Kindesvater taucht wieder auf

Es gibt Dinge, für die bräuchten Pflegeeltern einen großen Radiergummi, um sie einfach aus dem Leben ihrer Pflegekinder auszuradieren. So etwas ist die SMS, die Jeannett heute von ihrem Vater bekommt.

Jeannetts Handy piept. Pieppiep – pieppiep – pieppiep! Fast aufdringlich, ungeduldig. Sie öffnet die SMS und erblasst. „Bin wieder zu Hause. Ruf mich an! Papa“ liest sie uns vor. Es klingt befehlsmäßig. Tränen rollen aus ihren Augen. Sie beginnt, leicht zu zittern. „Daddy, Mamma, ich habe Angst!“, flüstert sie Hilfe suchend.

Das Handy meldet sich erneut. Langes, wiederholtes Piepen – pieeeep – pieeeep -pieeep! Jeannett beantwortet den Anruf. Es ist Susann.

„Jeannett, hast du eben auch die SMS von Papa bekommen? Er ist wieder zu Hause! Rufst du ihn gleich an?“ Jeannett laufen erneut die Tränen die Wangen hinunter. Ein entschlossener Druck auf die Taste mit dem roten Hörer.

Es dauert keine zehn Sekunden, bis das Telefon wieder einen Anruf signalisiert. Jeannett nimmt ihn an. „Jeannett, eyyy! Du warst die jenige, die Papa traurig gemacht hat! Ruf ihn an und entschuldige dich!“

„Was soll das?“, brüllt Jeannett ins Telefon. „Ich war gar nicht Schuld!“

„Na klar“, schallt es aus dem Hörer. „Du hast dich mit Elvira herumgezankt, am Telefon, und du weißt, das Papa das gar nicht leiden kann, wenn jemand seine Freundin angreift!“

Bevor die Situation noch mehr eskaliert, ergreife ich das Telefon. „Susann, hier ist Nico. Ich möchte dir etwas erklären“, beginne ich bewusst ruhig. „Nicht nur dein Vater fühlt sich verletzt. Auch Jeannett geht es nicht gut. Dein Vater hat sich eine Auszeit genommen und ist nicht zu erreichen gewesen. Dieses Recht hat Jeannet jetzt auch. Sie braucht jetzt auch Zeit, um sich zu entscheiden. Das ist nur fair.“

„Eigentlich hast du Recht, Daddy“, lenkt sie nun ein. „Ich möchte nur, dass sich Jeannett alles gut überlegt. Es ist doch schließlich unser Vater.“

Tags darauf geht es Jeannett schlecht. Sie ist fahrig, unkonzentriert, unfähig, sich in diesem Zustand auf den Schulunterricht zu konzentrieren. Meist sitzt sie morgens bei Lampenschein zusammengekauert auf ihrem Bett und grübelt. Die Ärztin schreibt sie bis zum Ende der Woche krank, obwohl die Woche gerade begonnen hat. Immer wieder klagt sie über Träume, in denen die leibliche Familie und wir als Pflegefamilie ihr erscheinen. Sie spürt einen ständigen Druck im Kopf und ihr ist schwindelig. Sie hört in ihrem Dämmerzustand Schritte auf einer Treppe, die sie ängstigen, aber sie kann sich nicht daran erinnern, welches Ereignis diese Erscheinung auslöst.

Für uns ist das alles unglaublich. Da taucht der Kindesvater wieder aus dem Nichts auf, ruft Susann an und fordert über die Schwester eine Entschuldigung von Jeannett. Die weiß nur von ihrem Vater, worum es sich überhaupt handelt und spricht mit Jeannett, um den Druck weiter zu geben. Es ist offensichtlich, dass er, anstatt mit uns zusammen zu arbeiten, Intrigen spinnt und sein eigenes Ding macht. Wie immer interessiert ihn das Wohl seiner Tochter nicht im Geringsten.

Alles geht wieder von vorne los, nachdem Jeannett auf dem guten Weg war, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten und ihre eigenen Erkenntnisse für sich zu nutzen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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