Verweigerung als Taktik

Pflegeeltern müssen manchmal ertragen, dass ihre pubertierenden Pflegekinder einfach alles verweigern. Zwei dieser Weigerungen erleben wir heute.

Wieder einmal sitzen wir zusammen, um die nächste Zeit zu besprechen. Es geht um einen Besuchskontakt Jeannetts bei ihrem Vater und ein Hilfeplangespräch. „Wir fahren also am Freitag in einer Woche gemeinsam nach Berlin. Wir setzen dich in die S-Bahn und fahren zu Silke und Guido in Teltow“, gebe ich kund. Aber wir haben nicht damit gerechnet, dass eine solch einfache Entscheidung einen Sturm der Entrüstung auslösen kann. „Ich werde nicht mehr mit euch in einem Auto fahren!“, brüllt Jeannett uns an. „Ich fahre mit dem ICE!“ „Warum denn nicht?“, fragt Ruth verdutzt. „Was ist denn daran so schlimm?“ „Erklär es uns doch, damit wir es verstehen“, möchte auch ich wissen. „Ich will eben nicht“, ist ihre lapidare Antwort. „Dann musst du dir die Fahrkarte selbst kaufen“, mache ich ihr klar. Jeannetts Gesicht verfinstert sich.

„Dann ist da noch was“, setze ich fort. „Am Donnerstag davor ist Hilfeplangespräch mit Frau Gerster. Wir fahren zusammen hin, wenn ich dich von der Schule abgeholt habe.“ „Ich habe euch schon gesagt, dass der Termin nicht geht“, keift sie. „Mein Vater hat nicht das Geld und auch keine Zeit. Und ich bin auch nicht dabei.“ „Wer nicht dabei ist, kann nicht mit entscheiden“, gebe ich zu Bedenken. „Na und?“, antwortet Jeannett gelangweilt und schlendert in ihr Zimmer. Es dauert eine halbe Stunde und Jeannett ist wieder da. „Also gut“, verkündet sie, „ich fahre mit euch nach Berlin.“

Wir sind erstaunt, lassen uns aber nichts anmerken. Wahrscheinlich hat sie mit dem Kindesvater telefoniert und der hat ihr geraten, kleinbei zu geben. Aber uns beschleicht der Verdacht, dass beide versuchen, uns auszubremsen. Das zeigt uns die Weigerung, am Hilfeplangespräch teilzunehmen. Gemeinsam weigern sie sich, das Jugendamt ernst zu nehmen und verweigern deshalb das Hilfeplangespräch. Der Kindesvater hat Jeannett beigebracht, wie einfach es ist, sich gegen alle Absprachen zu wehren. Genau das tut sie jetzt.

Obwohl wir ernsthaft versuchen, mit dem Kindesvater zusammen zu arbeiten, verweigert der sich einfach. Ohne dessen und Jeannetts Zustimmung kann allerdings gar nichts passieren. Wir wissen das, und der Kindesvater weiß es auch.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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