Wie weiter mit der Schule?

Die Schule ist immer ein Problem bei Pflegekindern. Die Pflegeeltern sind verpflichtet, die Kinder dazu anzuhalten, die Schule zu besuchen. Aber häufig gibt es ganz andere Probleme als die Schule für diese Kinder. Wo komme ich her? Wie schaffe ich den Spagat zwischen meinen leiblichen und den Pflegeeltern? Was passiert jetzt gerade während der Pubertät mit mir?

Wieder einmal sitze ich Jeannetts Klassenlehrerin in der Schule gegenüber. „Jeannett stört zwar nicht den Unterricht, aber sie distanziert sich auch nicht“, berichtet sie. „Es scheint sie eher zu belustigen, wie andere den Unterricht stören. Sie führt auch kaum Hefter und hält gesetzte Termine nicht ein. Arbeitsmaterial hat sie selten dabei und zeigt auch keine Reue. Mitschriften macht sie so gut wie gar nicht.“

Ok, Jeannett ist keine Musterschülerin. Und sie gehört nicht zu denen, die den Unterricht stützen. Das ist wohl die Mehrheit. Damit muss man als Lehrer klar kommen.

Abends sprechen wir Jeannett darauf an. „Ich war heute in der Schule und habe mit deiner Klassenlehrerin gesprochen“, beginne ich das Gespräch. „Sie ist der Meinung, du könntest mehr leisten, wenn du die Schule ernster nehmen würdest.“ „Was hat euch das zu interessieren?“, brüllt sie. „Warum redest du überhaupt mit anderen Leuten über mich?“ Jeannett, das ist eine unserer Aufgaben“, versuche ich so ruhig wie möglich zu antworten. „Du weißt, dass es auch Mitschüler in der Klasse gibt, die wirklich etwas erreichen wollen und die immer mitarbeiten. Warum hälst du dich nicht an die, anstatt an die, die null Bock auf Schule haben?“

Jeannett wird jetzt sehr wütend. Zwischen ihren Augen bildet sich eine Zornesfalte und ihr Blick wird finster. „Ihr sollt euch nicht in meine schulischen Angelegenheiten einmischen!“, tobt sie. „Ich will nicht mit den anderen verglichen werden! Ich mache mein eigenes Ding!“

Türenschlagen, Ruhe.

Am Samstag darauf fahren wir zur einige Kilometer entfernten Berufsschule. Dort findet eine Bildungsmesse statt, wo die unterschiedlichen Berufsbilder, Ausbildungsberufe und schulischen Ausbildungen vorgestellt werden. Jeannett sieht sich interessiert die Stellwände an und sammelt Prospekte. Eine Lehrerin spricht sie an. Sie erklärt ihr die Chancen, die es für sie gibt.

„Wenn du einen erweiterten Hauptschulabschluss bekommst“, erläutert die nette junge Frau, „kannst du sofort mit der schulischen Ausbildung zur Sozialallsistentin beginnen, nachdem du ein Praktikum absolviert hast. Die Ausbildung dauert zwei Jahre, und wenn du einen guten Notendurchschnitt erreichst, bekommst du die Mittlere Reife und kannst die Fachoberschule besuchen und dich zur Erzieherin ausbilden lassen. Solltest du die Mittlere Reife schon haben, kannst du gleich die Fachoberschule besuchen. Danach kannst du an einer Fachhochschule studieren.“ Jeannetts Augen beginnen zu leuchten. „Das würde mir gefallen, Daddy“, flüstert sie mir zu.

Zu Hause angekommen, greife ich das Thema auf. „Das würde bedeuten“, erkläre ich ihr, „dass du ab jetzt die Schule ernst nimmst und tust, was notwendig ist.“ Aber was ist, wenn ich in die Klinik gehen will?“, wendet sie ein. „Ich will danach nicht wieder an die alte Schule zurück. Es gibt eine gute freie Schule ganz in unserer Nähe. Nicole, meine Freundin ist schon da, und es gefällt ihr gut.“ „Jeannett, das kostet aber richtig Geld“, antworte ich. „Außerdem bleibt das Problem dasselbe: Das Schuljahr hätte schon begonnen, wenn du aus der Klinik zurück wärst.“ Jeannetts Gesicht verfinstert sich. „Es ist alles so Scheiße!“, brüllt sie mich an. „Warum muss das alles so kompliziert sein? Und warum wollt ihr nicht das Geld ausgeben, damit ich mir die Schule aussuchen kann? Bin ich das nicht wert?“ Sie verschwindet in ihr Zimmer. Erst als wir abends gemütlich vor dem Fernseher verbringen, kommt sie zu uns und kuschelt sich an uns.

Schule ist bei pubertierenden Pflegekindern immer wieder für Auseinandersetzungen gut. Es ist eine nicht begreifbare Besonderheit des Schulsystems, dass die Zeiten der wichtigsten Weichenstellungen für das Berufsleben ausgerechnet in die Pubertät der jungen Menschen fallen. Eine Zeitspanne, die für Pflegekinder bedeutet, nach ihren Wurzeln zu suchen und sich mit ihrer Herkunftsfamilie zu beschäftigen. Der Zeitpunkt könnte schlechter nicht sein.

Wir erkennen jedoch, dass Jeannett sich mit ihrer beruflichen Entwicklung auseinandersetzt und sich überlegt, wie es weiter gehen könnte. Es könnte ei stabilisierender Faktor daraus werden. Wenn da nicht ständig ihre Vergangenheit wäre, die sie immer wieder einholt, so lange sie nicht aufgearbeitet ist.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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