Tage der Furcht und Aufruhr 3

Pflegeeltern machen sich Sorgen um ihre Pflegekinder, wenn sie nicht über Nacht wiederkehren, wie es leibliche Eltern auch tun oder tun sollten. An erholsamen Nachtschlaf ist nicht mehr zu denken, bestenfalls Erschöpfungsschlaf.

Heute ist Sonntag. Jeannett ist immer noch nicht da. Wir informieren die Polizei über die Telefonnummer des Kindesvaters, den wir gestern und heute nicht erreicht haben. Sollen die ihre Pflicht erfüllen, schließlich haben wir nicht das Sorgerecht.

Gegen Mittag taucht Jeannett bei uns auf, völlig müde und erschöpft. Wortlos verschwindet sie in ihrem Zimmer und geht zu Bett. Wir schwanken zwischen Freude darüber, dass sie gesund wieder da ist und Wut darüber, wie sie uns behandelt. Aber unsere erste Pflicht ist es, der Polizei mitzuteilen, dass sie wieder bei uns ist.

Es dauert keine halbe Stunde und ein Einsatzwagen steht vor unserer Tür. Eine Beamtin mit einer Kollegin wollen sich davon überzeugen, dass Jeannett wohlbehalten und gesund ist. „Sie können sie ruhig etwas härter zurechtweisen“, ermutige ich die beiden. „Sie hat es mehr als verdient.“

Dann klopfen wir an Jeannetts Tür. „Jeannett“ rufe ich sehr bestimmt, „hier ist jemand, der dich dringend sprechen will!“ Sie blickt verschlafen und verstohlen aus ihrer Tür, sieht aber niemanden. Die Beamten haben bereits an unserem Küchentisch Platz genommen. Jeannett schleicht in die Küche, wird im angesicht der Staatsmacht aber hellwach. Ruth und ich verlassen den Raum, aber die Tür zum Wohnzimmer bleibt geöffnet.

„Was hast du dir denn dabei gedacht?“, fragt sie die Beamtin in strengem Ton. Jeannett schweigt. „Weißt du, dass du gegen ein Gesetz verstoßen hast?“ Wieder Schweigen. „Kannst du dir nicht vorstellen, welche Sorgen sich deine Pflegeeltern gemacht haben?“ Keine Äußerung. „Willst du jetzt nicht mit uns reden?“, fährt die Dame in Uniform sie jetzt an. „Du solltest das lieber tun. Du hast dich massiv ins Unrecht gesetzt. In deinem Alter hast du spätestens um Mitternacht zu Hause zu sein! Wir haben in ganz Deutschland nach dir gefahndet. Weißt du, was das bedeutet? Wie viele Menschen du heute Nacht beschäftigt hast, in ganz Deutschland? Was bildest du dir ein? Deine Rumbockerei hier nützt dir gar nichts! Wir werden natürlich das Jungendamt informieren!“

Die beiden Polizisten erheben sich und verlassen die Küche. Jeannett schleicht hinter den beiden wieder in ihr Zimmer, die Augen zu Schlitzen verzogen, ihre Zornesfalte auf der Stirn. Die Beamtin wendet sich an uns. „Da haben Sie sich ja ein schönes Früchtchen eingefangen!“, raunt sie uns zu. „Wir werden wohl nicht das letzte Mal hier gewesen sein. „Welche Möglichkeiten haben wir denn eigentlich, wenn unsere Pflegetochter nicht rechtzeitig nach Hause kommt?“, erkundige ich mich. „Nach Jugendschutzgesetz“, erklärt uns nun der Polizist, der bisher geschwiegen hatte, „müssen über 16-Jährige spätestens um Mitternacht zu Hause sein und dürfen sich nicht mehr in der Öffentlichkeit befinden. Ab dann ist eine Vermisstenmeldung erst sinnvoll und nötig. Unter 16-Jährige müssen um elf, unter 15-Jährige bis zehn von der Straße verschwunden sein. „

„Es gibt aber eine Ausnahme“, fährt er fort, „Wenn sie wissen, wo sie sich aufhält, also bei Freunden zum Beispiel, und Sie das erlaubt haben, gilt sie nicht als vermisst.“ „Und was ist, wenn wir es nicht erlauben?“, interessiere ich mich. „Ich würde Ihnen nicht raten, einer Jugendlichen zu verbieten, irgendwo zu übernachten“, lächelt er mich schelmisch an. „Wenn sie Ihnen sagt, wo sie ist, sehen wir auch keine Notwendigkeit, einzugreifen. Was sollten wir denn auch tun, sie Ihnen in Handschellen zuführen? Meinen Sie ernsthaft, das würde die Lage zwischen ihr und Ihnen entschärfen? Sobald Sie Kenntnis davon haben, wo sie sich aufhält, sehen wir keine Notwendigkeit, einzugreifen. Wenn Sie wollen, dass sie bei Ihnen zu Hause übernachtet, müssen Sie das schon mit Ihren eigenen erzieherischen Mitteln durchsetzen.“ Wir verabschieden uns höflich und die beiden gehen ihrer Arbeit nach.

Was wir daraus gelernt haben, ist: Jeannett ist frei zu kommen und zu gehen, wann immer sie will, so lange sie bis Mitternacht wieder zu Hause ist. Sie kann uns aber auch anrufen und uns darüber informieren, wo sie übernachtet. Wir haben kaum eine Möglichkeit, das zu verhindern. Die Polizei wird in diesem Fall nichts unternehmen. Dass dieser Sachverhalt so richtig ist, erfahre ich bei meiner Recherche im Internet.

Wie es sich uns darstellt, haben wir nicht viel Möglichkeiten, unsere erzieherischen Maßnahmen umzusetzen, wenn Jeannett absolut uneinsichtig bleibt. Am Liebsten wäre uns, wenn wir mit ihr einen Kompromiss aushandeln könnten. Danach jedoch sieht es im Moment überhaupt nicht aus.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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