Ein ehrlicher Brief

Pubertäre jugendliche Pflegekinder wollen unbedingt von ihren Pflegeeltern ernst genommen werden. Das ist auch gut so. Aber es gibt auch Grenzen der Selbstständigkeit. Nämlich dann, wenn die Pflegeeltern nicht mehr ernst genommen werden.

Seit Wochen muss ich mit ansehen, dass Telefonrechnungen in astronomische Höhen steigen, weil mit teuren Mobilfunknummern telefoniert wird, dass Zigarettenschachteln fehlen, dass im Haus geraucht wird. Ich fühle mich von Jeannett nicht richtig wahrgenommen. Also schreibe ich ihr einen Brief, weil sie mit Gesprächen nicht mehr erreichbar ist.

Liebe Jeannett,

heute schreibe ich dir, weil das, was ich dir zu sagen habe, keinen Aufschub duldet und ich dich nicht im Beisein deiner Freunde darauf ansprechen will.

Es wird Zeit, dass wir den Tatsachen ins Auge blicken, auch du musst das tun. Wiederholt habe ich bei dir im Zimmer volle Aschenbecher und leere Zigarettenschachteln gefunden, die eigentlich mir gehörten, zuletzt heute. Eine andere Tatsache ist, dass du noch immer im Minutentakt vom Festnetztelefon zu teuren Mobilfunknummern telefoniert hast.

Lass mich eins deutlich machen. Es geht hier nicht in erster Linie um Geld. Ich habe den Eindruck, und das seit längerer Zeit, dass du es als dein Recht ansiehst, dir zu nehmen, was du willst und meinst, zu brauchen. Das macht mich sehr ärgerlich, weil ich mich von dir missachtet fühle. Wenn ich dir Handy-Aufladungen kaufe oder Medikamente oder Müsliriegel, dann ist alles in Ordnung. Du glaubst, du hast einen Anspruch darauf. Schau dich mal bei deinen Freunden und Klassenkameraden um. Dann wirst du sehen, dass all die Annehmlichkeiten, die du genießt, nicht selbstverständlich sind, auch nicht bei uns.

Du weißt, Jeannett, dass du in mir immer einen Fürsprecher hast, auch in Dingen, in denen andere nicht auf meiner Seite stehen. Du musst jetzt entscheiden, ob dass so bleiben soll oder ob du mich weiter verärgern willst. Ich will Telefonrechnungen, auf denen Anrufe ins Mobilfunknetz die Ausnahme bleiben und ich will meine Zigaretten nicht mehr wegschließen müssen. Du weißt, dass wir nicht im Haus rauchen und wenn du es in deinem jungen Alter schon nicht lassen kannst, erwarte ich dasselbe von dir.

Lass mich bitte wissen, ob du die Absicht hast, dich an diese wenigen Voraussetzungen zu halten; es bedeutet mir sehr viel.

Dein Nico

Leider habe ich auf diesen meinen Brief nie eine Antwort bekommen. Es hat sich auch nicht wirklich etwas geändert. Aber ich habe einen Versuch unternommen, Jeannett meinen Gemütszustand zu erklären. Ich habe versucht, sie ernst zu nehmen. Das gibt mir ein besseres Gefühl.

Dadurch jedoch habe ich den Glauben daran verloren, dass Jeannett sich wirklich an unsere Regeln und Grenzen halten will. Es macht mich hilflos und ich bemerke an mir einen heimlichen Widerstand, mich für sie einsetzen zu wollen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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