Das Gericht tagt

Es ist für Pflegekinder und Pflegeeltern gleichermaßen eine Anstrengung, vor Gericht erscheinen zu müssen. Immer ist es der letzte Ausweg, die Schlichtung, eine Entscheidung durch einen Richter oder eine Richterin. Wir hätten es am liebsten vermieden. Aber der Kindesvater verspricht sich offensichtlich Vorteile für sich, die hier festgelegt werden könnten.

Vorher aber gilt es, Jeannett so unbeschadet wie möglich durch die Situation zu bringen. Die Anwältin hat vorgeschlagen, uns eine Stunde vor dem Termin zu treffen, damit sie mit Jeannett reden kann.

„Du darfst vor Gericht alles sagen, was du magst“, bestärkt sie Jeannett, „und du darfst eine Person mitnehmen, der du besonders vertraust. Du darfst aber auch gar nichts sagen, wenn du nicht möchtest.“

Jeannett nickt versonnen mit ihrem Kopf.

„Du brauchst auch keine Angst zu haben, dass du etwas vor deinem Vater oder deinen Pflegeeltern sagen musst, die Richterin wird allein mit dir sprechen.“

Dann ist es so weit. Wir betreten das große, altehrwürdige Gebäude. Die großen Flügeltüren des Saales sind noch geschlossen.

Alle Beteiligten sind bereits versammelt: Jeannett mit uns, die Anwältin, Tante Sarah, die Jeannett während der Wartezeit unterstützen soll, die Jungendamtsmitarbeiter Frau Gerster und Herr Sadowczyk und abseits stehend der leibliche Vater, Herr Sodann und seine Lebensgefährtin.

Zuerst werden alle außer Jeannett und Tante Sarah hereingerufen.

„Wir verhandeln hier also das Begehren des sorgeberechtigten Vaters der Jeannett Sodann, seine Tochter wieder in seinen Haushalt aufzunehmen“, beginnt die Richterin die Verhandlung. „Herr Sodann, möchten sie sich dazu äußern?

Der Angesprochene lümmelt sich mit verschränkten Armen auf den Stuhl. Es scheint, dass er den Anwesenden vermitteln möchte, dass er sowieso Recht hat und alles im Griff hat.

„Ick habe dit Recht, dit meene Tochter bei mir wohnt!“, poltert er los. „Ick hab mir da informiert!“

„Sie haben zwar das Sorgerecht“, gesteht die Richterin zu, „das heißt aber noch nicht, dass es für Ihre Tochter auch das Beste wäre, wieder bei Ihnen zu wohnen.“

„Das ist sehr zu bezweifeln“, meldet sich jetzt Frau Gerster. „Jeannett wohnt jetzt seit sieben Jahren in der Pflegefamilie und hat große Fortschritte gemacht. Das Risiko einer Rückführung zu ihrem Vater stünde in keinem Verhältnis zum Kindeswohl.“

Herr Sadowczyk nickt.

„Ick besteh ja ooch jar nich daruff dit meene Tochter bei uns einzieht“, schränkt der Kindesvater nun ein, „aba ick will se in meena Nähe haben. Der janze Zirkus mit die Besuche is doch lächerlich.“

„Man sollte auch mit einbeziehen, dass die beiden Kinder in ihrer Kindheit durch eben den Kindesvater vernachlässigt wurden“, versucht die Anwältin dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

„Ick, vernachlässigt?“, braust der Angesprochene auf. „Ick liebe meene Töchter, ick hab ihnen nie wat jetan!“

„Das ist jetzt hier nicht Gegenstand der Verhandlung“, schreitet die Richterin ein. „Ich darf Sie jetzt nach draußen bitten und werde mich jetzt mit Jeannett unterhalten.“

Alle verlassen den Saal. Jeannett betritt den Raum mit ernstem Gesicht und gebeugtem Kopf. Die Richterin verlässt den Richtertisch und setzt sich mit ihr an einen der davor stehenden Tische.

„Du weißt, worum es hier geht?“, fragt die Richterin vorsichtig. „Dei Vater möchte, dass du zu ihm nach Berlin ziehst.“

„Ja, ich weiß“, antwortet Jeannett leise.

„Möchtest du nach Berlin?“, erkundigt sich die Richtrein.

„Nein, eigentlich nicht“, antwortet Jeannett halblaut. „Ich möchte lieber bei meinen Pflegeeltern bleiben und die Schule zu Ende machten. Was danach ist, weiß ich noch nicht.“

„Wenn du dich so entscheidest“, mahnt sie die Richterin, „dann ist das eine Entscheidung bis zum Ende der Schulzeit. Dann kannst du nicht morgen wieder ankommen und sagen, du willst doch lieber nach Berlin.“

„Das ist ok“, stimmt Jeannett zu. „Und ich will nicht mehr darüber reden, nach Berlin umzuziehen.“

Die Richterin nickt und lässt die anderen Beteiligten wieder eintreten. Sie berichtet über das Ergebnis.

Der Kindesvater und seine Lebensgefährtin sind geschockt.

„Dit is unglaublich“, ereifert sich jetzt die Lebensgefährtin. „Die Pflegefamilie hat Jeannett sogar einjesperrt, ick hab dit Telefonat anjenomm‘.“

„Das war doch eher so“, verteidigt uns jetzt unsere Anwältin, „dass Jeannett aufräumen sollte und deshalb nicht mit einer Freundin weggehen sollte. Zu keinem Zeitpunkt wurde sie eingesperrt, es war eine rein erzieherische Maßnahme.“

Jeannetts Gesicht verfinstert sich.

„Für das weitere Vorgehen ist allein der Wille des Kindes erheblich“, betont jetzt die Richterin. „Jeannett hat eindeutig ihren Willen bekundet, bei den Pflegeeltern bleiben zu wollen.“

„Ich lege daher fest, dass in Zukunft eine lückenlose Zusammenarbeit zwischen Pflegeeltern, dem Kindesvater und den Jugendämtern zu erfolgen hat. Sollte Jeannett dennoch zu irgend einem Zeitpunkt bis zu ihrem Schulabschluss die Pflegefamilie verlassen wollen, so haben die Jugendämter zuzustimmen und genau zu prüfen, welche Maßnahmen zu treffen sind. Können sich damit alle einverstanden erklären?“

Es gibt keinen Widerspruch.

„Dann verfahren wir so. Natürlich hat jede der Pateien weiterhin die Möglichkeit, das Gericht anzurufen. Die Sitzung ist geschlossen.“

Alle verlassen den Saal. Kindesvater und Lebensgefährtin würdigen Jeannett keines Blickes. „Komm, wir jehn!“, ruft er seiner Lebensgefährtin unwirsch zu.

„Na, das ist doch gut gelaufen“, frohlockt unsere Anwältin. „Weil es sich um einen Vergleich handelt, ist die Entscheidung nicht mehr anfechtbar. Das Kind verbleibt jetzt definitiv bei Ihnen.“

Wir können uns nicht ungeteilt über das Ergebnis freuen. Nicht mit einem Wort ist erwähnt worden, dass der Kindesvater seine Tochter vernachlässigt und misshandelt hat und schon allein aus diesem Grund eine Rückkehr ausgeschlossen sein müsste. Außerdem ist Jeannetts labile Situation damit keinesfalls beseitigt. Gewiss, bis zum Schulabschluss ist die Situation geklärt, aber was ist mit der Zeit bis zu ihrer Volljährigkeit?

Jeannett ist und bleibt ein traumatisiertes Kind. Wir wissen, dass wir noch viel durchzustehen haben. Wenn wir Glück haben, können wir ihr einen guten Start ins Leben verschaffen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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