Schulangst

Pflegeeltern haben wenig Rechte aber viel Pflichten. Eine der Pflichten ist es, sicher zu stellen, dass ihre Pflegekinder regelmäßig die Schule besuchen. Die Schulbürokratie schont die traumatisierten Kinder in keiner Weise.

Heute wecke ich Jeannett rechtzeitig, um sich für die Schule fertig zu machen. Aber beim Frühstück sitzt sie, redet kaum und frühstückt nicht. Ich fahre sie zur Schule. Sie lässt es geschehen. Je mehr wir uns der Schule nähern, desto nervöser wird sie. Als ich den Wagen vor dem Schultor stoppe, rollen Tränen ihre Wangen herunter.

„Daddy, ich kann da nicht reingehen!“, tut sie ihre Entschlossenheit kund. „Ich muss in diese Klasse, die fragen mich alle, warum ich so lange nicht da war, ob ich krank wäre, vielleicht verrückt. Immer muss ich mich rechtfertigen vor meinen Klassenkameraden und den Lehrern.“

„Jeannett“, spreche ich sie an und sehe ihr dabei tief in die Augen, „du musst da rein. Du bist doch sonst so stark. Du hast keine andere Wahl.“ Sie wendet ihren Blick ab und senkt ihren Kopf. „Und was ist, wenn ich einfach abhaue und mich mit den anderen im Einkaufszentrum rumtreibe?“

Welch eine Perspektive! Schon viel habe ich über Schulschwänzer gehört, habe über sie gerichtet, aber mich nie mit den Gründen dafür befasst. Sie sind diejenigen, die einfach aus diesem System heraus gefallen sind, die man mit Androhung von Strafen zu reintegrieren versucht, aber ohne nennenswerten Erfolg. zum ersten Mal sehe ich die Sache von der anderen Seite. Was bietet das Schulsystem schon den abtrünnigen Jugendlichen? Eine Zwangsgemeinschaft, die auf Leistung ausgerichtet ist, anstatt auf Selbstfindung.

Besonders für Pflegekinder steht Schule meist nicht an erster Stelle, wie die Gesellschaft es verlangt. Für sie ist es viel wichtiger, herauszufinden, warum ihre leibliche Familie nicht in der Lage war, sie bis zur Volljährigkeit zu begleiten und zu versorgen. Häufig müssen sie erst einmal feststellen, wer alles zu ihrer leiblichen Familie gehört. Schule und die geforderten Leistungen und das Wohlverhalten rangieren da an hinterster Stelle. Traumatisierte Pflegekinder müssen darüber hinaus ihre vielfachen seelischen Verletzungen aufarbeiten.

Jeannett bleibt heute in der Schule und kommt danach nach Hause. Irgendwie glaube ich, dass ds mein Verdienst ist.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Schulangst

  1. NinoGelo schreibt:

    glaub´ ich auch – + jeannettens = ein starkes Team!

    • Sir Ralph schreibt:

      Wir probieren unser Möglichstes, aber wir sehen immer wieder, dass Jeannett durch ihr objektives Leiden immer wieder Schwierigkeiten in der Schule hat…

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