Verzweiflung

Das allerletzte, was Pflegeeltern bei ihren Pflegekindern sehen möchten, ist abgrundtiefe Verzweiflung. Vor allem dann, wenn sie durch etwas verursacht ist, was sie nicht ändern können.

Heute sind wir bei Frau Sommer zur Supervision. Jeannett darf und will mit teilnehmen. Jeannett schüttet ihr Herz aus, redet ganz unbefangen über ihren derzeitigen Zustand.

„Ich kann meinen Vater nicht verstehen“, beginnt sie. „Warum sagt er mir nicht ganz offen, was er von mir will? Warum sagt er mir nichts über meine Vergangenheit? Jetzt ist er auch noch verschwunden. Ich mache mir solche Sorgen!“

Frau Sommer ist da ganz leidenschaftslos. „Von deinem Vater hast du nichts zu erwarten“, erklärt sie Jeannett. „Er kann nicht anders, als er jetzt handelt. Die jenigen, die sich um dich kümmern, sind deine Pflegeeltern. Sie geben alles für dich. Sie geben dir alles, was dir dein Vater nicht geben kann.“

Jeannetts Gesicht trübt sich ein. „Aber warum nicht? Er ist doch mein Vater!“, erregt sie sich.

„Es geht Jeannett wirklich ganz schlecht“, schalte ich mich jetzt ein. „Wir überlegen, ob es nicht das Beste für sie ist, wenn sie für einige Zeit in stationäre Behandlung geht, um ihre Probleme grundlegend aufzuarbeiten. Wir würden das natürlich nur akzeptieren, wenn wir mit in die Behandlung einbezogen würden und sie unterstützen könnten.“

Frau Sommer wirkt nachdenklich. „Ich weiß nicht ob das so gut ist“, überlegt sie. „Da wäre Jeannett mit allen möglichen echten Problemfällen konfrontiert, jungen Patienten, die sich ritzen oder unter Bulimie leiden, konfrontiert, wenn nicht Schlimmeres wie Suizidgefährdung. Ich glaube, sie wäre da ziemlich allein mit ihrem Problem.“

„Ich bin da eher für eine ambulante Therapie“, schlägt sie und vor. „Da kann die Therapeutin ganz individuell und intensiv auf Jeannetts spezifische Probleme eingehen und Sie hätten die Möglichkeit, die Therapie zu Hause zu begleiten, abgesehen von der Hilfe, die Sie durch die Elterngespräche erfahren.“ Und nach einer Pause des Nachdenkens: „Ich kenne da eine Kollegin, die Kinder- und Jugendlichentherapeutin ist. Ich kann sie ja mal fragen, ob sie zur Verfügung steht.“ Wir stimmen zu.

Am nächsten Tag kommt Jeannett zu mir ins Büro und weint leise. „Ich weiß nicht mehr was ich machen soll“, schluchzt sie. „Manchmal denke ich, es würde niemand merken, wenn ich nicht mehr da wäre. Vielleicht mache ich es genau so wie die beiden Jungen, die neulich vor den Zug gelaufen sind. Dann ist wenigstens alles vorbei. Mein Vater braucht mich sowieso nicht mehr.“

„Aber Jeannett, sowas darfst du nicht einmal denken“, reagiere ich entsetzt. „Wir brauchen dich, Tante Sarah braucht die, Oma braucht dich, und erst recht Susann. Du kannst uns doch nicht alle allein lassen, und alles nur, weil dein Vater mal ein paar Tage verschwunden ist! Besinn dich doch auf die vielen Menschen, die dir gut wollen,“

„Aber mit der Schule ist es auch alles voll verkackt. Wenn ich in eine Klinik gehen würde, würde ich die 9. Klasse nicht schaffen. Aber die schaff ich wahrscheinlich nicht mal auch ohne Klinik. Die müsste ich dann wiederholen. Aber dann wäre ich in einer Klasse mit lauter Schülern, die ich gar nicht kenne. – Daddy, ich habe Angst davor!“

„Es ist nicht schlimm, wenn du eine Klasse wiederholst, Jeannett“, versuche ich sie zu beruhigen. „Überleg mal, wenn du den Unterrichtsstoff schon kennst und vielleicht wieder völlig neu anfangen kannst, das wäre doch eine Chance, oder? Dann könntest du richtig in Richtung Abitur durchstarten.“ Sie kuschelt sich an mich. Dann sucht sie ihr Zimmer auf. Ich hege die Hoffnung, dass ich zumindest zeitweise und auf kurze Sicht etwas bewegen und Trost spenden konnte.

Es ist nicht zu leugnen, dass sich Jeannetts Zustand weiter verschlechtert. Ihre Suizidfantasien beunruhigen mich. Es macht mich auch wütend, dass der Kindesvater mit seinem Verschwinden Jeannett nun völlig aus dem Lot gebracht hat.

Alles, was wir tun können, ist, Jeannett mit allen unseren Kräften zu unterstützen. Das Verhalten des Kindesvaters, so viel wissen wir jetzt, können wir nicht beeinflussen. Wir können nur als stabilisierendes Gegengewicht wirken.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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