendenz zum Borderlinesyndrom entwickelt.

Susann und Jeannett erscheinen nicht zum Mittagstisch. Sie verschwinden, ohne uns etwas zu sagen. Gegen 15 Uhr erhalten wir eine SMS von Susann. „Kann ich nicht einen Zug später nehmen?“ „Was machen wir denn jetzt“, sorgt sich Ruth. Wie vertreten wir das gegenüber der Einrichtung? „Lass mal“, beruhige ich sie. „Wir reagieren einfach nicht. Mal sehen, was passiert.“

Dann eine Flut von neuen Nachrichten. „Ok, ich nehme dann einen Zug später.“ Kaum können wir die neue Situation verdauen, eine neue Nachricht. „Ruf mich mal bitte an.“ „Mann, Nico, Jeannett ist einfach abgehauen!“ „Wo seid ihr“. Wir telefonieren. „Ich stehe hier und keiner ist mehr da!“ Ihre Stimme klingt verzweifelt. „Wo bist du?“, erkundige ich mich. „Am Bahnhof in Lüneburg“, schluchtzt sie. „Bleib da, wir kommen. Es dauert etwa zwanzig Minuten. Beweg dich nicht vom Fleck. „Ist gut.“ In ihrer Stimme schwingt etwas Erleichterung mit. Also machen wir das Auto klar und brausen los.

Während der Fahrt hat Ruth immer das Handy bereit. Schließlich kommen wir am Bahnhofsvorplatz in Lüneburg an. Jede Menge Leute sind da, aber Susann nicht. Ruth ruft ihr Handy an. „Wo bist du?“ „Hier vor McDonalds, ich komme zu euch rüber.“ Und da kommt sie angeschlurft, Tränen in den Augen. „Jeannett hat mich einfach stehen lassen“, schluchtzt sie. „Da war diese Freundin von ihr, die sie gefragt hat, ob sie als Kind vergewaltigt worden ist. Jeannett hat ja gesagt und dann zu mir ‚Und du bist auch betroffen.‘ Dann sind sie einfach gegangen und haben mich alleine hier gelassen.“

„Wir fahren jetzt erst einmal nach Hause“, entscheide ich, „und dann machen wir uns etwas zu essen.“ Zu Hause angekommen, nimmt Ruth sie in den Arm und beruhigt sie. Dann gibt es etwas Schnelles aus der Truhe. Susann will nicht mehr reden. Sie schluchtzt nur noch.

„Es ist wohl das Beste, wenn wir dich in die Einrichtung zurückbringen“, schlage ich vor, und Ruth stimmt aus vollem Herzen zu. Sie klebt ein großes Blatt Papier an Jeannetts Tür, auf dem zu lesen steht „Ruf an, wenn du zu Hause bist“. Dann machen wir uns auf den Weg. Es ist nebelig, die Dunkelheit bricht herein. Die mehr als hundert Kilometer weite Fahrt über die Landstraßen erfordert meine volle Konzentration.

In der Einrichtung sprechen wir mit der Dienst habenden Erzieherin. Sie ist tief betroffen. Susann sitzt mit gesenktem Kopf auf ihrem Stuhl und weint leise. Sie kann sich nicht äußern. „Ist dafür gesorgt, dass Susann die entsprechende psychologische Betreuung erfährt?“, erkundige ich mich. „Wir haben hier nur eine Therapeutin, die auf Verhatenstherapie spezialisiert ist“, antwortet die junge Frau, „Aber das nutzt alles nichts, wenn Susann ihr nicht vertraut.“ Kein Wunder, denke ich. Alles klingt sehr unprofessionell. Aber wir haben keine Möglichkeit der Einflussnahme mehr. Wir müssen Susann ihrem Schicksal überlassen.

Spät in der Nacht machen wir uns auf den Rückweg. Da ruft Jeannett an. Wir haben beschlossen, ihr nicht zu sagen, wo wir sind, wenn sie nicht fragt. Sie fragt nicht. Auch nach Susanns Ergehen erkundigt sie sich nicht. „Ich bin schon vor zwei Stunden zu Hause gewesen“, behauptet sie, „aber ich habe den Zettel erst jetzt gesehen. Ich gehe jetzt ins Bett.“

Dieses Ereignis zeigt uns, wie wenig Jeannett sich tatsächlich um ihre Schwester kümmert. Für sie gibt es nichts weiter als ihre eigenen Interessen, die sie radikal durchsetzt. Dass sie Susann so eiskalt im Stich lässt, hätten wir allerdings nicht gedacht. Wie verlassen muss Susann sich gefühlt haben! Sie muss das Gefühl bereits aus ihrer Kindheit kennen. Es zeigt uns allerdings, dass Jeannetts Aggression und Unbeherrschtheit nicht nur uns gilt.

Auch wenn Pflegeeltern nicht mehr zuständig sind, so müssen sie manchmal eingreifen, um die Situation zu entschärfen. Genau das haben wir heute getan. Darauf sind wir auch ein bisschen stolz.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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