Jeannett im Zwiespalt

Pflegeeltern haben die Pflicht, sich als Pflegefamilie für ihre Pflegeeltern einzusetzen und das Recht, sie zu lieben. Manche Herkunftsfamilien empfinden das als Anmaßung und Bedrohung. Sie zögern auch nicht, ihre Kinder zu verstoßen und zu quälen.

Heute bekomme ich einen Eindruck von den Qualen, die Jeannett gerade durchlebt. Als ich in meinem Büro sitze, kommt sie hineingeschlichen und lässt sich mir auf den Schoß fallen. Sie beginnt, bitterlich zu weinen.

Als sie sich etwas gefasst hat, beginnt sie, mir zu erzählen, was sie so verletzt hat.

„Ich habe meinen Vater angerufen, aber es war nur seine Freundin da“, schluchzt sie. „Sie hat mir gesagt, ich brauche am Wochenende gar nicht in Berlin aufzutauchen. Sie wollen mich nicht sehen.“

Sie haben also den Besuchskontakt einfach abgesagt. Jeannett verbirgt ihr Gesicht in ihren Händen.

„Die hassen euch abgrundtief. Sie haben mir vorgeworfen, dass ich wieder zu euch zurück gegangen bin. “ Und nach einer langen Pause: „Immer entscheide ich mich falsch! Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll! Ich muss mich entscheiden, aber ich kann es nicht! Euch habe ich lieb, ihr tut alles für mich, aber mein Vater ist so schwach. Ich fühle mich einfach schuldig, wenn ich ihn nicht unterstütze. Aber er will, dass ich nach Berlin ziehe.“

Sie schmiegt sich an mich. Ihr Körper zittert. Ich versuche, sie zu beruhigen, ihr Kraft zu geben. Allzu gut weiß ich, dass wir in diesem schlechten Spiel, das uns aufgezwungen wird, Partei sind.

„Jeannett, ich glaube, du hast richtig entschieden“, versuche ich sie zu bestärken. „Hier hast du deine Freunde, hier gehst du zur Schule, hier hast du uns und unsere Familie. Überleg dir, was du aufgeben würdest, wenn du nach Berlin umziehen würdest.“

„Das ist es ja eben! Irgendetwas hält mich hier fest wie ein Magnet.“

Sie erhebt sich und schlurft die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Für heute sehen wir sie nicht mehr.

Es bricht mir das Herz, wenn ich mit ansehen muss, wie Jeannett leidet. Es macht mich wütend, wenn ich beobachten muss, wie ihr Vater sie bewusst einsetzt, um uns zu schaden. Und es ärgert mich, dass wir in ein Spiel hinein gezogen werden, einen kriegsähnlichen Zustand, ohne es zu wollen.

Uns bleibt keine andere Wahl. Wenn wir Jeannett unterstützen wollen, müssen wir das Spiel mitspielen. Wenn wir uns weigern, geben wir Jeannett auf. Dafür haben wir uns nicht all die Jahre für sie eingesetzt.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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