Besichtigung der Station

Pflegeeltern versuchen stets, ihren Pflegekindern das Beste angedeihen zu lassen. Bei Jeannett sehen wir, dass der Einfluss des Kindesvaters ihr schadet. Wir erhoffen uns, dass sie den Konflikt, den sie erleiden muss, besser bewältigen kann, wenn sie die Verletzungen ihrer Kindheit aufarbeiten kann. Deshalb besuchen wir heute die Klinik, die für unser Versorgungsgebiet zuständig ist.

Das Krankenhaus befindet sich weit außerhalb der Kreisstadt. Es gibt eine Reihe alter Gebäude, die zwischen Bäumen und Rasenflächen versteut sind. Alles macht eine ruhigen, gepflegten Eindruck. Nach einigen Minuten erreichen wir die Station für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die schwere Eingangstür ist verschlossen.

Eine nette Krankenschwester in Zivil öffnet uns. Wir sehen einen langen Flur, der sich zu einem großen Durchgangsraum öffnet. Eine Sitzecke steht da und gegenüber ein Fernseher, ausgeschaltet. Kinder und Jugendliche lümmeln sich teilnahmslos auf den Sitzmöbeln. Die Türen zu den weiteren Zimmern stehen offen. Wir blicken hinein. Jeweils drei Mädchen müssen sich eins dieser kleinen Zimmer teilen, der Platz für persönliche Dinge ist sehr begenzt.

„Ternsehen ist nur am Wochenende erlaubt“, informiert uns die Schwester, „und Handys sind abzugeben. Pro Tag gibt es eine Telefonzeit, während der die Mädchen unter Aufsicht telefonieren dürfen oder Sie anrufen können.“

Jeannetts Gesicht verfinstert sich, aber ich kann diese Maßnahmen verstehen. Endlich wäre Jeannett erlöst von den telefonischen Forderungen ihres Vaters! Auch kann ich verstehen, dass eine Therapie nur erfolgreich sein kann, wenn Störfaktoren ausgeschlossen sind.

Am Ende des großen Gemeinschaftsraumes verengt sich dieser zu einem dunklen Flur. Von hier aus gehen Türen aus, die zu den Sanitäreinrichtungen führen. Es gibt einen Dusch- und Waschraum und eine Toilette. Alles sieht aus wie in einem Museum. „Ist dies die einzige Dusche für diese vielen Patienten?“, frage ich vorsichtig. Die Antwort kommt prompt und ohne den Anflug von peinlichem Berührtsein. „Das stimmt. Wir haben nicht die Möglichkeit, dass jeder hier jeden Tag duschen könnte. Aber man kann sich ja auch mal waschen.“

Dann werden wir ins Dienstzimmer gebeten. Die Dienst habende Therapeutin ist anwesend und die Leiterin der Station. Ich schildere Jeannetts Situation und die Folgen der frühkindlichen Traumatisierung.

„Wir arbeiten mit Gruppentherapien und nur wenn nötig mit Einzeltherapien. Die Maßnahme würde drei bis sechs Monate dauern. Sie basiert auf tiefenpsychologischer Psychotherapie“, erklärt sie uns.

„Es ist ja offensichtlich“, erkläre ich nun, „dass Jeannett an den Folgen ihrer frühkindlichen Verletzungen leidet. Wir würden es begrüßen, wenn die Therapie traumatologisch orientiert wäre. Wenden Sie Methoden wie EMDR und andere traumatologische Verfahren an?“

„Ich selbst habe diese Ausbildung nicht“, gibt die Ärztin freimütig zu, „und diese Methoden finden bei uns nur selten Verwendung. Wir sind eben nicht auf die Behandlung von Traumata spezialisiert. Aber die zuständige Oberärztin hat sich auf dem Gebiet der Traumatologie einige Male fortgebildet.“

„Es wäre natürlich von großem Vorteil, wenn Jeannett eine passgenaue Therapie bekommen würde, die an ihren Erfahrungen ansetzt und ihr hilft, damit leben zu können.“

Schweigen.

„Außerdem“, fahre ich fort, „wäre es für uns unabdingbar, dass wir regelmäßig in die Therapie mit einbezogen würden. Schließlich geht es darum, auch Jeannetts Verhältnis zu uns und die Pflegschaft aufzuarbeiten. Da käme dann auch ihre Schwester ins Spiel, die ja sechs Jahre lang bei uns gewohnt hat.“

„Das sehen wir auch so. Wir bitten die Eltern, alle zwei Wochen an der Therapie mit teilzunehmen, um zu ergründen, wie die Bindung an Sie beschaffen ist. Natürlich würden wir auch die Schwester und die leiblichen Eltern mit einbeziehen.“

„Das würden wir uns auch wünschen“, stimme ich zu. „Aber der Kindesvater wohnt in Berlin und es ist für uns schwer vorstellbar, dass er einer für ihn so hoch frequenten Regelung zustimmen würde, abgesehen vom rein inhaltlichen Aspekt.“

„Mein Vater würde nie zustimmen, an einer Therapie teilzunehmen“ meldet sich jetzt Jeannett zu Wort, die bisher stumm und grüblerisch dem Gespräch gefolgt ist.

Die Therapeutin blickt finster. „Damit fehlt uns eine ganz wichtige Komponente, die für die erfolgreiche Behandlung notwendig wäre. Da sehe ich ein großes Problem.“

Wir beenden das Gespräch höflich und versprechen, uns im Falle einer positiven Entscheidung zu melden.

Wieder zu Hause, setzen Ruth und ich uns zusammen.

„Hast du gesehen, wie die Toiletten und die Dusche aussgesehen haben?“, beginne ich das Gespräch. „Ja, gruselig“, gibt Ruth ihrem entsetzen Ausdruck. „Und erst die Patientenzimmer! Das würde ich keine halbe Stunde aushalten!“ „Und dann“, fahre ich fort, „habe ich den Eindruck, als ob die noch nie etwas von Traumatisierung gehört haben, obwohl sie doch täglich damit zu tun haben!“ Ruth stimmt mir zu. „Ja, das glaube ich auch. Und Frau Sommer hat ja auch schon gesagt, dass es eher schlecht für Jeannett wäre, wenn sie dauernd mit Kindern zusammen wäre, die noch viel stärkere Symptome zeigen. Ich glaube, da ginge es Jeannett nur noch viel schlechter.“

„Stimmt“, bestätige ich. „Überleg doch nur, wie lange sie schon bei uns ist. Es wäre bestimmt nicht gut für sie, in so einer Situation von uns allein gelassen zu werden. Das was die da in der Klinik tun, kriegen wir alle Male hin, und besser. Zu uns hat sie wenigstens Vertrauen. Ob das in der Klinik klappt, dass die Ärzte Vertrauen aufbauen können, ist alles andere als sicher.“

„Ich könnte verstehen“, fügt Ruth hinzu, „dass sie sich von uns abgeschoben fühlt. Womöglich verliert sie die Bindung an uns und steht dann wieder alleine da. Und ich will auch nicht das Gefühl haben, sie abgeschoben zu haben. Ich will sie auch nicht in dieser Klinik haben.“

„Also lass uns Jeannett unsere Entscheidung mitteilen“, schlage ich vor. „Aber ich möchte ihre Zustimmung erreichen, dass sie regelmäßig eine ambulante Therapie macht. Das ist vielleicht sowieso viel besser als ein Klinikaufenthalt, das sind wir noch viel stärker mit eingebunden.“

Ich hole Jeannett an den Tisch. „Wie fandest du die Station?“, frage ich zuerst.

„Das fragst du noch?“, ereifert sie sich. „Die ganzen Typen da, die da nur rumhingen? Hast du mal gesehen, dass die eine Wunden vom Ritzen hatte? Und dann die Toiletten und nur eine Dusche! Und mit dreien auf dem Zimmer, da ist doch klar, dass es da zu Streit kommen muss. Die halten das bestimmt nur aus, weil sie mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt werden!“

Diesen Aspekt haben wir noch gar nicht mit einbezogen. Was wenn, wie das üblich ist, Jeannett Psychopharmaka bekommt? Wie würde sich ihre Persönlichkeit verändern?

„Ok, Jeannett“ beginne ich, „wir waren auch nicht überzeugt von dieser Klinik. Und wir wollen, dass du weißt, dass wir dich nie, komme was wolle, abschieben würden an einen Ort, an dem es dir nicht gut geht. Aber wir möchten, dass du eine ambulante Therapie hier zu Hause beginnst und durchhälst. Wir möchten mit dir gemeinsam aufarbeiten, was immer passiert ist, damit es dir besser geht. Bist du damit einverstanden? Habe ich da deine Zustimmung?“

Jeannett nickt wortlos. Das ist mir zu wenig.

„Ich möchte, dass du was sagst“, dränge ich.

„Ja, ich glaube auch, dass das besser ist. Besser jedenfalls als die Klinik. Ich werde eine Therapie machen.“

Ich bin froh, dass das geklärt ist. Aber manchmal stellt sich mir die Frage, ob wir zu wählerisch sind, wenn es um Jeannetts stationäre Therapie geht. Haben wir zu hohe Ansprüche?

Eins ist klar: Wir unternehmen alles dafür, dass Jeannett von ihrer Last befreit wird und endlich ein unbeschwertes Leben führen kann, wie andere Kinder auch.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Besichtigung der Station

  1. NinoGelo schreibt:

    Lieber Ralph,
    wie kannst du du daran zweifeln, evtl. hier eine falsche Entscheidung getroffen zu haben! bist du des Teufels! Wenn ich lese “Fernsehen ist nur am Wochenende erlaubt” – das als Empfang beim Durchschreiten der langen Flure – welch sympathische Architektur – mir kommt das Grauen! – Erst danach ein Gespräch.

    Eingebettet in einer Art Kennenlerngespräch gehört das mit dem Fernseher u. dergl. hin und nicht an die stelle: als erstes präsentieren wir hier mal die „Knast“regeln! – oder wie – du merkst bestimmt meinen Zorn. der gilt nicht dir, sondern der mir nicht bekannten Anstalt. Und dann das „da haben wir ein Problem“ – na super! – ab da war wohl spätestens klar: geht gar nicht! – Therapie ja, aber nicht um so einen preis! RESÜMEE: alles richtig gemacht. – natürlich seid ihr wählerisch – gut so! – es gibt keine „zu“ hohen Ansprüche, sondern lediglich Ansprüche – alles gut gelaufen, denke ich.

    IHR SEID PRIMA!
    es grüßt herzlichst
    ninogelo oder wie ich auch immer heiße

    • Sir Ralph schreibt:

      Hallo, NinoGelo,
      nein, wir haben eigentlich mit keinem Gedanken daran gedacht, Jeannett da unterzubringen. aber es hat uns die Augen geöffnet dafür, was für schlimme Kliniken es in Deutschland gibt und dass man sie sie sich nicht einmal aussuchen darf. Anererseits waren wir zu diesem Zeitpunkt etwas unter Druck, weil wir Jeannett nbedingt helfen wollten. Von vorn herein war uns aber klar, dass das keine wirkliche Hilfe gewesen wäre…

      Alles Gute!

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