Ein Streit und die Folgen

Dass Pflegekinder Heilige sind, erwartet niemand ernsthaft. Sie sind Menschen wie alle anderen auch, wenn auch mit besonderer Verantwortung. Warum soll es also zwischen ihnen nicht auch einmal zu Streit kommen? Aber wie viel Stress können Pflegekinder in einer Pflegefamilie wirklich aushalten?

Heute Abend komme ich erschöpft und müde von einer langen Fortbildung zurück. Es ist etwa sieben Uhr. Nachdem wir zu Abend gegessen haben und Jeannett auffällig still war, ergreift Ruth das Wort.

„Frau Sasse, die Klassenlehrerin, hat übrigens angerufen. Sie hat mir verschiedene unentschuldigte Fehlzeiten durchgegeben.“

Jeannett ist verunsichert.

„Ich schwänze nicht mehr, das müsst ihr mir glauben!“, ruft sie erregt aus.

„Montag hast du die ersten zwei Stunden gefehlt“, führt Ruth nun an.

Jeannett reagiert prompt. „Nicole hat mir gesagt, die beiden Stunden fallen aus, deshalb bin ich später gekommen“, versucht sie zu erklären. „Und an allen anderen Tagen war ich krank.“

Ich bin genervt. Habe ich alle Entschuldigungszettel geschrieben? Hat sie sie auch wirklich abgegeben? Ruth hat den Kalender in der Hand, in dem alle Krankheitstage markiert sind – nur die nicht, die die Lehrerin bemängelt hat.

„Gib doch mal her“, herrsche ich Ruth an, um die Sache zu klären. Die fühlt sich taktlos und ungerecht behandelt und wirft den Kalender nach mir. Ich reagiere impulsiv und prompt. Mein Teller fliegt durch die Luft und zerspringt mit hellem Klirren direkt vor Ruths Füßen.

„Eyyy, was geht denn hier ab?“, kreischt Jeannett. Ruth starrt mich an, als wäre ich nicht von dieser Welt.

Augenblicklich wird mir bewusst, was ich getan hatte. Ich hatte die Beherrschung verloren und alle geängstigt, gehandelt, so wie Jeannett es wahrscheinlich aus ihrer Herkunftsfamilie kennt. Ich habe meine Unschuld verloren.

„Es tut mir leid“, versuche ich mich zu entschuldigen, „ich hatte einen anstrengenden Tag. Ich wollte das nicht.“

Jeannett verschwindet. Ruth und ich setzen uns zusammen und klären, soweit möglich, die Fehlzeiten. Die ungeklärten Tage werde ich morgen mit Jeannetts Klassenlehrerin klären.

„Wo ist Jeannett eigentlich?“, fragt Ruth, nachdem wir alles geklärt haben. „In ihrem Zimmer, vermute ich mal“, antworte ich. „Nein, da ist sie nicht“, nimmt Ruth mir meine Hoffnung.

Also durchsuchen wir das Haus und den Garten. Von Jeannett keine Spur.

„Wir müssen wissen, wo sie ist“, beschließe ich. „Ich werde ihr eine Nachricht schicken. „Warum rufst du sie nicht an?“, frag Ruth. „Ich glaube, es ist besser so, wenn sie weg ist, dann ist das letzte, was sie tun will, mit uns zu sprechen.“

Ich sollte Recht behalten. Auf meine Anrufe keine Antwort. Also schreibe ich ihr. „Wo bist du“, tippe ich in die Tastatur. Es folgt die prompte Antwort. „An einem sicheren Ort.“

Das tut mir schon weh. Ist es bei uns nicht mehr sicher? Aber ich beherrsche mich und schreibe zurück.

„Wir müssen die Polizei und den Kindernotdienst informieren, wenn wir nicht wissen, wo du bist.“ Die Antwort ist direkt und unverblümt. „Die wissen Bescheid.“ Ein Anruf beim Kindernotdienst klärt die Situation: Jeannett hat sich in Obhut nehmen lassen. Ich schreibe Frau Gerster vom Jugendamt eine Mail und schildere die Situation.

Wir sind am Boden zerstört. Wir wissen nicht, wie es weiter gehen soll. Wir haben alles falsch gemacht. Wir haben ungehemmt vor Jeannett gestritten und ihr Angst gemacht. wir haben ihre Erinnerungen wieder aufleben lassen. Professionell wäre es gewesen, alles abzuklären und dann die Fakten auf den Tisch zu legen. Vor allem hätte ich die Krankheitstage aufzeichnen müssen, damit es zu solch einer Situation nie hätte kommen können.

Ich fühle mich schlecht und schuldig. Wie konnte mir so etwas passieren?

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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