Gegeneinander ausgespielt

Als Pflegeeltern steht man richtig im Leben, das wissen wir. Aber dass Geschwister durch die leiblichen Eltern ausgespielt werden, das ist uns eine neue Erfahrung. Und wir müssen mit ansehen, wie sie darunter leiden.

Jeannett telefoniert in unserem Beisein mit Susann. „Ich fahre am Wochenende nach Berlin“, erklärt Susann freizügig. Wir beobachten Jeannetts Schockstarre. Sie legt auf. Damit, dass ihr Vater Susann als Ersatz für sie betrachtet, das geht ihr nicht in den Kopf. Sie schwankt zwischen Trauer und Wut.

Nachdem sich Jeannett nach einer halben Stunde gefasst hat, ruft sie Susann in der Einrichtung an.

„Weißt du überhaupt, was passiert ist?“, schnauzt sie Susann an. „Papa spricht nicht mit mir und Mandy, seine Freundin, hat mir gesagt, ich brauche am Wochenende gar nicht nach Berlin zu kommen, sie wollen mich nicht sehen. Und nun laden sie dich ein! Weißt du. dass du nichts weiter bist als ein Lückenbüßer?“

„Wieso sollst du nach Berlin fahren?“ Susann begreift nicht. „Ich sollte nach Berlin fahren, nicht du. Ich habe schon gestern mit Papa telefoniert. Er holt mich am Freitag vom Bahnhof Südkreuz ab.“

„Aber mein Besuch stand schon vor einer Woche fest“, ereifert sich Jeannett. „Sie haben mich ausgeladen und dich dafür jetzt eingeladen. Das finde ich so fies!“ Sie legt wieder auf.

„Ich rufe jetzt in Berlin an“, erklärt sie uns. Aber sie hat kein Glück. Wieder ist nur die Lebensgefährtin am Telefon.

„Ich finde das so mies von euch“, brüllt sie. „Erst ladet ihr mich aus, weil Papa angeblich nicht da ist. Und dann ladet ihr Susann ein. Sie wird sogar vom Bahnhof abgeholt!“

Einen Moment ist Stille am anderen Ende. Ich nutze die Gelegenheit und bedeute Jeannett, dass sie mir das Telefon übergibt.

„Hier spricht Jeannetts Pflegevater“, melde ich mich. „Merken Sie eigentlich, dass es Jeannett richtig schlecht geht?“

„Interessiert mich nich“, bellt sie mich an. „Jeannett spielt nur mit uns. Eijentlich jehört sie jar nich zu Ihnen, sie jehört zu uns.“

„Warum können wir uns da nicht einigen?“, frage ich so ruhig wie möglich. „Sie merken doch, dass es Jeannett wichtig ist, das Wochenende mit Ihnen zu verbringen.“

„Et jeht meinem Partner richtich mies“, antwortet sie. „Jeannett interessiert ma nich. Die soll bleibn wo der Pfeffer wächst!“

Jeannett weint leise.

„Merken Sie gar nicht, was Sie anrichten?“, werde ich jetzt deutlicher und auch lauter. „Jeannett leidet, und Sie tragen die Verantwortung! Lassen Sie sie doch einfach in Ruhe, wenn Sie merken, dass es zwischen ihr und Ihnen nicht klappt!“

„Sie ham ma übahaupt nischt zu sarn!“, greift sie mich jetzt an. „Jeannett is jejen ihrn Willn bei Ihn, und jejen unsern! Mischn Se sich nich in unsere familärn Anjelejenheiten ein! Ick werd mit Ihn nich mehr redn, keen einzijen Ton!“ Klick, und die Leitung ist stumm.

Jeannett hat ihre Form wieder. Sie greift zum Telefon und ruft Susann an.

„Moment, mein Telefon klingelt“, unterbricht sie Jeannett. Dann hören wir sie jämmerlich schluchzen. Papa hat gerade angerufen. Er will nicht, dass ich am Wochenende komme.“ – „Jetzt hat er mich auch ausgeladen, und du bist Schuld!“

Ich übernehme das Telefon. „Susann“, spreche ich sie ruhig an. „Ich kann verstehen, dass du jetzt sehr enttäuscht bist. Aber Jeannett ist wirklich nicht Schuld. Du bist ebenso wie Jeannett Teil eines ganz bösen Spiels. Dein Vater hat Jeannett ausgeladen, und als Ersatz hat er dich eingeladen. Das ist gemein, sowas tut man nicht.“

„Susann“, fahre ich fort, „wir alle hier möchten, dass du weißt, dass du unsere Unterstützung hast und wir dich sehr lieb haben. Wir waren zwar nicht die Ursache, aber es tut uns allen hier wirklich Leid, dass es so kommen musste. Wir sind in Gedanken bei dir, wenn du heute ins Bett gehst.“ – „Also, schlaf schön.“

Kurz habe ich die Gelegenheit, noch mit der Dienst habenden Erzieherin zu sprechen. „Es geht Susann jetzt sehr schlecht“, erkläre ich ihr. „Sie ist eben von ihrem Vater versetzt worden, was ihren Besuch in Berlin angeht. Und es ist die Unfähigkeit des Kindesvaters, die diese Situation heraufbeschworen hat. Susann geht es jetzt sehr schlecht und sie braucht sehr viel Aufmerksamkeit und Trost.“

Ob unser Appell eine Wirkung zeitigt, können wir natürlich nicht prüfen. Aber wir haben das Notwendige getan. Lieber wäre uns gewesen, diese Rolle selbst zu übernehmen. Aber die Zeiten sind leider vorbei.

Wieder und wieder müssen wir mit ansehen, wie dieser Kindesvater seine Töchter für seine Zwecke benutzt ohne sich darüber Gedanken zu machen, wie es ihnen damit geht und was er anrichtet. Wir haben den Eindruck, als ob er noch mehr von diesen Grausamkeiten auf Lager hat.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Gegeneinander ausgespielt

  1. Angelika Oetken schreibt:

    „Wieder und wieder müssen wir mit ansehen, wie dieser Kindesvater seine Töchter für seine Zwecke benutzt ohne sich darüber Gedanken zu machen, wie es ihnen damit geht und was er anrichtet. Wir haben den Eindruck, als ob er noch mehr von diesen Grausamkeiten auf Lager hat.“

    Ich kann gut nachvollziehen, dass einen so etwas mit ansehen zu müssen, nah an den Rand der Verzweiflung bringen kann.

    Leider erkennt unser Rechts- und Jugendhilfesystem nicht an, dass es solche Eltern gibt. Die ihren Kindern mehr oder minder vorsätzlich Schaden zufügen. Häufig weil sie es selbst in ihrer Kindheit nicht anders erfahren haben.
    Unsere Gesellschaft idealisiert Familie und Elternschaft. Viele Hilfen sind „familienzentriert“. Auch da wo eigentlich keine Familie existiert. Sondern lediglich Eltern, die Kinder gezeugt haben. Und diese misshandeln. Sonst nichts.

    Als Spross eines solchen destruktiven Gefüges einen gesunden Abstand einzunehmen und sich eigenständig zu entwickeln, ist nicht leicht. Aber möglich.

    Jeannett scheint dabei so viel Unterstützung zu bekommen wie es unter den gegenwärtigen Bedingungen überhaupt möglich ist.

    Ich hoffe, dass sie in Zukunft mehr in den Mittelpunkt rückt. Ihrem Vater ist vermutlich nicht mehr zu helfen. Wie so viele missbrauchende Eltern hat er sich wohl schon längst aufgegeben. Und aus Wut darüber quält er sein Kind.

    Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

    • Sir Ralph schreibt:

      Ja, Frau Oetken, ich sehe das genau so. Wie haben wir uns gewünscht, dass Jugendämter und Kliniken uns unterstützt hätten. Die Symptome der Vernachlässigung und des Missbrauchs waren eindeutig, aber es war nicht einmal möglich, das volle Sorgerecht für die Pflegekinder zu bekommen. Angeblich fehlte es an Beweisen. Und vor Gericht will sich natürlich niemand zu weit aus dem Fenster lehnen, zumal bekannt ist, dass auch Richter/-innen eher für die leiblichen eltern entscheiden. Ich habe gar nichts dagegen, den leiblichen Eltern Hilfen zu gewähren, im Gegenteil. Zum Beispiel eine obligatorische Therapie, bevor sie ihre Kinder wiedersehen dürfen. Erst, wenn sie bewiesen haben, dass sie ihr Problem mit der Anwendung von Gewalt gelöst haben, dürften sie Kontakt zu ihren Kindern aufnehmen. Aber statt dessen werden Pflegekinder immer wieder in ihre leiblichen Familien zurück geführt, ohne dass sich dort etwas geändert hätte. In der Pubertät ist es meist zu spät, wenn die Jugendlichen beginnen, nach ihren Wurzeln zu suchen und sich in Richtung ihrer leiblichen Familien orientieren…

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