Jeannett leidet

Es ist für Pflegeeltern nicht immer leicht festzustellen, ob ihre Pflegekinder wirklich krank sind, wenn sie sagen, sie haben Schmerzen, oder ob es nur ein Weg ist, einer unangenehmen Situation wie dem Schulbesuch aus dem Wege zu gehen. Da Pflegeeltern immer in einer besonderen Verantwortung sind, müssen sie ernst nehmen, wenn ihre Pflegekinder über Schmerzen klagen.

Jeannett klagt schon seit einiger Zeit über Kopfschmerzen. Ich drücke und klopfe gegen die Nebenhöhlen und sie schreit auf vor Schmerz. Also suchen wir einen Hals-Nasen-Ohrenarzt auf. Der untersucht die Nebenhöhlen mit Ultraschall.

Der ältere, besonnene Arzt lächelt milde und erklärt uns Jeannetts Zustand. „Jeannett, du hast da eine kleine, abklingende Entzündung in deinen Nebenhöhlen, aber es ist unwahrscheinlich, dass das solche Kopfschmerzen verursacht. Die Stirnhöhlen sind frei. Ich verordne dir jetzt mal ein Antibiotikum, das du für die nächsten drei Tage nimmst. Dann sollte alles besser sein.“

Aber Besserung setzt nicht ein. Jeannett klagt über Kopf- und Bauchschmerzen, die durchaus eine folge der Antibiotikagabe sein können. Nach drei Tagen weigert sich Jeannett, zur Schule zu gehen. Ich kann sie nicht dazu bewegen, den Unterricht durchzuhalten. Also suchen wir erneut den HNO auf. Bevor Jeannett untersucht wird, spreche ich allein mit dem Arzt.

„Ich habe beobachtet“, erkläre ich ihm, „dass Jeannett einen erheblichen sekundären Krankheitsgewinn aus ihrem Zustand zieht. Ich bestreite gar nicht, dass sie sich nicht wohl fühlt oder Schmerzen hat, aber sie kann damit den Schulbesuch vermeiden.“ „Das haben Sie gut beobachtet“, erwidert der Arzt. „Jeannett somatisiert. Das heißt, dass ihr psychischer Zustand ihr tatsächliche Schmerzen verursacht, für die es aber keinen medizinischen Grund gibt. Das heißt, Jeannett ist schulfähig. Bis Montag hat dann auch ds Antibiotikum seine Wirkung getan.“

Dann bittet er Jeannett hinein. Er macht eine erneute Ultraschalluntersuchung und einen Klopftest. Dann wendet er sich an Jeannett und blickt sie über den Rand seiner Brille an. „Die Entzündung ist fast weg. Du kannst nach dem Wochenende zur Schule gehen. Und die Schule ist jetzt das allerwichtigste für dich.“ Jeannett schaut betroffen und peinlich berührt vor sich auf den Boden. Auf der Rückfahrt im Auto ergreift sie die Gelegenheit, sich zu erklären. „Daddy, ich gehe ja eigentlich gern zur Schule. Aber da sind immer diese Schmerzen, und dann kann ich mich nicht konzentrieren.“ „Jeannett, das verstehe ich ja“, erwidere ich. „Aber du kannst nicht Wochen oder Monate lang nicht zur Schule gehen. Du hast gehört, was der Arzt gesagt hat.“ Jeannett verstummt und blickt finster.

Jeannett leidet. Sie leidet unter dem Konflikt, dem sie durch den Kindesvater ausgelöst wird. Das verursacht ihr nicht nur seelische Schmerzen, sie spürt den Schmerz auch körperlich. Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder der Grund für ihr Leid muss beseitigt werden, oder sie muss damit leben.

Wir haben uns entschieden, sie auf diesem schweren Weg zu begleiten. Es wird keine schnelle Lösung geben.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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