Geburtstagsparty

Auch in Pflegefamilien wird gefeiert. Heute bin ich der Anlass, es ist mein 60. Pflegekinder wissen, wie sich zeigt, auch das zu schätzen. Das Haus ist voll, das Restaurant ist gebucht. Alles wuselt durcheinander, Gäste kommen von nah und fern.

Es ist ein kalter, sonniger Wintertag. Wohlig warm ist es dagegen im Haus. Auf dem Tisch im Wohnzimmer steht ein üppiger Blumenstrauß mit Lilien, meinen Lieblingsblumen. Alle sitzen darum herum und löffeln eine Kartoffelsuppe, so wie Oma sie immer zubereitet hat. Die Sektgläser klingen. An der Seite steht der Geburtstagstisch mit den Geschenken und Geburtstagskarten. Eigentlich stehe ich nicht gern im Mittelpunkt, aber heute genieße ich es. Susann und Sigrid sind angereist und unterhalten sich lebhaft mit Jeannett, Tante Erika, Tante Sarah und den anderen angereisten Familienmitgliedern. Es ist wie eine Großfamilie, und ich mitten drin. Das ist der Nährboden, den ein Mensch braucht: die totale Harmonie in der Familie.

Abends ziehen wir in den Landgasthof ein paar Straßenecken weiter um. Freunde und Bekannte treffen ein. Bald hat jeder ein Glas in der Hand. Die Speisen auf dem Buffett dampfen. Es wird Zeit für eine Eröffnungsrede.

„Liebe Familie, liebe Verwandte, Freude und Bekannte“, hebe ich an. „Ich begrüße euch alle recht herzlich zu diesem Tag. Eigentlich“, fahre ich mit einem Augenzwinkern fort, „kann ich ja gar nichts dafür, dass wir heute feiern. Aber da ihr nun schon einmal hier seid, wollen wir es uns richtig gut gehen lassen. Auf euch warten leckere Speisen und unbegrenzt Getränke. Ich hoffe, dass ich mit jedem von euch ein paar Worte wechseln kann. Also bedanke ich mich recht herzlich dafür, dass ihr alle so zahlreich erschienen seid und erkläre das Buffett für eröffnet.“

Tosender Applaus. Die Schlange vor der Töpfen und Tellern wird länger, bis schließlich alle muter schwatzend vor ihren Tellern sitzen.

Schließlich, als alle gesättigt und zufrieden sind, erheben sich Ruth, Sigrid und Tante Sarah. Ein Beamer und Computer werden installiert, eine Leinwand aufgerollt. Sie haben eine Präsentation zusammengestellt. Bilder von Nico als Baby, Nico durch die Gegend stolpernd, Nico als Schulkind, Nico als Vater im Urlaub. Ruth ergänzt die Bilder und Texte durch launige Geschichten.

„Weißt du noch, wie wir uns kennen gelernt haben? In diesem verrauchten Hörsaal? Ich konnte dich gar nicht sehen vor Qualm! Damals war das Rauchen noch erlaubt. Und der arme Prof, was hat er geflucht! Und wir haben uns auch erst richtig betrachten können, als wir im Park eine Runde um den Teich gedreht haben! Mann, was war ich verliebt!“

„Das ist heute doch hoffentlich noch so!“, kommt ein Zwischenruf aus der Menge. alle lachen.

Dann sind die „Kinder“ an der Reihe. Sigrid überreicht mir im Wechsel mit Susann und Jeannett nacheinander Gegenstände mit Symbolcharakter: Ein altes 123er Taximodell für meine Zeit, als ich damit mein Geld verdient habe, einen Doktorhut aus Pappe für mein Studium, ein Babyfläschchen, eine Flasche Wein von meinem Liebsten, einen Rohrstock, einen Rotstift und ein Stück Kreide für den Beruf, eine Miniatur-Harley, als Anspielung auf meine Lieblingsbeschäftigung und eine Spielzeuggitarre als Hinweis auf meine Fähigkeit, damit sachgerecht umzugehen.

Dann tritt Sigrid vor. Hinter ihrem Rücken hält sie etwas versteckt.

„Lieber Nico“, beginnt sie mit bedeutsamem Ton, „wir drei finden, dass es an der Zeit ist, dass du jetzt etwas gesetzter wirst, anstatt dich immer aufzuführen, als seiest du noch zwanzig. Deshalb habe ich dir etwas mitbebracht, das du fortan tragen musst, sobald du das Haus verlässt.“ Sie zieht einen schwarzen, großen Hut hervor und drückt ihn mir auf meine volle, graue Haarpracht.

Als nächstes nähert sich Susann.

„Lieber Papa, ich habe auch etwas für dich, was dich etwas seriöser erscheinen lassen soll. Du musst es ab jetzt öfter tragen“, spricht sie und hängt mir eine grau-schwarz gestreifte Krawatte um.

Jeannett tritt als letzte an mich heran.

„Lieber Daddy, das Wichtigste, was ich dir übergeben darf, gehört auch zu einem reifen Mann. Ich hoffe, du wirst es noch nicht wirklich brauchen, aber gewöhn dich schon mal dran.“

Sie führt den gegenstand um ihre Seite herum und legt meine Hand behutsam auf den Griff. Alle Gäste brüllen vor Lachen. Es ist ein Gehhstock, mit geschwungenem Griff und einem Gummipropfen unten an der Spitze. Mir ist als kennte ich ihn irgendwo her. Da nähert sich Susann.

„Papa, den musst du Oma aber nachher wiedergeben!“ Inmitten des erneuten Gelächters kann ich glücklicherweise meine Erleichterung verbergen.

Dann beginnt der lockere Teil des Festes. Der Disk Jockey verwöhnt uns mit unseren wilden Songs wie In A Ghadda da Vida, Bad Moon Rising und Born to be Wild, wir hotten wie in alten Zeiten.

Am Ende dieses Tages sind alle müde und zufrieden und fühlen sich in die alten Zeiten versetzt. Nur die Jungen können nicht ganz nachvollziehen, was sich damals in den Sechzigern und Siebzigern abgespielt haben muss…

Es war wie eine Zusammenkunft, um neue Kraft zu schöpfen. Alle um mich zu haben, die ganze Familie, auch alle meine drei Töchter, hat mir viel mehr bedeutet, als ich es mir je hätte träumen lassen.

Es sollte in dieser Zusammensetzung das letzte Mal gewesen sein. Noch können wir nicht erahnen, was uns noch bevorstehen wird.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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