Grenzen austesten?

Wie andere pubertierende Jugendliche auch, testen traumatisierte Pflegekinder Grenzen aus. Das ist normal. Aber Pflegeeltern stehen immer in der Verantwortung gegenüber dem Jugendamt. Und ihre Pflegekinder tragen einen Rucksack aus ihrer Kindheit, der immer wieder sich unversehens zu öffnen droht.

Bei Jeannett zeigt sich das Grenzen austesten sehr plötzlich. Um neun ruft sie vom Schulfest aus an und möchte länger bleiben, weil es so schön ist. Ich stimme zu, vorausgesetzt, das sie um halb zehn los fährt. Um zehn ruft sie erneut an. „Daddy, ich bin hier an der Bushaltestelle, aber der Bus kommt erst um viertel vor elf. Ich wollte dir nur Bescheid sagen.“ Um elf ist sie endlich zu Hause.

Am nächsten Tag geht sie immerhin pünktlich zur Schule. Nachmittags sind Schwägerin Sarah und Oma zu Gast bei uns. Der Himmel trübt sich ein und es gewittert. Jeannett ist bei Freunden in Lüneburg und will am späten Nachmittag zu Hause sein.

Mitten in unser gemütliches Beisammensein klingelt ds Telefon. Es ist Jeannett. „Daddy, du musst mich abholen. Es gewittert so doll.“ „Jeannett, wie stellst du dir das vor? Wir haben Gäste, ichmöchte sie nicht alleine lassen. Du musst mit dem Bus fahren.“ „Dann rufe ich den Kindernotdienst“ brüllt sie ins Telefon und legt auf.

Wenig später meldet sich der Kindrenotdienst bei uns. „Jeannett hat uns angerufen und uns gesagt, Sie wollen sie nicht abholen. Das finde ich auch richtig so, schließlich kann sie alleine nach Hause fahren, es ist ja noch nicht spät. Sie will aber zu Ihnen zurück, sie will sich nicht in Obhut begeben. Ich habe ihr gesagt, sie muss um zehn zu Hause sein.“

Kaum hat die Notdienstsachbearbeiterin aufgelegt, klingelt das Telefon erneut. Wieder ist es Jeannett. „Daddy, ich kann nicht mehr. Hier fährt kein Bus mehr, es blitzt und donnert, alles ist überschwemmt. Bitte komm mich abholen!“, fleht sie mit tränenerstickter Stimme. Es scheint wirklich ein Problem zu geben. also mache ich mich auf den Weg. Auf der Fahrt schlägt der Regen gegen die Windschutzscheibe. Abgebrochene Äste liegen am Straßenrand. Blitze zucken. Donner grollt. In Lüneburg angekommen, finde ich zwei Busse am Bahnhof vor. „Nicht einsteigen“ leuchtet ihr Frontdisplay. Da schleicht eine Person unter dem Bahnhofsdach hervor in Richtung meines Autos. Es ist Jeannett. Sie ist völlig durchnässt und zittert.

Auf dem Heimweg muss ich anhalten, um mit Jeannett zu sprechen. Sie ist völlig durcheinander. „Nichts ist mehr wie früher“, sagt sie leise, den Blick auf den Boden vor sich gerichtet. „Ich will jetzt erwachsen werden, aber es ist so schwer! Ich habe angefangen zu rauchen, und ich kann es nicht mehr lassen.“ „Das ist nicht gut“, kommentiere ich. „Rauchen ist kein Zeichen dafür, dass du erwachsen bist. Erwachsen zu sein, bedeutet, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen und durchdacht zu handeln und zu entscheiden.“ „Ich weiß“, stimmt sie mir bedrückt zu, „deshalb ist es ja so schwer.“ Ich lasse den Motor an und wir machen uns auf den Heimweg, ohne noch ein weiteres Wort zu wechseln. Zu Hause angekommen, verkriecht sie sich wortlos in ihrem Zimmer.

Es scheint, als ob Jeannett die Familie ihrer Freundin als Ersatzfamilie für uns ansieht. Sie ordnet sich widerspruchslos und distanzlos ein und unter, sie idealisiert die Situation. Dennoch sind wir mit unserer Familie Realität.

Für uns bedeutet die neue Situation auch einen Lernprozess. Wir erfahren, dass wir weniger erziehen, sondern mehr begleiten auf dem Weg ins „richtige Leben“. So wird unsere Aufgabe für die Zukunft wohl aussehen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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