Streit und Versöhnung

Wenn leibliche Eltern mit ihren pubertierenden Jugendlichen streiten, ist das zwar stressig, aber die Kinder wissen, wo sie hin gehören. Pflegeeltern müssen immer befürchten, dass ihre Pflegekinder spontan zu ihrer leiblichen Familie zurückkehren und sie dann erneut verwahrlosen.

Diese Befürchtung haben wir heute anlässlich eines Streits. Es ist der letzte Tag bevor Jeannett ihre Abschieds-Klassenfahrt antritt. Es ist für sie viel zu tun, denn wir werden nicht dulden, dass sie ihr Zimmer im Chaos hinterlässt. Aber Jeannett hat schon geplant, nachmittags mit einer Freundin ein Fußballspiel unserer Dorfmannschaft zu besuchen.

Als die Zeit kommt, dass sie gehen möchte, inspizieren wir ihr Zimmer. Der Fußboden ist leer und sauber. aber als wir die Schranktüren öffnen, quillt uns alles entgegen: Schulhefte, schmutzige Kleidung mit sauberer vermischt, gebrauchte Binden…

„Sieh dir das mal an“, raunt Ruth mir zu. Jeannett schlängelt sich an uns vorbei ins Zimmer und stellt sich vor uns in Pose. „Was ist denn“, zickt sie uns an, „es ist doch alles in Ordnung!“ „Jeannett, du hast ja nur alles in die Schränke gestopft“, spricht Ruth sie an. „Das kann so nicht bleiben. Wenn du nach Hause kommst, stehst du wieder im Chaos!“ „Na und“, brüllt Jeannett jetzt aus Leibeskräften, „Es ist mein Zimmer und ich habe es aufgeräumt!“ Sie will sich durchdrängeln um zu verschwinden, aber Ruth hält sie zurück. Da passiert es. Jeannett reißt die Fotos von unseren gemeinsamen Urlauben von der Wand und schleudert sie in Richtung Tür. Eine Kiste, in der sich die Fotos aus ihrer Kindheit befinden, folgt samt Inhalt. Sie tobt und schreit.

Ich halte es nicht mehr aus. Ich muss eine Runde im Karree laufen, mir eine Packung Zigaretten holen. Da öffnet sich das Fenster zu Jeannetts Zimmer. Sie streckt ihren Kopf heraus, das Gesicht wutverzerrt. „So ist´s richtig, jetzt haust du auch noch ab!“, brüllt sie mich an. Als ich nach zehn Minuten zurückkomme, ist sie weg.

Wir haben die Befürchtung, dass Jeannett nicht wieder kommt. Andererseits hat sie schon die Erfahrung gemacht, dass sie in Obhut genommen wird, also ins Heim kommt, wenn sie einfach so verschwindet. Es ist auch ein Symbol, dass sie unsere Urlaubsfotos und die, die sie von ihrer leiblichen Mutter bekommen hat, nach uns wirft. Es zeigt, wie alles in ihr im Chaos ist, wie wenig ihre Gegenwart und Vergangenheit noch von einander trennen kann. Wenn sie geht und die Bindung zu uns abbricht, wird sie nie wieder gesund.

Natürlich fragen wir uns nach einem solchen Streit: Hätten wir anders reagieren sollen, wie hätten wir die Situation entschärfen können? Ruth und ich sitzen zusammen und besprechen das Geschehnis. „Natürlich war es nicht richtig“, gebe ich zu, „dass ich dich habe allein hier sitzen lassen. aber ich konnte einfach nicht mehr.“ „Mir ist es genauso gegangen“, antwortet mir Ruth bedauernd, „Ich bin einfach nur in die Küche geflüchtet.“ „Ich hätte eingreifen müssen“, überlege ich, „und uns alle an einen Tisch bringen. Vielleicht hätten wir die Situation so entschärfen und einen Kompromiss finden können. Vielleicht hätten wir herausbekommen, warum Jeannett in diesem Augenblick so wütend war.“ „Mach dir keine Vorwürfe“, beschwichtigt mich Ruth. „Meinst du, Jeannett hätte in dieser Situation mit dir geredet? Ich glaube nicht. Dazu war sie viel zu aufgewühlt.“ „Aber jedenfalls sollten wir uns eine Strategie für ähnliche Situationen zurechtlegen“, schlage ich vor. „Wenn einer von uns in der Auseinandersetzung mit Jeannett ist, kann man nicht mehr klar denken, das geht mir genauso. Dann sollte der andere eingreifen, so dass wir uns praktisch ablösen. Vielleicht kann der Andere dann die Aggressionen runterfahren.“ „Das ist eine gute Idee“, stimmt Ruth zu, „Das machen wir in Zukunft so.“

Später am Nachmittag erscheint Jeannett wieder. Sie fällt Ruth in die Arme. „Eigentlich will ich gar nicht so sein“, schnurrt sie. „Ich glaube, wir sind uns einfach zu ähnlich und dann kommt es zu Streit. Ich denke dann immer an früher, wie es bei uns zu Hause war. Es tut mir echt Leid.“

Sie hat es geschafft! Jeannett hat den Übersprung zwischen ihrer alltagsnahen und ihrer emotionalen Persönlichkeit geschafft, sie hat es geschafft, sie zusammen zu bringen! Aber wie lange wird das anhalten?

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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