Keine Einsicht

Pflegeeltern von Pflegekindern in der Pubertät stellen bald fest, dass diese Grenzen austesten und dabei so manchen Fehler machen. Dann ist es an der Zeit, diese Fehler zu besprechen und sie zu der Einsicht zu bringen, dass diese Fehler möglichst vermieden werden. Was aber, wenn die Pflegekinder eben diese Einsicht verweigern?

Heute ist Susann bei uns zu Besuch. Jeannett nimmt sie ohne unser Wissen mit nach Lüneburg, um ihre Freunde zu treffen. Als sie zurück kommen, erzählt Susann uns, dass Jeannett sie auf der Hinfahrt dazu angestiftet hat, keinen Fahrschein zu kaufen. „Auf der Rückfahrt war es mir zu unheimlich, da hab ich dann einen Fahrschein von meinem Taschengeld bezahlt“, gesteht sie uns. „Das mit Jeannett hier gefällt mir alles nicht“, beichtet sie uns. „Die macht so viel Scheiß, da möchte ich nicht mit reingezogen werden.“ Auf ihren Wunsch beschließen wir, sie früher auf den Zug zu ihrer Einrichtung zu setzen, als geplant war.

Nun haben wir die Möglichkeit, mit Jeannett zu reden. „Jeannett, wie kommst du eigentlich dazu, mit Susann nach Lüneburg zu fahren, ohne dass wir davon wussten?“, erkundige ich mich. „Ihr müsst ja nicht alles wissen“, keift sie uns an, „und ihr hättet bestimmt nicht zugestimmt, wenn wir euch gefragt hätten.“ „Und warum hat Susann nicht bezahlt?“, will ich weiter wissen. „Na, sie hatte ja kaum Geld“, antwortet sie ziemlich laut, „und so schlimm ist das ja auch nicht, machen doch alle. Ist ja auch nichts passiert.“ „Und wenn was passiert wäre, wenn ihr kontrolliert worden wärt, wer hätte euch da rausholen müssen?“, erwidere ich scharf. Jeannett blickt vor sich auf den Tisch.

„Und da wir gerade dabei sind“, fahre ich fort, mit der Telefonrechnung und dem Einzelverbindungsnachweis für die Telefonate wedelnd, „was ist eigentlich das hier?“ „Was soll das schon sein, irgend welche Rechnungen“, antwortet sie bockig. „Möchtest du dir das mal ansehen?“, frage ich nun ruhiger und halte sie ihr vor die Nase. „Zweihundertachtunddreißig Euro, mehr als ds Fünffache einer normalen Telefonrechnung. Jede Menge Telefonate zu Mobiltelefonen, eine Stunde, zwei Stunden, alles zwischen zehn und zwei Uhr nachts. Hast du uns nun etwas zu sagen?“

Jeannett wendet ruckartig den Kopf zur Seite, so dass sie die Papiere nicht sehen muss. Wieder entwickelt sich diese Zornesfalte zwischen ihren Augen, ihr Blick ist finster. „Ist doch egal“, schreit sie, „Ihr bekommt doch so viel Geld für mich! Warum macht ihr da so einen Aufstand!“ „Jeannett, es geht nicht ums Geld“, argumentiere ich. „Du telefonierst stundenlang nachts, während wir denken, du schläfst. Wir fühlen uns von dir einfach verschaukelt, du machst nur noch, was du willst. Wir vertrauen dir und du missbrauchst unser Vertrauen.“ „Nie habe ich gesagt, dass ich mich an eure bescheuerten Regeln halten werde“, erwidert sie scharf. „Wenn ihr mir vertraut, ist das euer Problem.“

Es reicht mir. Wortlos betrete ich ihr Zimmer, ziehe die Leitung aus der Telefondose, entferne die Basisstation und schließe sie in mein Büro ein. Jeannett heult und wimmert und knallt ihre Tür.

Ein bisschen tut sie mir schon Leid, aber es muss sein. Das hier ist keine Auseinandersetzung zwischen Vater und Tochter, es ist die Nichtachtung eines Menschen  gegenüber anderen Menschen. Jeannett muss lernen, dass auch (Pflege-)Eltern ein Anrecht auf Betroffenheit haben und sich verletzt fühlen dürfen. Wenn sie sich entschuldigt und Reue zeigt, so habe ich mit Ruth besprochen, bekommt sie den Telefonanschluss wieder. Bis dahin muss sie fragen, ob sie von unserem Anschluss aus telefonieren darf und das Telefon muss danach gleich wieder zu uns auf die Station.

Erziehung, so hat man uns gelehrt, beginnt dort, wo die Folgen eigenen Handelns unmittelbar zu spüren sind. Ob die Folgen allerdings zur Einsicht und Änderung des Verhaltens führen, ist ungewiss.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Keine Einsicht

  1. Andrea schreibt:

    Aber was tun wenn nichts angenommen wird. Unser Pflegesohn ist 9 und macht sobald keiner von uns da ist, Schule oder nur außer Sichtweite, was er will. Ist er noch zu jung um es ihm begreiflich machen zu können?

    • Sir Ralph schreibt:

      Andrea, bei uns fing es mit 14 an. Es ist immer die Frage, was ein Kind bereits erlebt hat und ob es eine Bindung zu den Pflegeeltern aufbauen kann. Prinzipiell haben (Pflege-)Eltern wenig Einfuss darauf, was ein Kind macht, wenn es nicht zu Hause ist. Es braucht immer wieder Überzeugungsarbeit. Und dennoch besitzen traumatisierte Kinder meist nicht die normative Instanz, die ihnen sagt, was richtig und was falsch ist.

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