Der Preis der „Normalität“

Pflegeeltern können von Glück sagen, wenn ihre Pflegekinder nicht traumatisiert sind. Und traumatisierte Pflegekinder wünschen sich nichts sehnlicher, als als normale Kinder zu gelten.

Aber ihr Verhalten spricht eine andere Sprache. Sie sind Menschen, die auf Grund ihrer Erfahrungen besonders sind. So besonders, liebenswert, aber auch kompliziert, ist auch Jeannett. Im Alltag versucht sie, sich durchzukämpfen, ringt um Anerkennung, versucht, fröhlich zu sein. Sie könnte es schaffen. Aber abends, nachts und morgens kehren unwillkürlich die Erinnerungen zurück. Sie ist traurig und kann nicht schlafen.

„Daddy, ich will nicht in die Klinik“, erklärt sie mir heute. „Ich will nicht mit lauter kranken Menschen zusammen sein. Ich bin doch eigentlich ganz normal.“

„Jeannett, warum geht es dir dann häufig so schlecht?“, entscheide ich mich jetzt, das Problem auf den Punkt zu bringen. „Sei doch mal ehrlich, du spielst ’normales Mädchen‘, so wie du es auch den beiden Therapeutinnen vorgespielt hast.“ Jeannetts Gesicht verfinstert sich. „Ja, das ist doch aber nur wegen meinem Vater. Immer muss ich mich entscheiden, zwischen ihm und euch.“ „Deshalb ist es so wichtig, dass du in einer guten Klinik zusammen mit verständnisvollen Ärzten aufarbeitst, was in deiner Kindheit passiert ist.

Ein Moment Stille. Dann platzt es aus ihr heraus. „Ach, davon will ich gar nichts wissen!“

„Jeannett“, werde ich jetzt deutlicher, „wenn du so sein willst wie andere, musst du auch alle Verpflichtungen übernehmen, die für die anderen normal sind. Regelmäßig zur Schule gehen, Referate halten, dich auf Klassenarbeiten vorbereiten, nachmittags für die Schule lernen. Du weißt, dass deine Versetzung am seidenen Faden hängt.“ „Das will ich ja, aber ich kann nicht. Da sind alle diese Gedanken!“

„Die andere Möglichkeit ist“, setze ich, ohne auf sie einzugehen, fort, „du akzeptierst,dass Hilfe für dich gut wäre und gehst in die Klinik. Du weißt, dass wir dich unterstützen und so oft es geht, bei dir sind. In den Ferien könnten wir sogar in deiner Nähe wohnen. Du brauchst wirklich keine Angst zu haben.“

Jeannett beugt den Kopf und schlägt die Augen nieder. „Ja, Daddy, eigentlich weiß ich schon lange, dass ich Hilfe brauche“, gibt sie zu. „Aber wie soll ich das meinen Klassenkameraden und meinen Freundinnen erklären, dass ich in die Klapse muss? Wenn ich wieder komme, hab ich doch keine Freunde mehr. Und in meiner Klasse kann ich auch nicht bleiben.“

Sie dreht den Kopf zu mir und blickt mich traurig an. Ich sehe ihr tief in die Augen. „Sieh es doch mal so, Jeannett“, spreche ich leise, „Du hast damit die Möglichkeit zu einem Neubeginn. Du wirst vielleicht ein völlig neuer Mensch sein.“

Jeannett legt ihre Stirn in Falten. Keine Spur von Zorn oder Ablehnung, einfach nur Nachdenklichkeit. „Vielleicht ist es das Beste“, überlegt sie. „Früher bin ich mit allen Problemen allein fertig geworden, aber seit ein paar Wochen merke ich, dass das nicht mehr klappt. Früher war ich so stark, und heute bin ich so schwach.“

Tief im Inneren weiß Jeannett schon, was mit ihr los ist. Sie kann es nur nicht zugeben. Vor allem fällt es ihr schwer, Vertrauen zu Menschen aufzubauen. Mir vertraut sie und kann akzeptieren, was ich ihr zu sagen habe. Das ist ein gutes Zeichen.

In mir keimt die Hoffnung, dass Jeannet sich doch dazu entschließen könnte, einem in eine ambulante Therapie eingebetteten stationären Aufenthalt zuzustimmen. Aber sie ist wankelmütig. Wir würden es schaffen, wenn der leibliche Vater aufhören würde, sie ständig beeinflussen zu wollen.

Advertisements

Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
Dieser Beitrag wurde unter Konkurrenz macht krank abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s