Kegeln und das erste Mal

Pflegeeltern pubertierender Pflegekinder sind schon zufrieden, wenn ein Tag vergeht, der so richtig normal ist. Bei uns sind es schon zwei. Wir finden das bemerkenswert.

Für ein paar Tage ist Jeannett richtig entspannt. Sie kommt pünktlich nach Hause und geht pünktlich zur Schule. Ich nehme sie mit zum Jugendkegeln im Dorfkrug und sie amüsiert sich mit den anderen Altersgenossen. Als wir nach Hause gehen, bekommt sie einen sehr emotionalen Gesichtsausdruck. „Ihr seid so lieb“, sagt sie leise, mit dem Blick auf den Boden gerichtet, „und ich bin so gemein zu euch.“

„Weißt du, Daddy“, fährt sie fort, „neulich hatte ich das erste Mal Sex. Es hat mir sehr weh getan.“ „Vielleicht war der junge Mann nicht ganz so vorsichtig mit dir“, gebe ich zu Bedenken. „Das erste Mal ist für Mädchen ganz wichtig, mehr als für Jungen. Je zärtlicher beide zu einander sind, je mehr Zeit sie sich nehmen, desto mehr macht es ihnen Spaß. „Eigentlich ist es auch egal“, gibt sie zu, „Mit dem hab ich sowieso nichts mehr zu tun. Aber all meine Mitschülerinnen – also fast alle – hatten schon Sex. Es musste jetzt einfach sein.“ Spricht sie und verstummt, bis sie sich zu Hause in ihr Zimmer zurück zieht.

Frau Gerster scheint Recht zu haben, wenn sie uns immer wieder sagt, dass Jeannett ganz fest an uns gebunden ist und sie uns vertraut. So vertrauensvoll hat sie schon lange nicht mehr mit mir geredet. Aber muss es denn sein, dass sich diese Kinder gegenseitig so unter Druck setzen lassen, etwas zu tun, wozu sie noch gar nicht bereit sind? Nur um dazu zu gehören?

Bei traumatisierten Pflegekindren geht natürlich alles darum, um jeden Preis dazu zu gehören und im Mittelpunkt zu bleiben. Jeannetts Eingeständnis, dass wir alles für sie geben und sie gemein zu uns ist, zeigt, in welchem tiefen Zwiespalt sie sich befindet und dass viel von ihrem Verhalten eigentlich eine Inszenierung ist, um uns ganz bewusst zu verärgern und sie schließlich gehen zu lassen. Dass genau das nicht passiert, scheint sie enorm zu beunruhigen.

Jeannett zeigt ihre ganze dissoziative Persönlichkeitsstruktur. Deshalb wird sie nicht umhin können, weiter Situationen zu inszenieren, auf die wir in irgend einer Form reagieren müssen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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