Tage der Furcht und Aufruhr 1

Pflegeeltern lieben ihre Pflegekinder wie ihre eigenen, besonders, wenn sie lange bei ihnen wohnen. Deshalb haben sie auch die schlimmsten Befürchtungen, wenn die Kinder plötzlich nicht nach Hause kommen. Nicht nur, dass sie sich Sorgen machen, sie stehen auch gegenüber dem Jugendamt und den leiblichen Eltern in der Verantwortung.

Heute sprechen wir mit Jeannett über Verantwortung. „Jeannett“, beginne ich, „es ist wichtig, dass jeder in einer Familie den anderen gegenüber Verantwortung übernimmt. Das heißt auch, dass man sich darüber informiert, was man vor hat und wann man weg ist, so dass die anderen sich darauf einrichten können. Und dann ist es auch wichtig, dass man sich an Absprachen und Termine hält, damit sich die anderen keine Sorgen machen. Das kennst du auch von Ruth und mir. Wenn jeder macht, was er will, funktioniert eine Familie nicht mehr. Wir erwarten auch von dir, dass du dich daran hälst.“

Die ganze Zeit hat Jeannett auf den Boden geblickt und sich nicht betroffen gezeigt. „Wenn du heute Nachmittag weg gehst, dann möchten wir, dass du um zehn Uhr heute Abend wieder zurück bist“, schaltet Ruth sich nun wieder ein. „Das ist die Zeit, zu der Jugendliche wieder zu Hause sein müssen. Ist das ok?“ Jeannett nickt kaum merklich.

Es wird zehn, es wird halb elf. Ruth und ich müssen morgen wieder arbeiten und würden gern langsam ins Bett gehen. Es wird elf, niemand erscheint. Susann hat schon einige Male aus Berlin angerufen, wo sie zum Besuchskontakt ist, um mit ihrer Schwester zu sprechen. Sie macht sich Sorgen. Genauso geht es uns. Jeannetts Handy ist ausgeschaltet. Wir informieren den Kindesvater und rufen Kindernotdienst und Polizei an. Die Polizei sagt uns zu, dass sie jemanden vorbei schicken. Es passiert nichts. Wir sitzen auf dem Sofa und machen uns Gedanken. „Hoffentlich ist ihr nichts passiert“, sorgt sich Ruth. „So viel kann passieren. Wollen wir sie nicht suchen?“ „Das geht nicht“, erwidere ich. „Wir wissen ja nicht, wann die Polizei kommt. Dann müssen wir beide hier sein und eine Personenbeschreibung abgeben.“

Also warten wir gespannt, was passiert. Nach Mitternacht klingelt das Telefon. „Ich bin schon unterwegs“, lässt uns Jeannett wissen. Wenige Minuten später, ich stehe auf der menschenleeren, dunklen Straße, erscheint sie in Begleitung zweier jungen Männer, die sie zum Abschied zärtlich küsst.

„Jeannett, wir haben uns Sorgen gemacht!“, mache ich ihr ruhig klar. „Wo warst du, was hast du gemacht?“ „Ich würde euch ja was erzählen“, antwortet sie, „aber ihr habt da mal was gesagt. Ich erzähle euch seitdem nicht mehr alles.“

Dieses dumme Getue reicht mir jetzt. Also werde ich deutlich. „Jeannett, ich will keine Geheimnistuerei, ich will klare Äußerungen. Wenn du nicht mit uns reden willst, habe ich nichts dagegen, wenn du dir eine andere Vertrauensperson suchst, mit der du dich über deine Probleme unterhalten kannst. Du hast Recht, wir müssen nicht alles wissen. Aber ich lasse mich nicht als Sündenbock benutzen.“

War das zu heftig? Habe ich überreagiert? Ich weiß doch selbst aus meiner Pubertät, dass ich mit allen anderen geredet habe, bevor ich mich meinen Eltern anvertraut habe. Und ich weiß auch, dass es sie verletzt hat. Das möchte ich für meine Person verhindern. Und ich habe es ernst gemeint, so wie ich es gesagt habe.

Es war das erste Mal, dass wir Jeannett vermissten. Es wird nicht das letzte Mal bleiben. Aber niemand, der keine Kinder hat, kann sich vorstellen, was es bedeutet, wenn man sich Sorgen macht.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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