Missglückter Besuch

Pflegekinder in der Pubertät sehnen sich danach, zu erfahren, woher sie kommen. Pflegeltern sollten sie darin unterstützen, das zu ergründen. Dazu braucht es auch mal einen Ausflug in die Gegenwart der jenigen, die davon betroffen sind. Auch, wenn sie gar kein Interesse daran haben, ihre Kinder wieder zu sehen.

Wir unternehmen heute einen solchen Ausflug. Jeannett hat mich gebeten, sie zu begleiten. Die Fahrzeit beträgt etwa fünfungvierzig Minuten, bis ich mit Jeannett vor einem Plattenbau einer niedersächsischen Kleinstadt stehe, wie man sie damals in den Siebzigern gebaut hat. Irgendwie fühle ich mich wie in Berlin-Hellersdorf. Wände tragen Graffiti, Essensgeruch dringt auf die Straße. Zielgerichtet findet Jeannett den richtigen Klingelknopf unter Dutzenden, der ihrer Mutter gehört. Nichts passiert. Erneut. Nichts rührt sich.

„Du hast doch angekündigt, dass wir kommen“, versichere ich mich noch einmal bei Jeannett.

„Natürlich“, empört sich Jeannett, „Sie hat mir auf die SMS geantwortet, dass sie sich freut.“

Sie geht einige Schritte rückwärts, um das Haus ganz im Blick zu haben.

„Da oben, Papa, da ist es. Sieh, das Fenster ist sogar offen!“

Aus dem Fenster der Wohnung, die Jeannett als die ihrer Mutter identifiziert hat, dringt dröhnende Musik.  Jeannetts Rufen verschwindet in der Lautstärke der Schlagerklänge.

„Täuschst du dich auch nicht?“, frage ich sie zaghaft.

„Neeein, ich war doch schon mal da. Sie muss da sein! Ich weiß es!“

Eine Träne rollt über ihre Wange, die sie hektisch abwischt. Dann schreitet sie festen Schrittes zurück zum Klingelbrett und betätigt einen anderen Knopf. Noch einmal. Es summt und sie stößt die Tür auf. Wir treten ins Treppenhaus ein und rufen den Fahrstuhl.

„Ich weiß“, erklärt Jeannett, „dass da meine Tante wohnt, eine Schwester von meiner Mutter. Die weiß bestimmt mehr.“

Der Fahrstuhl trägt uns ins achte Stockwerk. Als wir aussteigen, erwartet uns Jeannetts Tante bereits an der nur einen Spalt breit geöffneten Haustür. Eine Mischung zwischen Kohlgeruch und Rauch dringt aus der Tür. Jeannett bezieht einige Schritte vor mir Position, ich stehe in ihrem Rücken. Vor ihr eine kleine, gebrechliche Frau, mit halblangen, wirren Haaren, die Augen blutunterlaufen. Sie trägt einen blauen Jogginganzug, dem eine Wäsche gut tun würde, an den Füßen Filzpantoffeln.

„Was wünschen Sie?“, krächtzt sie mit heiserer Stimme, mich dabei anblickend. Jeannett lässt sich nicht aus der Fassung bringen.

„Ich wollte nur wissen, ob meine Mutter eventuell da ist. Wir haben uns für heute Nachmittag verabredet.

„Wer bist du denn“, fährt sie sie an.

„Ich bin ihre Tochter, ich war neulich schon mal bei ihr“, erklärt Jeannett. Die gealterte Frau in der Tür macht eine unbeiteiligte Miene.

„Keine Ahnung“, stößt sie unwirsch hervor. „Hab Nora schon lange nicht mehr gesehen. Keine Ahnung, wio sie ist.“

„Hoffentlich ist ihr nichts passiert“, sorgt sich Jeannett nun.

„Keine Sorge, der passiert so schnell nichts“, murmelt die Tante.

„Wer ist es denn“, hört man nun eine kräftige Männerstimme rufen.

„Ach niemand“ ruft die Verwandte zurück und schließt die Tür. Jeannett macht eine Drehung und sinkt in meine Arme um sich nach einigen Sekunden wieder aufzurichten und ihre Fassung wieder zu finden. Wir nehmen den Fahrstuhl ins Erdgeschoss und verlassen das Haus.

„Ihr ist bestimmt was dazwischen gekommen“, versucht sie nun, ihre Mutter zu schützen und sich zu überzeugen. „Kann doch sein, nicht?“

Ich habe mir für die ganze Zeit, seit wir das Haus betreten haben, eisernes Schweigen auferlegt. Was sollte ich auch sagen? Deine Mutter will nichts mit dir zu tun haben? Sie will dich nicht sehen? Deine Verwandten sind nicht der richtige Umgang für uns? Ich glaube, ich kann ihr nur helfen, indem ich schweigend tröste.

Wir steigen ins Auto und machen uns wortlos auf den Rückweg. Da klingelt Jeannetts Telefon.

„Ja.“, antwortet sie.

„Ja.“

„Ja.“

„Das ist ganz schlecht.“

„Ok. Tschüss“

„Das war mein Vater“, wendet sie sich an mich. „Sein Anwalt kann nicht zum Gericht kommen.“

Schweigen.

„Ich mach mir solche Sorgen“ beginnt sie wieder. „Er ist dann ganz allein da und hat keine Unterstützung.“

„Ganz kann ich das nicht verstehen“, breche ich mein Schweigen. „Er hat das doch alles angefangen. Du musst letztlich entscheiden, wie die Sache ausgeht.“

„Ich weiß“, antwortet sie bedrückt. „Er ist nicht Schuld. Er hat nur gemacht, was ich gesagt habe. Aber irgend etwas hält mich wie ein Magnet bei euch. Ich will nicht weg. Ich wollte nur sehen, wie weit er sich für mich einsetzt. Wie weit ich gehen kann. Ich habe ihn ja total in der Hand.“

Gewusst habe ich es nicht, aber ich habe es geahnt. Die Geister, die sie rief, wird sie nun nicht mehr los. Und hat sich selbst in einen Konflikt gebracht, den der Kindesvater schamlos ausnutzt. Aber was soll er auch denken? Er hält das, was seine Tochter ihm sagt, für die Wahrheit. Das Dilemma, in dem sich Jeannett befindet, in das sie sich selbst gebracht hat, ist perfekt.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Missglückter Besuch

  1. Land Ei schreibt:

    Manchmal habe ich echt den Eindruck, dass Jeannett und Mini sich kennen. Oder seelenverwandt sind….

    • Sir Ralph schreibt:

      Da bestätigt sich mal wieder, dass die Probleme traumatisierter Pflegekinder sich ziemlich ähnlich sind, oder? Ist ja auch kein Wunder bei der gleichen Sozialisation!

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