Totalverweigerung

Heute ist der Termin des Hilfeplangespräches. Normalerweise gibt es zusammen mit der Sachbearbeiterin des Jugendamtes dabei die Möglichkeit, alles zu besprechen, was in Zukunft passieren soll und jeder hat die Möglichkeit, siene Interessen mit einzubringen und auch berücksichtigt zu bekommen: Die leiblichen Eltern, der Jugendliche und auch die Pflegeeltern. Daraus werden dann Absprachen  gemacht, so dass jeder weiß, woran er ist.

Am Morgen sprechen wir Jeannett nochmal auf den Termin an. Aber sie lehnt eine Teilnahme kategorisch ab. „Es wäre aber eine gute Gelegenheit für dich, deine Vorstellungen geltend zu machen“, versuche ich sie zu überreden. „Und Frau Gerster und wir sind doch für und nicht gegen dich. Wenn du nicht dabei bist, müssen wir ohne dich festlegen, wie es weiter geht.“ Jeannetts Augen sind zusammengekniffen. „Ich mach sowieso was ich will“, zischt sie. „Ihr könnt mich nicht daran hindern und nicht darüber bestimmen.“ Dann nimmt sie ihre Tasche und macht sich auf den Weg zur Schule.

Nachmittags im Jugendamt. Wir sitzen allein mit Frau Gerster da. Die ist sichtlich entsetzt. „Dass Herr Sodann nicht kommen würde und sich nicht einmal bei mir entschuldigt, finde ich schon ein starkes Stück“, macht sie ihrer Betroffenheit Luft. „Hat er das sogar mit Jeannett abgesprochen, nicht zu erscheinen?,“ fragt sie dann ungläubig. „Davon müssen wir wohl ausgehen, wir haben ganz stark den Eindruck“, bestätige ich sie. „So eine Verweigerungshaltung ist mir noch nicht passiert“, nimmt die Sachbearbeiterin Stellung.

„Das sieht im Moment nicht gut aus“, grübelt Frau Gerster. Wenn sie die 10. Klasse beendet hat, darf sie entscheiden, wo sie wohnen möchte. So hat es das Gericht ja beschlossen“, ruft sie uns die momentane Sachlage ins Gedächtnis. „Sie kann durchaus nach Berlin gehen und ich glaube, sie wird es probieren.“ Einen Moment herrscht Stille. Dann die entscheidende Frage: „Würden Sie sie denn wieder aufnehmen, wenn sie zurückkehren wollte? Und ich bin sicher, sie wird nicht in Berlin bleiben wollen, in den beengten Verhältnissen ihres Vaters und dazu in der großen Stadt.“

Mit dieser Möglichkeit haben wir uns noch überhaupt nicht beschäftigt. Sicher würden wir sie nicht vor der Tür sitzen lassen. Es käme darauf an, wie viel Zeit zwischen Trennung und Rückkehr vergangen wäre. Ruth blickt mich hilflos an.

„Momentan können wir uns die Situation so noch gar nicht vorstellen“, zeige ich meine Verunsicherung. „Es hinge von einer Vielzahl von Faktoren ab. Grundsätzlich können wir es uns vorstellen, aber ich finde es zu früh, darüber zu entscheiden.“ Frau Gerster blickt nachdenklich.

Mit diesen Gedanken treten wir den Heimweg an. Würde Jeannett wirklich alles hier aufgeben? Die Möglichkeit, die 10. Klasse abzuschließen, vielleicht sogar über eine schulische Ausbildung das Abitur zu machen, zu studieren, wie sie es immer wieder behauptet, tun zu wollen? Würde sie ihre Freunde hier aufgeben, ihre Geborgenheit und Unterstützung bei uns? Wäre es das ihr wert?

Wenig später, nachdem wir nach Hause kommen, ist Jeannett ebenfalls da. Sie weint und kuschelt sich wie ein Baby an Ruth. „Ich will gar nicht so sein“, schluchzt sie. „Ich will euch nicht immer weh tun. Das Leben ist einfach Scheiße!“ Ruth beruhigt sie. „Lass mal, das vergeht wieder. Wir sind doch für dich da, wenn du uns brauchst.“ „Das ist ja eben das Problem“, flüstert Jeannett halblaut.

Hätte Jeannett nicht in ihrer Kindheit diese vielen, grausamen Erfahrungen gemacht, ich würde diese Szene unter „pubertärer Weltschmerz“ verbuchen. Aber das hier ist anders. Der Anspruch des Kindesvaters an sie, sich ihm zuzuwenden und uns zu vergessen, zerreißt sie innerlich. Sie weiß um die Schwäche und Unzulänglichkeit ihres Vaters und sie weiß um die Geborgenheit und Sicherheit bei uns. Aber das allein reicht nicht aus, sich zu entscheiden. Denn sie hat das Gefühl, sich entscheiden zu müssen, ohne dass wir sie das von ihr erwarten oder verlangen würden.

Inzwischen haben wir gelernt, gelassen zu bleiben und abzuwarten. Wir werden Probleme, die nicht unsere sind – Wie bekomme ich meine Tochter wieder? -, uns nicht zueigen machen. Unsere Rolle ist es, Jeannett in ihrem Dilemma zu stützen und ihr zu helfen, wann immer sie Hilfe braucht.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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