Klassenreise nach England

Klassenreisen sind dazu da, den Schülern zu zeigen, dass es andere Völker auf der Erde gibt, die anders sprechen und auch anders leben. Zwar waren wir mit Jeannett schon einmal in England, aber eine gut organisierte Klassenreise bleibt für immer ein besonderes Erlebnis. Es ist Lehrern hoch anzurechnen, wenn sie neben dem normalen Unterrichtsalltag die Last auf sich nehmen, eine solche Fahrt vorbereiten und durchführen und letztlich auch viel Verantwortung auf sich nehmen.

Heute packt Jeannett für das große Ereignis. Susann, die bei uns zu Besuch ist, hilft ihr. Viel muss bedacht werden, ein Geschenk für die Gastfamilie, der Pass, die entsprechende Kleidung für das launische Wetter im Inselstaat.

Schließlich ist es so weit. Wir stehen zusammen mit den anderen Eltern abends am Bus, der vor der Schule parkt. Jeannett überspielt ihre Aufregung, indem sie abwechsend mit ihren Klassenkameraden scherzt und wieder zu uns kommt, uns umarmt und sich schließlich verabschiedet. Als sie wieder zurück ist, lässt sie mich ihre Tagebuchnotizen lesen:

Sonntag

Langsam setzt sich der Bus in Bewegung. Es sind nur ein paar Kilometer bis zur Autobahn. Dann folgt eine Fahrt, stundenlang, erst durch Deutschland, dann durch Belgien und schließlich über die französische Grenze. Alle im Bus sind aufgeregt. Für manche ist es die längste Reise, die sie je unternommen haben.

Früh am Morgen kommen wir in Calais an. Ich kenne es bereits, von unserem Englandurlaub. Auf der Fähre können wir uns frei bewegen. Viele von uns treiben sich in den Casinos mit den Spielautomaten herum. Das ist nichts für mich. Ich mache lieber mit einigen Freundinnen die Außendecks unsicher. Es ist stürmisch und das Schiff schlingert und schaukelt. Der Wind bläst uns durch die Haare. Ein unglaublich cooles Gefühl!

Nach einer Stunde geht langsam die Sonne auf. Wir können die englische Küste sehen. Sie kommt immer näher, bis wir die weißen Felsen von Dover sehen können. Es ist wie damals. Rot von der aufgehenden Sonne erleuchtet.

Dann ist es Zeit, wieder in den Bus einzusteigen. Wir verlassen das riesige Klappentor des Schiffes und müssen durch die Kontrolle. Ein englischer Polizist oder sowas kommt in den Bus und fragt gerade meine Freundin, die neben mir sitzt, etwas. Die hat keinen Plan. Ich habe verstanden, dass er ihren Perso sehen will. Er hat sie dann noch gefragt, wo wir hinfahren und uns eine schöne Fahrt gewünscht. Ich hab alles übersetzt.

Nach ein paar Stunden Busfahrt kommen wir in Southampton an. Alle steigen aus und wir werden auf die Familien verteilt. Unsere sind sehr nett. Sie sprechen ganz langsam, so dass wir es verstehen können. Wir sind drei Mädels. Das Haus ist eigentlich kein richtiges Haus, sondern nur eine Scheibe von einem Haus mit einem winzigen Garten. Zum Abendessen gibt es ein richtiges Mittagessen, das die hier „supper“ nennen oder auch „dinner“. Es schmeckt nur etwas komisch, das Fleisch hat einen dicken Fettrand. Danach gibt es ganz schwarzen Tee, den man sich mit Milch verdünnen kann und ein Stück Kuchen. Dann gehen wir ins Bett; wir sind so müde von der Fahrt.

Dienstag

Heute Morgen gibt es erst einmal Frühstück. Wieder diesen total schwarzen Tee oder Orangensaft. Dazu Cornflakes oder Müsli mit Zucker. Außerdem gibt es Toast mit so einer komischen Orangenmarmelade mit Schalen drin. Möchte wissen, wie ich das Essen hier überleben soll.

Um zehn treffen wir uns in der Innenstadt. Stadtführung ist angesagt. Es gibt eine Einkaufsstraße, wo auch alle Busse abfahren. Da ist auch ein großes steinernes Tor, das „Bar Gate“ heißt. Wir laufen weiter zum Hafen. Da liegen eine Menge Kreuzfahrtschiffe, die alle „Queen“ Soundso heißen. Sie kommen und gehen in alle Welt und die Touristen sehen sich für ein paar Stunden die Stadt an.

Nachmittags haben wir frei. Wir schlendern durch die Stadt und – klaro – shoppen in diesem riesigen Einkaufszentrum.

Abends dann wieder „supper“. Diesmal ein Stück Fisch, das merkwürdig nach Pappe schmeckt, danach wieder diesen Tee und den süßen Kuchen.

Danach rufe ich Mama und Papa an. Sie wollen wissen, ob ich gut angekommen bin. Hab zwar kein Heimweh, aber es ist gut, sie zu hören und mit ihnen zu quatschen.

Mittwoch

Wieder dieses komische Frühstück. Dann treffen wir uns wieder. Heute besuchen wir eine Schule. Die Schüler tragen alle Uniformen, die Jungs weiße Hemden mit Krawatte, graue Hosen und blaue Jacketts, die Mädels blaue Röcke und sonst dasselbe wie die Jungs. Wir haben sie gefragt, ob sie das gut finden, das heißt, ich habe gefragt, sonst traut sich nur noch Leonie, was auf Englisch zu sagen. die Mädels meinen, sie fänden es ätzend, dass sie nach Hause geschickt werden, wenn die Röcke zu kurz sind – so´n Schwachsinn! Überhaupt geht es da ziemlich gesittet zu, aber sie dürfen im Unterricht auch in die Bibliothek, wo die ganzen Laptops stehen und Projekte vorbereiten. Bei uns würden alle irgendwo im Web surfen und nichts zum Thema tun, aber die machen das einfach nicht. Sie müssen ihre Arbeit bis zu einem bestimmten Tag abgegeben haben. Jeder hat einen Tutor, ein Lehrer, der überprüft, ob man was getan hat und einem bei Problemen hilft. Das find ich gut.

Sie haben da eine Stunde Mittagspause und jeder kann in der Kantine essen gehen. Wir haben heißen Apfelkuchen bekommen, mit heißer Vanillesoße drüber, es nennt sich „apple pie and custard“. Dann müssen sie nochmal bis vier nachmittags Unterricht machen, aber da können sie auch ihre Hausaufgaben machen.

Heute Abend gehen wir in ein Pub. Es ist ziemlich dunkel, mit vielen Nebenzimmern. Das Komische ist daran, dass man sich die Getränke von der Bar abholen muss. Immer einer lädt eine ganze Gruppe ein, alle Leute, mit denen man eben da ist. Wir haben das natürlich nicht gemacht! Der Mann hinter der Bar hat ganz schön schräg geguckt, dass wir alle einzeln kamen und einzeln bezahlt haben! Um halb elf hat der Wirt dann eine Glocke geläutet und „Time, please“ gerufen. Das heißt, dass man jetzt ganz schnell austrinken muss, weil der Laden um elf zumacht.

Das war wirklich ein spannender Tag heute! Ich bin so glücklich, dass ich so viel erleben kann!

Donnerstag

Das Frühstück ist wirklich immer dasselbe! aber heute bekommen wir ein Lunchpaket mit: Zwei Toastscheiben, gekochten Schinken, ein Salatblatt und Mayonnaise. Sowas bekommt man kaum in den Mund!

Dann fahren wir mit dem Bus nach London. wir sehen das Britische Parlament, Big Ben, das London Eye, dieses riesige Riesenrad, machen eine Fahrt auf der Themse und besuchen das Obervatorium in Greenwich. Naja, das kannte ich ja schon und konnte schon eine Menge darüber erzählen, zum Beispiel über den Nullmeridian, von dem aus die Weltzeitzonen ausgehen. Wir haben auch Madame Tussaud´s Wachsfigurenkabinett besucht. Da konnte ich mich mit Einstein fotografieren lassen! Abends waren wir dann im Musical Cats, coole Musik und Tänzer! Abends sind wir dann nach Southampton zurück gefahren.

Freitag

Heute haben wir freien Tag! Ich war mit Leonie und ein paar mehr Freundinnen in der Stadt und am Hafen. Meistens haben wir geshoppt. Abends haben wir uns mit ein paar Leuten nochmal in diesem unheimlich alten Pub getroffen. In einem Hinterzimmer haben da ein paar Leute Musik gemacht, man nennt das „Folk Music“. War nicht so mein Fall, ´ne Disco hätte mir mehr gefallen.

Samstag

Heute geht´s wieder nach Hause. Die meisten hatten nicht genug Geld, damit die Fahrt länger dauert. Leider war´s schon dunkel, als wir in Dover ankamen. Die Überfahrt war ganz ruhig. So kamen wir Sonntag Morgen wieder zu Hause an.

Ich bin froh, wieder zu Hause zu sein. Mama und Papa haben mich abgeholt und wir sind erst mal zum Griechen was Vernünftiges essen. Und ich freue mich schon morgen auf ein richtiges Brötchen mit Nutella zum Frühstück und einen Becher Kakao!

Nachdem ich das gelesen habe, war ich überzeugt: Unser Kind ist glücklich! Sie hat es so gut, dass wir ihr all dies ermöglichen können! Sicher schießt das Jugendamt etwas zu den Kosten zu, aber es gibt auch Eltern, die finanziell zu kämpfen haben und sich solche Extravaganzen vom Munde absparen müssen.

Es ist uns klar: Jeannett gehört hier her und nicht nach Berlin! Alles würden wir dafür tun, ihr das Abitur oder eine Ausbildung zu ermöglichen. Es ist nicht auszudenken, was geschehen würde, lebte sie wieder bei ihrem Vater, in ungesicherten Verhältnissen, ohne intellektuelle Anregung und die Möglichkeit, sich best möglich zu entwickeln.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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