Streitpunkt Weihnachtsferien

Weihnachten und Pflegefamilien, das ist meist ein schwieriges Thema. Zu dieser Jahreszeit besinnen sich meist die leiblichen Eltern darauf, dass ihre Kinder nicht bei ihnen wohnen, sondern in einer fremden Familie. Deshalb werden sie alles unternehmen, um sie zu Weihnachten bei sich zu haben. Was sie ihnen angetan haben, verschwindet dann meist in einem großen Rucksack, den sie möglichst nie wieder öffnen wollen.

Heute ist Frau Gerster vom Jugendamt bei uns zu Besuch. Es bietet sich ein harmonisches Bild. Ruth und Jeannett bringen eine Weihnachtsgirlande an der Treppe ins obere Stockwerk an. Aber mit der Harmonie ist es bald vorbei, als Frau Gerster die Weihnachtsferien anspricht.

„Wie stellst du dir denn nun die Weihnachtsferien vor?“, fragt sie Jeannett.

„Ganz einfach“, antwortet Jeannett, noch ziemlich entspannt, „Weihnachten möchte ich hier bei Mama und Papa verbringen. Am 26. fahre ich dann nach Berlin und komme am 2. Januar zurück.“

„Das ist genau die Zeit, in der Susann in Berlin ist“, gebe ich zu bedenken. „Ich bin eher dafür, dass du am 28. oder 29. fährst, dann ist die Zeit nicht so lang. Außerdem gibt es die Möglichkeit, dass Susann Sylvester hier verbringt.“

Jeannetts Gesicht verfinstert sich, ihre Lippen werden schmal. Zwischen den Augen bildet sich eine tiefe Furche.

„Ihr wollt doch nur verhindern, dass wir uns in Berlin sehen“, brüllt sie. „Und ich weiß, warum. Ihr haltet mich für krank! Ich habe alle Gutachten in deinen Ordnern im Büro gelesen. Susann soll Sylvester nicht allein im Heim verbringen, sie gehört zu unserer Familie!“

„Und Susann will gar nicht zu Sylvester zu euch kommen. Für sie seid ihr nicht mehr ihre Familie“, legt sie nach.

„Zu Tante Sarahs Geburtstag ist sie aber gerne mitgekommen“, wende ich ein.

„Das war aber nur, weil wir uns da wiedersehen konnten!“, schreit sie lauthals.

Frau Gerster fühlt sich sichtlich unwohl, es ist ihr peinlich, diesen Streit mitzuerleben und sie wirkt hilflos.

Erneut versuche ich einen schlichtenden Kompromiss. „Wie wäre es, wenn du am 28. oder 29. fahren würdest? Dann wäre es nicht alles so stressig.“

„Das geht nicht“, stellt Jeannett kurz und unumwunden fest.

Ich versuche ihr, eine Begründung zu entlocken. „Warum denn nicht?“, frage ich sie.

„Ich muss auf meine Schwester aufpassen“, antwortet sie ernst. „Es kann so viel passieren. Ich muss sie beschützen.“

Jetzt ist es raus. Sie will Susann nicht alleine lassen in der Höhle des Löwen. Jetzt offenbart sich, dass sie sich noch immer in der Rolle als Versorgerkind gegenüber Susann fühlt. Sie muss alles unter Kontrolle haben. Und natürlich konkurriert sie zugleich mit ihr um die Berliner Familie.

Ich fühle mich erinnert an die Zeit, als Jeannett und Susann kleine Stückchen und Gesangseinlagen vorführten. Immer hatte Jeannett das Sagen, hat Susann weiter geholfen, wenn sie stecken blieb und nicht weiter wusste. Sie hat sie schon immer beschützen müssen. Diesen Drang hat sie noch immer.

Schließlich einigen wir uns auf den 27. Dezember als ersten Besuchstag in Berlin. Und wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass der Kindesvater sich gar nicht darum schert, wann seine Kinder ihn besuchen.

Nun haben wir so viele Kompromisse gemacht, dass von unserer Absicht, zu verhindern, dass es Probleme mit dem Kindesvater gibt, kaum etwas übrig geblieben ist. Aber wir haben keine andere Wahl.

Mehr und mehr begreifen wir, dass sich unsere Rolle als Pflegeeltern ändert. Wir beschützen nicht mehr, sondern wir begleiten Jeannett bei ihren Entscheidungen und stehen bereit, um sie aufzufangen, wenn sie fällt.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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