„Ich habe ein Recht darauf!“

Es ist Heilig Abend. Großmutter ist bei uns, Sigrid, unsere große Pflegetochter, ist mit der Bahn auf dem Weg hierher. Es schüttet Schnee vom Himmel. Da klingelt das Telefon.

„Ich stecke hier fest“, regt Sigrid sich auf. „Der Zug ist stecken geblieben. Da ist ein Baum auf den Gleisen.“

„Kannst du nicht eine andere Möglichkeit finden?“, frage ich ruhig.

„Ja, sie bieten einen Busersatz an, aber der will nicht losfahren. Er sagt, es sei ihm zu gefährlich.“

Kurze Pause.

„Jetzt fährt er doch, aber ganz langsam. er sagt, er fährt zum nächsten Bahnhof.“

„Ok, ich such dir einen Zug im Internet raus, der weiter fährt“, verspreche ich. „Wir telefonieren.“

Jeannett baut sich vor mir auf.

„Ich will auch einen Computer und ein neues Handy, wie Sigrid“, erklärt sie mit ernstem Gesichtsausdruck.

Aha. Sie steht nicht im Mittelpunkt. Sie will aufmerksamkeit.

„Jeannett, siehst du nicht, dass ich Sigrid erst mal helfen muss, damit sie her kommt?“

„Immer kümmert ihr euch um Sigrid“, macht sie sich lauthals bemerkbar.

Es gelingt mir, einen Zug herauszufinden. Dann rufe ich Sigrid an.

„Du musst bis um zehn Uhr am Bahnhof sein, es ist der letzte Zug heute. Und ich fahre heute nicht noch hundert Kilometer bei dem Wetter.“

„Ich werd´s schon schaffen“, antwortet Sigrid entspannt. Und sie schafft es. Erst aus Lüneburg meldet sie sich wieder.

„Kannst du mich abholen?“, bettelt sie. „Von hier aus geht kein Zug mehr.“

Also grabe ich das Auto aus dem Schnee, es ist inzwischen ein Uhr nachts. Jeannett ist aufgeregt. Also nehme ich sie mit. Es schüttet noch immer dicke, weiße Schneeflocken. Der Schneepflug vor mir versucht, die Straße zu räumen, aber nur wenige Meter hinter ihm ist die Straße bereits wieder weiß. Aber wir schaffen es. In Lüneburg sammeln wir Sirgid am Bahnhof auf.

„Sigrid, du musst vorne sitzen!“, bestimmt Jeannett. Aber Sigrid reagiert gereizt.

„Du sagst mir nicht, was ich zu tun habe“, zischt sie. „Setz dich vorne hin!“

Jeannett tut, was ihre ältere Pflegeschwester ihr sagt. Sigrid hat sehr schnell begriffen, dass Jeannett bestimmen will, auch, wenn sie sich zu Hause für ihren Ton entschuldigt.

Am nächsten Tag erscheint Jeannett in meinem Büro, ds Telefon am Ohr.

„Ich will das Geld, das ich zur Konfirmation bekommen habe; am besten gleich.“ Zwischendurch redet sie mit Susann, lacht, scherzt.

„Wofür brauchst du es denn?“, erkundige ich mich.

 Dann zu mir gewandt, in scharfem Ton:

„Das geht dich gar nichts an!“

„So geht das schon gar nicht“, wehre ich mich. „Das sollten wir in Ruhe besprechen.“

Wieder Kichern, „Ja“, „Nein“, wieder Kichern. Dann aggressiv:

„Es ist mein Geld! Ich habe ein Recht darauf!“

Was versucht sie für ein Spiel mit mir zu spielen? Versucht sie Susann zu zeigen, wie sie uns in der Hand hat? Meiner Vermutung nach will sie das Geld, um sich einen eigenen Computer zu kaufen, damit sie ihn benutzen kann, wann immer sie will. das wird mit mir nicht funktionieren. Genau weiß ich, welchen Gefahren Kinder im Internet ausgesetzt sind, sei es, Bestellungen zu unternehmen, für die ich zahlen muss, sei es, Seiten zu besuchen, die gerade sie als traumatisiertes Kind zu Dingen benutzt und verführt, die wir weder vertreten können noch gut heißen können.

Auch am Tag, als Jeannett nach Berlin zum Kindesvater abreist, ist sie hoch aggressiv. Sie hat zwischendurch mit ihm telefoniert. Das Ergebnis ist immer übel.

„Bringst du noch den Müll raus und fütterst die Katzen?“, erinnert Ruth sie an ihre Aufgaben.

„Ich weiß von allein, was ich noch zu tun habe“, brüllt Jeannett sie an.

„Es wäre nett, wenn du das Frühstücksgeschirr auch noch abräumst“, lässt Ruth sich gar nicht beeindrucken.

„Ich denke nicht dran“, schreit sie schrill. Einige Minuten später ist es in der Spülmaschine; sie hat es sich offensichtlich überlegt.

Es ist immer dasselbe kurz vor einem Besuchskontakt oder nach Telefonaten mit ihrem Vater. Diese Kontakte tun Jeannett nicht gut. Sicher spürt sie den inneren Konflikt, in den sie durch die Ansprüche des Kindesvaters kommt. Es muss ihr weh tun. Deshalb verletzt sie uns. Wir sind nun mal greifbar und auf uns kann sie ihren ganzen Frust und ihre innerliche Zerrissenheit übertragen uns sich sicher sein, dass wir Verständnis haben fü ihre Situation.

Nie würde der Kindesvater seine Tochter in dieser Situation unterstützen. für ihn geht es nur und ausschließlich um sein Ego, sienen uns erklärten Krieg zu gewinnen. Was für eine traurige Situation!

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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