Kindesvater taucht ab

Es ist morgens um sechs. Ich klopfe an Jeannetts Zimmertür.

„Jeannett, es ist Zeit aufzustehen“, mahne ich, während ich die Tür behutsam öffne. Es bietet sich mir ein trauriges Bild. Die Nachttischleuchte ist an. Jeannett sitzt auf ihrem Bett, die Beine angezogen und von der Bettdecke umhüllt. Ihr Gesicht ist tränennass.

„Daddy, ich kann heute nicht zur Schule gehen“, schluchzt sie. „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.“

Vorsichtig nehme ich sie in den Arm. „Was macht dich denn so traurig, meine Kleine?“, versuche ich, zu ihr Zugang zu gewinnen.

„Mein Vater hat mich angerufen. Ich habe ihm eure SMS vorgelesen, weißt du, ‚Schlaf gut. Wir haben dich lieb‘. Da ist er völlig ausgerastet. Er hat gebrüllt, dass ich ihm gehöre und nicht euch und dass ihr nicht das Recht habt, sowas zu sagen. Er ist auch zum Anwalt gegangen, um sich zu erkundigen, wie er mich nach Berlin kriegt. Er will nicht, dass ich bei euch bleibe.“

Jämmerliches Weinen verschlägt ihr die Sprache. Sie verbirgt ihr Gesicht an meiner Brust. Schließlich beruhigt sie sich

„Ich kann mich nicht entscheiden! Warum muss ich mich immer entscheiden?“

Ich gestehe Jeannett zu, dass sie heute nicht zur Schule geht. So kann sie dem Unterricht unmöglich folgen und würde sich zum Gespött ihrer Mitschüler machen. Auch die Lehrer haben keine Ahnung davon, mit welchen Problemen Jeannett zu kämpfen hat.

Als ich am Nachmittag nach Hause komme, ist mein erster Weg der zum Telefon. Ich rufe Frau Gerster an und erreiche sie auch sofort.

„Jeannett hat mich auch schon angerufen“, teilt sie mir mit. „Und ich finde es unfassbar, dass dieser Mann jetzt auch noch einen Anwalt bemüht. Zu allererst müsste er erst einmal mit Ihnen reden und dann mit mir. Aber er hat jetzt wohl entschieden, die Sache vor Gericht zu bringen. Wir sollten alles unternehmen, um zu verhindern, dass er Jeannett nach Berlin bekommt. Jeannett ist super gut an Sie gebunden und hat bei Ihnen die besten Chancen für einen guten Start ins Leben.“

Frau Gersters eindeutige Einschätzung tut mir gut. Sie ist auf unserer Seite. Aber wird sie Möglichkeiten haben, ds Blatt zu wenden?

Ich beschließe, dass diese Situation nicht so bleiben kann, wie sie ist. Es muss doch möglich sein, den Kindesvater zur Vernunft zu bringen und mit ihm zu reden, damit Jeannett diese Last genommen wird. Am frühen Abend entscheiden Ruth und ich deshalb, in Berlin anzurufen. Jeannett ist dabei.

„Jaaa“, meldet sich die Lebensgefährtin.

„Ich hätte gern mit Herrn Sodann gesprochen“, sage ich ruhig.

„Der ist nicht da“, antwortet sie schnippisch.

„Jeannett, meine Frau und ich wollten da etwas klären“, taste ich mich vor.

„Mit Jeannett wolln wa nischt mehr zu tun haben. Die spielt nur mit uns.“

Jeannett stehen Tränen in den Augen.

„Die brauch uns ooch jar nich mehr besuchen zu komm‘.“

Das ist bitter für Jeannett. Aber sie rafft sich auf.

„Wo ist denn Papa?“, fragt sie in den Hörer

„Der iss bei ’nem Freund. Und da kommt er ooch so schnell nich wieda. ‚N paar Tage oda Wochn kann´s dauern. Iss noch wat?“

Schweigen. Klick. Aufgelegt.

„Diese alte Zicke“, tobt Jeannett jetzt. „Ich hab die noch nie leiden gemocht.“

„Wer weiß, wo mein Vater jetzt ist? Oder vielleicht war er da und wollte bloß nicht mit mir reden“.

Jeannetts Sorgen rauben ihr für eine weitere Nacht den Schlaf.

Ich frage mich einmal mehr, ob dieser Mann, der seine Kinder so vernachlässigt und misshandelt hat, kein Gefühl dafür hat, wie er seiner Tochter schadet und das Leben zur Hölle macht. Aber wahrscheinlich will er das gar nicht wissen. Deshalb kann ich auch kein Mitgefühl für ihn empfinden. Er richtet Jeannett mit seinem Verhalten absichtlich zu Grunde, nur um uns zu treffen. Es geht ihm alles andere als um das Wohl seiner Tochter.

Uns hingegen ist es völlig egal, ob uns diese Leute hassen oder lieben. Wir sind ausschließlich daran interessiert, dass es Jeannett gut geht.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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