Weihnachten und Sylvester: Wer ist wo?

Zu den Feiertagen gibt es immer Probleme. Pflegeeltern und leibliche Eltern konkurrieren beständig darum, wer die Feiertage wo verbringt. Der Kindesvater glaubt, er hätte ein natürliches Recht darauf, beide Kinder bei sich zu haben. Die Pflegeeltern aber sehen Probleme. So kommt es dazu, dass schon im Oktober diskutiert wird, wie man das Problem im Sinne der Kinder lösen kann.

Es ist Hilfeplangespräch und ganz großer Bahnhof. Frau Gerster, unsere Sachbearbeiterin, leitet das Gespräch. Auch Herr Sadowczik ist extra aus Berlin angereist, gemeinsam mit Herrn Sodann. Auch wir sind mit Jeannett zugegen. der erste Punkt wird schnell abgehandelt.

„Können wir uns darauf einigen, dass Jeannett einmal im Monat zum Besuchskontakt nach Berlin fährt?“, prescht Frau Gerster vor. Alle nicken.

Zwar ist uns diese Regelung äußerst suspekt. Wir wissen genau, dass der Einfluss des Kindesvaters Jeannett destabilisiert. Aber sie will es so und der Vater besteht darauf. Wir haben keine Chance, unsere Ansicht durchzusetzen.

„Nun kommen wir zum Jahresende“, leitet Frau Gerster das eigentliche Problem ein. „Jeannett, wo möchtest du feiern?“

„Ich möchte Weihnachten bei meinen Pflegeeltern feiern und Sylvester bei meinem Vater“, macht sie klar.

„Alles steht und fällt mit der zeit, die Susann in Berlin verbringen soll“, gebe ich zu bedenken. „Wir wissen aus Erfahrung, dass es beiden nicht gut tut, zur selben Zeit bei Herrn Sodann zu wohnen. Es kommt immer wieder zu Konkurrenzverhalten zwischen den beiden. Das ist bei uns nicht anders und es ist nicht leicht, mit dieser Situation umzugehen.“

Was wir meinen und alle am Tisch wissen und befürchten, ist, dass der Kindesvater es nicht leisten können wird, in diesem Fall richtig zu reagieren und überfordert ist.

„Ich glaube auch“, bestärkt uns Frau Gerster, „dass die beiden nicht länger als einen Tag gemeinsam bei Herrn Sodann verbringen sollten, und auch nur, wenn es unbedingt notwendig ist. Können wir uns darauf einigen?“

„Das würde bedeuten“, konkretisiert Herr Sadowczik, „dass Jeannett nicht vor dem 27.12. nach Berlin käme und Sylvester mit ihrem Vater verbringen würde. Susann würde Weihnachten in Berlin feiern und spätestens am 28.12. nach Hause fahren würde.“

„Können wir uns darauf einigen?“, wendet sich Frau Gerster an Jeannett und ihren Vater. Jeannett nickt wortlos, der Vater blickt grimmig und murmelt etwas, das man  wohlwollend als Zustimmung interpretieren könnte.

„Sollte es zu Unklarheiten kommen“, erlegt Frau Gerster dem Kindesvater auf, „wenden Sie sich bitte an mich oder die Pflegeeltern.“

Der Kindesvater brummelt etwas wie „ja mach ick“.

Schon Anfang November aber gerät die Absprache ins Wanken. Herr Sodan meldet sich bei uns.

„Ick wollte mal frarn“, tastet er sich vor, „ob Susann nich doch mit Jeannett zusamm Sylvester bei mir bleibn könnte. Dit wäa mia sehr wichtich“

Ich glaube es nicht. Hatten wir nicht eine eindeutige Absprache im Hilfeplangespräch? Hat er nicht zugestimmt? Hat er nicht begriffen, warum wir so entschieden hatten?

„Herr Sodann“, beginne ich, „ich halte das für keine gute Idee. Jeannett und Susann werden sicherlich streiten, wenn sie länger bei Ihnen sind. Außerdem haben die Jugendämter zu entscheiden. Wir sollten uns beide an deren Entscheidungen halten.“

„Hätt ja könn sein“, resigniert er. „Sie ham ja bessere Kontakte zu die Sachbearbeiter, ick dacht Sie könntn da wat erreichn. Und ick soll ja ooch imma erst mit Ihn redn.“

Das hört sich nicht gut an. Aus Erfahrung wissen wir, dass der Kindesvater nichts unversucht lässt, wenn es darum geht, seine Absichten mit den Kindern durchzusetzen und uns zu schaden. Wir rechnen mit allem. Vor allem wissen wir, dass der Mann für rationale Argumente absolut unzugänglich ist.

So müssen wir gegen unseren Willen, unsere Erfahrung und unsere Beobachtung einer Besuchsregelung zustimmen, die Jeannett auf kurze und lange Sicht enorm schaden wird. Da sie aber zunehmend mehr unter dem Einfluss ihres Vaters steht und deshalb selbst Umgangskontakte fordert, haben wir nur die Chance, das Schlimmste zu verhindern.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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