Viel Lob und eine Mutprobe

Pflegeeltern brauchen auch einmal ein Wort des Lobes, wenn die Zeiten mit dem Pflegekindern schwerer werden. Es gibt ihnen Kraft, weiter für ihre Kinder da zu sein.

Genau das passiert heute von unerwarteter Seite, nämlich vom Jugendamt. Frau Gerster ruft an. Sie hat sich von der Notfallkollegin informieren lassen. „Jeannett tut ja wirklich alles, um ihren Willen durchzusetzen“, offenbart sie ihr Wissen. „Sie hat alles Mögliche erzählt. Sie sei geschlagen und eingesperrt worden. Aber meine Kollegin hat das zum Glück richtig eingeschätzt, auch, weil Jeannett sich um nichts in der Welt in Obhut nehmen lassen wollte.“

„Ich finde es wirklich gut, wie sie mit den ganzen Problemen umgehen“, fährt sie fort. „Es ist doch ein gutes Zeichen, dass sie Ihnen vertraut und immer Ihre Hilfe sucht.“

Es soll nicht lange dauern, bis unsere Hilfe erneut gefordert wird. Jeannettist mit Freunden in Lüneburg unterwegs. Von dort aus ruft sie an. „Daddy, kannst du mich abholen? Ich habe getrunken und kann nicht mehr richtig laufen. Bitte!!!“

Also setze ich mich ins Auto und fahre los. Am Bahnhof treffe ich sie, sehe sie leicht schwanken. Ein Geruch von Alkohol geht ihr voraus.

„Wie konnte dir denn das passieren?“, frage ich entsetzt. „Naja, es war eine Mutprobe. Ich habe einfach die Whiskyflasche genommen und sie halb ausgetrunken.“ „Und, wie fühlst du dich jetzt?“ „Ziemlich Scheiße“, antwortet sie mir aus voller Überzeugung, „das war das letzte Mal. Das gibt es für mich nicht wieder.“ Zu Hause angekommen, verschwindet sie in ihr Bett und schläft den Rausch aus.

Irgendwie ist es mir unbegreiflich, wie ein junger Mensch, der sonst nei Alkohol getrunken hat, plötzlich eine Whiskyflasche ansetzt und halb leer trinkt. Aber ich kann mich erinnern, gehört zu haben, dass traumatisierte Kinder oft keine Schmerzen spüren und sie auch keinen Geschmack haben. Dazu Jeannetts Mittelpunktstrebigkeit, das sich Beweisenmüssen vor anderen, das zusammen genommen dazu geführt haben könnte.

Bei allen Problemen, mit denen wir es noch zu tun bekommen werden, ist allerdings das Suchtproblem Gott sei Dank noch das Geringste.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Viel Lob und eine Mutprobe

  1. NinoGelo schreibt:

    du schreibt so offen! klasse!
    lieben gruß aus dem norden.

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