Tag der Furcht und Aufruhr 2

Es scheint, als ob Jeannett jetzt eine Möglichkeit gefunden hat, um uns wie an Strippen tanzen zu lassen. Das nutzt sie, so weit wie es eben geht, aus. Aber Pflegeeltern haben gegenüber ihren Pflegekindern viel Verantwortung. Also spielen wir das Spiel erst einmal mit.

Unser Gespräch mit ihr ist auch zuerst ganz entspannt. Wir haben vor, heute Nachmittag Freunde zu besuchen, die sie auch gut kennt. „Nein“, lehnt sie ab, mitzukommen, „ich möchte erst einmal mein Zimmer aufräumen.“ „Ok“, stimme ich zu, „Aber du gehst erst dann weg, wenn das Zimmer wirklich aufgeräumt ist. Und du bist rechtzeitig wieder zu Hause. „Ja, das mach ich“, verspricht sie uns.

Abends um acht kommen wir wieder nach Hause. Jeannett ist weg. Die Zeit vergeht, es wird zehn, es wird halb elf. Ich rufe sie auf ihrem Handy an. „Wo bist du?“, frage ich. „In Lüneburg am Kreidebergsee mit ein paar Leuten.“ „Eigentlich solltes du schon lange zu Hause sein“, ermahne ich sie. „Ich habe das Recht, bis um zehn weg zu bleiben“, keift sie mich an. „Es ist bereits elf“, schieße ich zurück. „Es ist deine Pflicht, um zehn zu Hause zu sein!“ „Aber es ist Wochenende“, argumentiert sie. „Und ich habe alle meine Pflichten erfüllt.“ Klick und aufgelegt.

Um Mitternacht rufen wir den Kindernotdienst an. „Jeannett ist wieder nicht nach Hause gekommen“, informiere ich sie. „Was raten Sie uns zu tun?“ „Dann müssen Sie wieder die Polizei rufen, damit das aktenkundig wird“, rät sie uns. Da kommt mir eine Idee. „Was wäre, wenn wir Jeannett vorläufig, also sozusagen als Warnschuss, in Obhut geben würden?“, schlage ich vor. „Praktisch mit einer eingebauten, geplanten Rückkehroption?“ „Davon würde ich Ihnen abraten“, sagt sie ernst. „Wenn sie erst einmal in Obhut ist, könnte das den leiblichen Vater dazu bewegen, sie vollends zu sich zu holen. Auch Jeannett selbst könnte das missverstehen, so, als ob, wenn es Schwierigkeiten gibt, dann sind sie nicht mehr für mich da. Sprechen Sie doch erst einmal mit Frau Gerster darüber, wenn sie wieder da ist.“

Wir sind müde und gestresst, unsere Gehirne voll Adrenalin. Jeannett handelt wie ihr Vater, der sich nicht an irgend welche Absprachen hält. Sie versucht uns, zu manipulieren. So auf dem Sofa sitzend, mit besorgten Gesichtern, voller Befürchtungen, beschließen wir, das nicht weiter zuzulassen. Wir wollen unser Leben nicht länger von ihr bestimmen lassen. „Morgen werden wir unser Ding machen“, schlage ich Ruth vor. Morgen werden wir einen schönen Spaziergang machen und etwas essen gehen. Wir brauchen jetzt eine Auszeit, damit es uns auch mal wieder gut geht. Trotzdem will ich ihr zeigen, dass wir für sie da sind, wenn es hart kommt, aber ich will ihr auch zeigen, dass sie nicht mehr unser Leben bestimmen kann.“ Ruth stimmt zu. Der Sonntag wird unser Tag!

Dennoch müssen wir jetzt die Polizei anrufen. Es ist bereits ein Uhr. „Am besten ist es“, verdeutlicht der Beamte, „wenn Sie Ihre Pflegetochter auch suchen. Sie wissen am besten, wo sie sich normalerweise aufhält. Wir schicken einen Einsatzwagen zum Bahnhof Lüneburg. sollten wir sie nicht finden, kommen wir zu Ihnen.“

Also setze ich mich ins Auto und fahre nach Lüneburg. Am Kreidebergsee keine Menschenseele. Am Bahnhof alles ruhig. Auch vor ihrer Schule ist nichts zu sehen von Jugendlichen. also fahre ich nach Hause. Dort erwartet uns schon ein Polizist. „Ich habe mit einigen Jugendlichen in Bahnhofsnähe gesprochen“, berichtet er. „Jeannett wollte den Bus um elf Uhr nach Hause nehmen, dann wurde sie nicht mehr gesehen. Sonst war alles ruhig. Ich nehme jetzt ihre Personalien auf. Haben Sie ein aktuelles Foto? Wir schreiben sie jetzt zur bundesweiten Fahndung aus.“

Wieder beginnen wir zu beben. Sie ist nicht mehr gesehen worden. Was heißt das? Ist ihr so spät nachts doch etwas Unvorhersehbares zugestoßen? Ruth sucht hektisch ein Foto und findet es auch. Der Beamte verabschiedet sich. Wir sind allein in der spannungsgeladenen Stille des Hauses. Es ist halb vier morgens. Wir beschließen, uns zur Ruhe zu legen. Es wird eine unruhige Nacht, oder das, was noch davon übrig ist.

 

Advertisements

Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
Dieser Beitrag wurde unter Kurze Besserung und der Absturz abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Tag der Furcht und Aufruhr 2

  1. Franziska Birmes schreibt:

    Hallo Sir Ralph, Das ist so eine Ausnahmesituation das ich die Nacht nicht schlafen könnte. Jeanette ist gar nicht klar wie ihr euch derzeit fühlt. Ob ihr da ein großes maß an Empathie fehlt? Hat sie sich mittlerweile gemeldet?

    Könnt ihr es noch verantworten für sie verantwortlich zu sein? Ich glaube es ist der Gedanke an die Alternative, Umzug zum leibl. Vater, die es euch so schwer macht Verantwortung abzugeben. Was sagt denn die Therapeutin von Jeanette zu diesem Verhalten? Bzw. wie ihr darauf reagieren solltet?

    Ich denke sehr an euch und wünsche euch viel Kraft und Durchhaltevermögenfür diese schlimme Zeit, und für Jeanette das ihr nichts passiert ist!

    Herzliche Grüße Franziska Birmes

    • Sir Ralph schreibt:

      Hallo, Franziska,
      ja, das ist nun mal so mit Menschen, die schon in ihrer Kindheit Verantwortung für andere übernehmen mussten, die sie eigentlich gar nicht tragen konnten. Sie sehen sich selbst, wenn sie älter werden, nur im Mittelpunkt und machen sich keine Gedaken darüber, wie es anderen geht. Wir haben als Pflegeeltern noch länger durchgehalten, aber dann kam doch der Zeitpunkt, wo es nicht weiter ging.

      Bleib den Traumakindern treu, wenn du magst, und erfahre, wie es weiter ging

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s