Die Versöhnung

Manchmal scheinen ausweglose Situationen schlimmer, als sie tatsächlich sind oder sich fort entwickeln. In unserem Fall jedenfalls scheint es so zu sein.

Der Abend war lang und einsam für uns als Pflegeeltern. Nach der letzten Textnachricht, die Jeannett uns schrieb und wir wussten, dass sie sich in der Krisengruppe eines Heims befindet, schreibe ich ihr noch eine Nachricht.

„Schlaf gut. Wir haben dich lieb.“

Es war mir wichtig, Jeannett zu zeigen, dass wir in Gedanken bei ihr sind und sie nicht vergessen oder gar abgeschoben haben. Diese eine kleine Geste wird noch sehr folgenreich werden.

Den ganzen Vormittag versuche ich, Frau Gerster vom Jugendamt zu erreichen. Endlich, am Nachmittag, erreiche ich sie und schildere ihr, was gestern passiert ist.

„Ich habe die Nachricht von Jeannetts Inobhutnahme schon auf dem Tisch“, greift sie mir vor. „Machen Sie sich keine Gedanken, wir kriegen das schon hin. Vorausgesetzt, Sie möchten Jeannett weiterhin begleiten.“

Ich bin erleichtert. „Natürlich wollen wir, keine Frage“, fährt es aus mir heraus. „Sehen Sie einen Weg?“

„Ich habe schon mit Herrn Borowski gesprochen. Jeannett hat schon signalisiert, dass Sie wieder zu Ihnen zurück möchte. Wäre es Ihnen recht, wenn Herr Borowski Sie anrufen würde?“

Und ob es das ist!

Es dauert nicht lange, bis sich das Telefon meldet. Herr Borowski stellt sich vor und kommt gleich zur Sache.

„Jeannett möchte wieder zu Ihnen zurück“, beginnt er. „Können sie sich vorstellen, dass Sie sie wieder aufnehmen würden?“

Natürlich können wir! Und so setzen wir uns sofort ins Auto und fahren zum Heim, um Jeannett nach Hause zu holen. Der Heimleiter bittet uns in sein Büro.

„Wir haben da einen großen Fehlrer gemacht“, versuche ich mich eigentlich ohne Grund zu rechtfertigen. Der vollbärtige, stämmige Mann schüttelt besonnen seinen Kopf.

„Das passiert immer wieder“, beruhigt er uns, „und vor allem bei Pflegekindern wie Jeannett. Sie hat mir ein bisschen was erzählt. Sie muss wirklich eine Menge in ihrer Herkunftsfamilie durchgemacht haben. Solche Kinder sind instabil und glauben immer, es ist für sie überall besser als dort, wo sie sich gerade befinden. Ich kann Sie verstehen, ich habe selber sechs Pflegekinder gehabt. Da geht eben nicht alles immer glatt.“

Er spicht uns aus der Seele. Wir fühlen uns verstanden und akzeptiert. Dann bittet Herr Borowski Jeannett zu uns. Mit gesenktem Kopf sitzt sie auf ihrem Stuhl.

„Jeannett, wenn ich dich richtig verstanden habe, möchtest du wieder zurück zu deinen Pflegeeltern. Ist das richtig?“, fragt er.

Jeannett nickt verstohlen.

„Du weißt“, bemerkt er ernst, „dass deine Pflegeeltern, wie ich sie jetzt kennen gelernt habe, alles für dich tun. Aber du bist jetzt auch in der Pflicht, anzuerkennen, dass du auch einen Anteil daran hast, dass alles bei euch zu Hause rund läuft.“

Wieder ein verstohlenes Nicken und ein erleichterter Blick und ein Lächeln von Jeannett erst in Ruths, dann in meine Richtung.

Das Gesicht des Leiters verzieht sich zu einem breiten Lächeln.

„Ihr dürft euch jetzt in den Arm nehmen“, bemerkt er ironisch. Jeannett verlässt ihren Stuhl und setzt sich mit einer langsamen Bewegung zu Ruth auf den Schoß, wo sie sich wie ein kleines Kind an sie kuschelt. Ein paar Tränchen rollen ihr über die Wangen. Die ersten, die wir von ihr sehen.

Nach einer kurzen Weile erheben wir uns alle. Hände werden geschüttelt.

„Vielen Dank für Ihre Mühe und Ihr Verständnis“, verabschiede ich mich vom Leiter der Einrichtung. Ein kurzes Kopfnicken.

„Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute und viel Kraft“ antwortet er.

Im Auto ist es still. Es ist ein milder Frühlingstag.

„Wollen wir ein Eis essen gehen?“, schlägt Ruth vor. Im Rückspiegel kann ich sehen, wie sich Jeannetts Gesichtszüge aufhellen. Aber auch beim Eisbecher ist es still. Es scheint, als ob wir alle den vorherigen Tag vergessen machen wollen. Wir proben Harmonie, den ganzen Abend lang.

Was ist es, was Jeannett bewegt hat, zu uns zurück zu kehren, anstatt sich nach Berlin zu ihrem leiblichen Vater bringen zu lassen? Hat sie das Risiko gescheut? Ist ihr aufgefallen, dass sie bei uns die besten Chancen, die meiste Unterstützung hat, die ihr zuteil werden kann? Oder hat die Erfahrung in der Krisengruppe bei ihr Erinnerungen hervorgerufen darüber, wie einsam sie im Kinderheim war, wie oft sie sich und ihre Schwester verteidigen musste, dass niemand auf Dauer für sie richtig da war?

Wir wissen es nicht, aber wir vermuten, dass es von allem etwas ist, weswegen sie den Weg wieder zu uns zurück gefunden hat.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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9 Antworten zu Die Versöhnung

  1. N. G. L. schreibt:

    Habe heute deine/ihre Seite zum ersten Mal gelesen – du legst alles offen und ehrlich dar – dein Pflegekind und du (und Frau), ihr leistet etwas sehr Wertvolles.
    bin ehemaliges Heimkind – Mein entsetzen über diese Zeit kam erst Jahre danach.
    http://www.annianders.worpress.com
    das ist mein online-buch aus dieser Phase.

    • Sir Ralph schreibt:

      Danke für die Anerkennung. Ich bin gerade dabei, ein Manuskript zusammen zu stellen, um Teile des Blogs auch als Buch zu veröffentlichen.Ich finde, dass viel mehr Menschen sich damit beschäftigen müssten, was Kinder durchgemacht haben, damit sie ihr Verhalten verstehen können. Dazu gehören Erzieher und Lehrer. Und ich kenne viele, die derselben Ansicht sind. Danke für´s Lesen!

      P.S.Leider funktioniert der Link nicht.

      • NinoGelo schreibt:

        Hi, Sir Ralph, – du schreibst vom LINK – evtl. war es http://www.annianders.wordpress.com – falls ja: direkt eingeben – hilft das?
        herzliche grüße

      • Sir Ralph schreibt:

        Danke, hat geklappt. Habe den Blog mal angelesen und bin beeindruckt. Gerne würde ich ihn mit den Traumakindern verlinken und auch mit meinem Facebook-Profil. Ist das ok? Bin der Meinung dass die Welt solche Blogs braucht. Hast du ihn schon in Buchform veröffentlicht?

      • NinoGelo schreibt:

        Hi, – das buch veröffentliche ich kapitelweise. so alle 7 – 12 tage ein neues – alles bisher nur im netz, nicht oder noch nicht als buch. bin mir unsicher, ob das jemand liest. ich scheue die kosten.
        du fragst, ob Verlinkungen mit traumakindern ok ist: ja. – mit deinem Facebook-Profil: weiß nicht, muss ich mir erst einmal ansehen. – wie komme ich da rein? gib´mir noch etwas zeit.
        herzlichen gruß

      • Sir Ralph schreibt:

        Es gibt Mitarbeiter von Verlagen, die die Blogs ständig nach veröffentlichenbaren Büchern durchforsten und dir dann ein Angebot machen, dein Buch für dich kostenlos zu veröffentlichen. Schau mal hier, leider nur auf Englisch. Ich finde dein Blog durchaus lesenswert.

        Dass du dir mein Facebook- Profil ansehen willst, kann ich gut verstehen. Ich bin Mitglied mehrerer Pflegeelterngruppen, um alles zu sehen, schau mal hier.

        Würde mich freuen, mit dir in Kontakt zu bleiben.

      • NinoGelo schreibt:

        Lieber Ralf, es tut gut zu wissen, wer da meinen blog liest. Das ist wie eine Unterstützung – ist es ja auch wirklich.
        dass es so was gibt: kostenloses Veröffentlichen – wusste ich nicht. Das Englische stellt für mich keine Hürde dar. – Ich möchte noch nicht in diese Richtung gehen. Es kommt mir zu früh vor. – Aber es ist eine Option. – Gerade das gestrige Kapitel 3, ging mir wieder sehr nahe, obwohl ich das alles schon 2002 geschrieben hatte. —
        Was für ein Foto: dein „Enkel“ auf deinem Schoß!
        Kontakthalten: find ich gut.

      • Sir Ralph schreibt:

        Hallo, NinoGelo,
        mir geht es auch immer wieder so, dass ich den Tränen nahe bin, wenn ich schreibe. Bei manchen Themen ist das ganz normal… Aber ich habe auch immer wieder Unterstützung von vielen, die meine Texte lesen. Und ich weiß auch, dass nicht alle mich unterstützen wollen oder können. Aber es soll jeder wissen, welche Folgen frühkindliche Erlebnisse haben. Entweder um sich selbst zu verstehen oder um es besser zu machen…

  2. NinoGelo schreibt:

    Yes! indeed!

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